Eine Meta-Brille liest die Speisekarte vor, beschreibt den Partner und erkennt die Joghurtsorte – oder versucht es zumindest. Unterwegs mit einem blinden Paar.Samuel Meier (Text), Helen Ree (Bilder)26.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenAls Andrea Burri zum ersten Mal die Meta-Brille ihres Partners aufsetzt, lässt sie sich von der KI das Wohnzimmer beschreiben. An der Wand hängen vier altertümliche Malereien auf Holz. Sie zeigen Paare in Tracht auf dem Land in den vier Jahreszeiten, dahinter Wiesen, Felder, Reben und Schnee.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vor Begeisterung kommen Andrea die Tränen. «Das waren bisher nur Holzbretter für mich», sagt sie. «Endlich wurde mir bewusst, was für schöne Bilder das sind.» Kurz darauf kauft sie sich auch eine smarte Brille.Andrea Burri ist seit der Kindheit blind. Mit ihrem ebenfalls blinden Partner Kurt Halbheer und dem Labrador Tessa lebt sie in Goldach am Bodensee. Als die «NZZ am Sonntag» sie einige Wochen später zu Hause besucht, ist die anfängliche Euphorie abgeflaut. Ganz so leicht lässt sich die Brille nicht bedienen, und sie macht immer wieder Fehler. Und doch glaubt das Paar genauso wie Blindenorganisationen, dass die KI-Brille für viele Blinde bald zu einem wichtigen Alltagswerkzeug werden könnte.«Kannst du mir das noch genauer sagen?»Der Reporter setzt die Brille auf: «Hey Meta, beschreibe die Person, die mir gegenübersitzt.» Ein Ton erklingt, ein Klicken, dann scheint die Brille nachzudenken und antwortet: «Die Person ist eine Frau mit blondem Haar. Ihr Haar ist seitlich gescheitelt, und ihre Strähnen fallen locker über die Schläfen und Wangen. Ihre Augenlider sind hell und haben eine natürliche Farbe. Es sind keine starken Augenfalten um die Augen herum zu sehen, was auf ein entspanntes Gesicht hinweist, auch wenn ihre Stirn leicht in Falten gelegt ist. Neben ihr stehen ein Glas Wasser, ein Joghurt und ein Gewürzglas.»Dann demonstriert Andrea die Brille: «Hey Meta, was steht auf dem Joghurt?» Sie neigt den Kopf, hört konzentriert auf die Stimme aus dem Brillenbügel – und verzieht das Gesicht. «Ach, sie versteht überhaupt nichts.»«Hey Meta, was steht auf dem Joghurt?»: Andrea Burri mit der Meta-Brille.«Du musst sie zuerst wecken», sagt Kurt. «Und manchmal musst du die Frage ändern. Du musst sagen: auf dem Becher.» Kurt spricht mit jenem weichen, fast verschluckten R, das man in der Ostschweiz oft hört. Er sitzt geduldig daneben, trägt ein kleinkariertes Hemd und einen buschigen Schnurrbart.Andrea versucht es erneut: «Hey Meta, was steht auf dem Joghurtbecher?» Die Brille liest Marke und Fettanteil des Joghurts vor, aber verrät den Geschmack nicht. «Hey Meta, kannst du mir noch genauer sagen, was auf dem Joghurt steht?» Wieder nichts. Genervt haut sie mit der Faust auf den Tisch. «Hey Meta, was ist das für ein Fruchtjoghurt?»Endlich antwortet die KI: Apfel, Pfirsich, Erdbeere. Andrea atmet auf. Kurt sagt: «Siehst du, du musst einfach die Frage ändern.»Nur stimmt die Antwort nicht. Es ist ein Birchermüesli-Joghurt. Darin sind weder Pfirsich noch Erdbeeren. Es wird nicht das einzige Mal an diesem Nachmittag sein, dass die KI halluziniert.Es sieht so schön ausSmarte Brillen gelten derzeit als eines der interessantesten neuen Hilfsmittel für blinde und sehbehinderte Menschen. Sie sollen sie im Alltag selbständiger machen: Texte lesen, Gegenstände erkennen, Räume beschreiben, Hilfe holen.«Du musst sie zuerst wecken», sagt Kurt Halbheer. «Und manchmal musst du die Frage ändern.»Andrea Burri und Kurt Halbheer besitzen beide eine Ray-Ban-Meta. Neu kostet sie mindestens 429 Franken. Vor kurzem hat Meta Brillen auf den Markt gebracht, die bereits für 269 Franken erhältlich sind. Brillen, die speziell für Sehbehinderte entwickelt wurden, kosten ein Vielfaches mehr.