PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenFußball-TrikotsDer Stoff, an dem das Blut von Maradona klebtStand: 07:10 UhrLesedauer: 8 MinutenMagnus Siesenop mit den wertvollsten Stücken seiner Sammlung, darunter Trikots von Pelé (links oben) und Diego Maradona (Nummer 9 und 10) Quelle: Andreas FaselDas Sammeln von Fußball-Bildchen war früher. Jetzt sind originale Spielertrikots der große Hype. Zu Besuch bei zwei Männern, die ganz besondere Leibchen in ihren Schränken hängen haben.Erleichterung trat ein, als es endlich so weit war. „Ein ganzes Jahr lang“, sagt Andreas Bunk, habe er gebraucht, „um an dieses letzte noch fehlende Trikot zu kommen.“ An manchen Tagen verbrachte er mehrere Stunden damit, irgendwo ein Spielerhemd der Nationalmannschaft der Pazifikinseln Amerikanisch-Samoa aufzutreiben. Er versuchte, Spieler zu kontaktieren, aktivierte sein großes Netzwerk. 2024 war es endlich so weit. Bunk hat sein Ziel erreicht, seine Sammlung ist komplett. Er ist nun stolzer Besitzer von Fußballtrikots aller 211 Länder, die dem Weltverband Fifa angehören. Spätestens damit zählt Bunk zur weltweiten Sammlerelite.In wenigen Tagen wird die Fußballweltmeisterschaft angepfiffen. Die Spieler kämpfen in Stadien um Tore. Die Fans fiebern mit – und wenn gerade kein Spiel läuft, vertreiben sich viele von ihnen die Wartezeit damit, Panini-Sticker mit Fotos der Spieler und Trainer in Alben zu kleben. Doch manchen reicht das Sammeln von kleinen Klebebildchen nicht mehr. Trikots sammeln – das ist jetzt der letzte Schrei. Fans, die während großer Turniere ein Leibchen ihrer Lieblingsmannschaft tragen, gibt es zwar schon länger. Doch seit einigen Jahren grassiert die Sammelwut, der Markt explodiert förmlich. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Doch der Boom ist offensichtlich: Zahlreiche Online-Shops bieten neue und alte Trikots an. Spezialversender, die mit Fußballklubs und -verbänden kooperieren, vertreiben sogenannte Match-Worn-Ware – also Trikots, die in Spielen getragen wurden oder es wenigstens als Ersatzwäsche in die Taschen der Zeugwarte geschafft haben. Die großen Hersteller wollen ebenfalls mitverdienen – und lassen Remakes früherer Hemden fertigen. Und sie ziehen wegen Verletzungen von Markenrechten vor Gericht. Denn so viel Nachfrage weckt natürlich den Geschäftssinn unseriöser Anbieter. Fast täglich warnen Verbraucherorganisationen vor Fakes.Lesen Sie auchSebastian Brauwers aus Moers am Niederrhein, 40 Jahre alt, Fußballfan und Trikotsammler seit seiner Kindheit, hat schon vor Jahren erkannt, dass da eine riesige Welle anrollt. „Vor zwei Jahren ist dann endgültig der Groschen bei mir gefallen“, erzählt der gelernte Autoverkäufer, der sich als Spezialist für die Organisation von Events bezeichnet. Damals sei ihm die Idee gekommen, Trikot-Börsen zu veranstalten, eine Art Ein-Tages-Messen, bei der Händler und Sammler zusammenkommen können. Die Premiere fand im November 2024 in Duisburg statt. Vorige Woche war in Köln Trikot-Börse Nummer sechs an der Reihe. Rund 1000 Besucher seien da gewesen, berichtet Brauwers.Als Organisator könne er zwar nicht für die Echtheit jedes einzelnen angebotenen Hemdes seine Hand ins Feuer legen, sagt Brauwers. Aber Anbieter, die es darauf anlegten, mit offensichtlich gefälschter Ware den schnellen Euro zu machen, erkenne er sofort – und schließe sie von seinen Veranstaltungen aus. „Das Charmante an dieser Szene ist, dass die Händler alle mit Herzblut dabei sind.