«Die Meta-Brille ist so günstig, weil sie nicht für Blinde entwickelt wurde, sondern für alle», sagt Andrea. Auch das Aussehen gefällt dem Paar. Die Brille wirkt nicht wie ein medizinisches Hilfsmittel, sondern wie eine normale Sonnenbrille.Kurt nutzt sie zum Beispiel, um Verfallsdaten von Produkten im Kühlschrank zu prüfen. Ständig tragen will er die Brille aber nicht. Andrea lässt sich gerne Blumen beschreiben oder die Umgebung erklären. «Manchmal denke ich, sie beschreibt mir Goldach schöner, als es eigentlich ist.»Tatsächlich klingt die weiche, gut gelaunte Stimme manchmal wie aus einem Werbefilm. «Der Himmel ist soo schön blau», sagt sie. Oder: «Der schön begrünte Balkon sieht sehr umweltfreundlich aus.»Was die Brille verschweigt, merkt man nichtIn der Küche hält Andrea eine Packung Pasta in der Hand. «Hey Meta, wie muss ich diese Nudeln kochen?» Die KI erklärt ausführlich, wie viel Wasser es brauche, dass man es salzen und die Nudeln zehn bis zwölf Minuten kochen solle. Doch auf der Packung steht: neun Minuten. Verkochte Nudeln. Na ja. Immerhin empfiehlt die KI, etwas Pastawasser für die Sauce aufzubewahren.«Hey Meta, wie muss ich diese Nudeln kochen?» Die KI empfiehlt zehn bis zwölf Minuten Kochzeit - statt neun Minuten.Später sitzen wir im Café. Andrea lässt sich die Getränkekarte von der Brille vorlesen und bestellt einen Eistee. Die KI bedeutet in diesem Moment ein Stück Unabhängigkeit. Andrea muss sich die Karte nicht vom Servicepersonal vorlesen lassen.Tatsächlich liest die KI fast die ganze Karte vor – nur ganz unten überspringt sie ein paar Getränke. Bleibt zu hoffen, dass sich nicht gerade dort das Lieblingsgetränk versteckt.Doch solche Unvollständigkeiten sind gerade für blinde Menschen ein Problem. Sie können nicht mit eigenen Augen überprüfen, ob die KI etwas weggelassen oder falsch beschrieben hat.«Du musst vertrauen, immer ewig vertrauen», sagt Andrea. Bei einer Getränkekarte ist das vielleicht ärgerlich. Bei einem Allergiehinweis kann es gefährlich werden.«Du musst immer mitdenken», sagt Kurt. Oft müsse man die Brille korrigieren, die Frage anders stellen oder sie auffordern, noch genauer hinzuschauen. Mit der Zeit lerne man besser, wann die KI Fehler mache und wie man sie vermeiden könne.Ein neues Werkzeug für BlindeDass smarte Brillen für Sehbehinderte immer wichtiger werden, merken auch die Blindenorganisationen. «Wir sehen viel Begeisterung für dieses Produkt», sagt Carol Lagrange, Leiterin Kommunikation beim Schweizerischen Zentralverein für das Blindenwesen.Auch Sandro Lüthi, Geschäftsführer der Apfelschule, die sehbehinderten Menschen Schulungen zu Smartphones, Uhren, Tablets und KI-Brillen anbietet, schwärmt von der Technologie: «Es ist ein Riesenvorteil, dass mit der Brille die Hände immer frei bleiben.»Dass smarte Brillen für Sehbehinderte immer wichtiger werden, merken auch die Blindenorganisationen.Besonders wertvoll sei auch die Möglichkeit, per Videoanruf eine sehende Person zuzuschalten. Diese sieht dann durch die Kamera der Brille, was vor der sehbehinderten Person liegt, und kann sie über einen Platz lotsen oder ihr sagen, wo ein Fussgängerstreifen ist.Die Apfelschule testet auch andere Produkte, doch die Meta-Brille ist laut Lüthi mit Abstand am beliebtesten. Auch Meta hat den Wert der Brille für sehbehinderte Menschen erkannt und bewirbt ihre Barrierefreiheit aktiv.Zudem ist die Brille mit der App Be My Eyes verknüpft. Darüber können blinde Menschen Freiwillige in ihrer Sprache anrufen, die ihnen für einen Moment die Augen leihen, etwa beim Auswählen eines Outfits oder beim Einstellen eines Thermostats.Die App gibt es schon länger auf dem Smartphone. Mit der Brille verändert sich die Nutzung: Die Hände bleiben frei. Wer mit Blindenstock oder Führhund unterwegs ist, muss nicht zusätzlich ein Telefon vor sich halten.Ersetzt die Brille also den Blindenstock? Lüthi verneint. Die Brille könne ein wichtiges Hilfsmittel werden, sagt er. Der Stock bleibe aber zentral – auch, weil er anderen Menschen signalisiere, dass jemand blind oder sehbehindert sei.Datenschutz wird ausgeklammertDer Elefant im Raum ist der Datenschutz. Die Brille hilft, weil sie sieht. Doch sie sieht nicht nur Joghurtbecher und Speisekarten. Sie sieht auch Menschen.Damit die KI die Umwelt beschreiben kann, muss sie Aufnahmen machen und diese in die Meta-Cloud hochladen. Rechtlich ist das heikel, sobald fremde Personen erkennbar sind.«Es besteht ein Recht am eigenen Bild – das heisst, Sie dürfen ohne Einwilligung keine fremden und erkennbaren Personen aufnehmen», sagt Stephanie Volz, die an der Universität Zürich zu Datenschutzrecht forscht. Erkennbar heisse nicht zwingend das Gesicht. Auch Kleidung, Ort oder andere Merkmale könnten schon reichen.Für Betroffene ist das Recht am eigenen Bild zwar stark, im Alltag aber schwer durchsetzbar. Wer ungefragt gefilmt wird, muss sich selbst wehren bei der Person, die filmt, und hat meistens nur den Weg der Zivilklage. Der Anwalt und Datenschutzexperte Martin Steiger beschreibt das als Kernproblem: In Alltagssituationen gebe es faktisch kaum eine Durchsetzung des Rechts am eigenen Bild.Der Elefant im Raum ist der Datenschutz. Die Brille hilft, weil sie sieht. Doch sie sieht nicht nur Speisekarten. Sie sieht auch Menschen: Andrea Burri und Kurt Halbheer.Aber auch für Nutzerinnen und Nutzer kann der Gebrauch datenschutzrechtlich heikel sein. Denn es ist unklar, wer potenziell Zugriff auf die Bilder und Tonspuren hat, die in die Meta-Cloud geladen werden.Eine Recherche der schwedischen Zeitungen «Svenska Dagbladet» und «Göteborgs-Posten» zeigte, wie weit solche Einblicke gehen können: Beschäftigte eines Meta-Subunternehmens in Kenya berichteten, sie hätten heikle Aufnahmen aus Ray-Ban-Meta-Brillen gesehen – etwa Toilettengänge, Bankkartendaten und sexuelle Handlungen.Sandro Lüthi von der Apfelschule sagt, man spreche solche Risiken in den Kursen an. «Wir empfehlen, die Brille nicht in heiklen Momenten zu brauchen. Zum Beispiel beim Ausfüllen der Steuererklärung oder im E-Banking.» Auch im Bad und im Schlafzimmer solle man vorsichtig sein. Es sei immer eine individuelle Abwägung zwischen Nutzen und Verlust an Privatsphäre.«Kurt lacht mich aus, aber ich bin hier heikler», sagt Andrea Burri. «Das mit der KI ist schon noch ein wenig unheimlich.»Andrea Burri und Kurt Halbheer gewichten diese Abwägung unterschiedlich. «Datenschutz nervt mich. Ich habe ja nichts zu verbergen», sagt Kurt. Andrea ist skeptischer. Sie fragt sich, was die Brille mithört, wenn sie gerade nicht gebraucht wird. Schliesslich muss sie auf «Hey Meta» reagieren können. «Kurt lacht mich aus, aber ich bin hier heikler», sagt sie. «Das mit der KI ist schon noch ein wenig unheimlich.»Noch fehlt die Echtzeitnavigation für BlindeBeim Laufen draussen zeigt sich eine weitere Grenze der Brille. Wenn Kurt wissen will, was vor ihm liegt, muss er anhalten, eine Frage stellen und auf die Antwort warten. Erst dann kann er weitergehen. Für echte Navigation ist das zu langsam.Laut Meta soll bald eine Fussgängernavigation ausschliesslich mit Sprachanweisungen in Echtzeit eingeführt werden. «Wenn die Brille in einem Live-Modus einen immer warnen würde, sobald ein Hindernis oder eine Abzweigung auftaucht, wäre das nochmals eine grosse Verbesserung», sagt Sandro Lüthi von der Apfelschule.Als Andrea Burri versucht, draussen nur mit der Brille zu navigieren, kommt sie rasch an Grenzen. Die Beschreibungen sind zu ungenau und zu lückenhaft.KI-Brillen werden den Alltag von sehbehinderten Menschen erleichtern. Doch noch kann man ihnen nicht blind vertrauen.Andrea fasst den Arm des Reporters. Fürs Erste funktioniert das Gehen für blinde Menschen mit menschlicher Begleitung noch immer am besten.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Meta KI-Brille: mehr Unabhängigkeit für Blinde im Alltag
Eine Meta-Brille liest die Speisekarte vor, beschreibt den Partner und erkennt die Joghurtsorte – oder versucht es zumindest. Unterwegs mit einem blinden Paar.