“ Bei den meisten handle es sich nicht um gewerbsmäßige Geschäftsleute, sondern ebenfalls um Sammler, die nur ihren angesammelten Überschuss loswerden wollen. Auch der eingangs erwähnte Andreas Bunk war zu Besuch bei der Kölner Trikot-Börse. Vor allem wegen der Stimmung, erzählt er. Gekauft habe er dort nichts. Ein Spezialist wie er muss abseitigere Pfade einschlagen, um etwas zu finden, was er noch nicht hat.Der 39 Jahre alte Förderschullehrer aus Köln sammelt seit vielen Jahren – erst waren es Panini-Alben („1996 hatte ich die ganze Bundesliga“), später Trikots. Mehr als 900 Exemplare aus aller Welt hängen in seiner Wohnung in Schränken und auf Garderobenstangen. Er kennt alle Schliche und Tricks und weiß genau, wie man echte von gefälschten Hemden unterscheidet. Sein erstes Hemd habe er bei der Weltmeisterschaft 1994 bekommen, erzählt er. Damals war er sieben, und seine Eltern schenkten ihm natürlich ein Deutschland-Trikot. Die deutsche Mannschaft schied im Viertelfinale gegen Bulgarien aus, Bunk trug sein Trikot danach trotzdem noch. Zur Fußballbegeisterung des damaligen Grundschülers kam noch eine zweite Leidenschaft. Er interessierte sich für die Länder dieser Erde. Lernte Flaggen und Hauptstädte auswendig. „Und ich fragte mich: Wie mag wohl Fußball in Eritrea oder sonst wo auf dieser Welt sein.“ Er erzählt, als Kind habe er den Traum gehabt, jedes Land dieser Welt zu bereisen. Davon habe er sich zwar irgendwann verabschiedet, erzählt er. Geblieben ist seine Vorliebe für fremde Nationen, sein Herz gehört den sogenannten Fußballzwergen. Als Deutschland bei der Europameisterschaft 2004 gegen Lettland spielte (Ergebnis: null zu null), da habe er bemerkt, dass er insgeheim zum Außenseiter hielt. Auch hätte er gerne ein Trikot der Letten gehabt, „doch zu der Zeit war es noch schwer, an so etwas ranzukommen.“Wenn Bunk gebeten wird, seine Sammlung zu zeigen, dann holt er vor allem die Kuriositäten aus dem Schrank, zu denen er eine besondere Geschichte erzählen kann. Da sind zum Beispiel mehrere rote und weiße Hemden der Nationalmannschaft von Äquatorialguinea. Bunk bekam sie von einer Spanierin, die eine Zeit lang als Maßschneiderin für den dortigen Diktator Obiang gearbeitet hatte – und nebenbei die Trikots der Nationalkicker mit dem Wappen des zentralafrikanischen Landes bestickte. Lesen Sie auchAuf der Jagd nach Trikots aus Sri Lanka kam Bunk in Kontakt mit einem Spieler der dortigen Nationalmannschaft. Nach langem Hin und Her per Social Media und einer Vorauszahlung traf 2022 endlich die erwünschte Paketsendung ein. „Da waren zwar einige Trainingsshirts drin, aber nicht die versprochenen Nationaltrikots“, erzählt Bunk. Er war auf einen Betrugsversuch des Spielers hereingefallen. Das braune Trikot, das er als eines seiner schönsten der Sammlung bezeichnet, bekam er später doch noch.Ein amüsantes Beispiel für die Verbreitung von Fake-Ware in der Fußballwelt ist das Nationaltrikot aus Turkmenistan in Bunks Sammlung. Am eingenähten Waschzettel und dem unsauber gestickten Adidas-Logo sieht der Experte auf den ersten Blick, dass dieses Hemd aus einer Billigproduktion stammt. Bunk ist sich dennoch sicher, dass das Trikot im Einsatz war. „Da sind offensichtlich die Einkäufer des turkmenischen Fußballverbands auf irgendeinen Markt gegangen, um dort gefälschte Hemden zu kaufen, die sie dann hinterher mit dem Verbandslogo und den Spielernummern beflockt haben.“Auch wenn sich sein Kindertraum, alle Länder zu sehen, bislang nicht erfüllt hat – sein Netzwerk ist schon jetzt weltumspannend. Er pflegt Kontakte zu Spielern und Verbandsmitarbeitern in den entlegensten Regionen. Manchmal reist er auch dorthin. Das Trikot aus der chinesischen Sonderverwaltungszone Macau musste er persönlich abholen – ein Spieler der dortigen Mannschaft hatte das zur Bedingung gemacht. Und vielleicht, so hofft Bunk, könne er irgendwann die Pazifikinsel Niue besuchen. Mit diesem Eiland verbindet ihn: natürlich ein Trikot. Doch dieses Hemd war noch nie im Einsatz, Bunk hat es selbst entworfen: gelb mit blauer Palme. Eine Gruppe von Sammlern hatte die Idee, mit diesem Trikot und der dazugehörigen Wiederbelebung einer seit mehr als 40 Jahren inaktiven Nationalmannschaft dem 1800-Einwohner-Staat dabei zu helfen, eine Sportinitiative für Kinder ins Leben zu rufen. 2027 soll das erste Länderspiel stattfinden.Obwohl dieses Trikot nicht so recht in die Reihe seiner übrigen Sammlung passt: Bunk hat es trotzdem in seine Online-Ausstellung „Woldshirts“ aufgenommen, wo er all seine Stücke mitsamt den dazugehörigen Geschichten präsentiert.Auch Magnus Siesenop aus dem ostwestfälischen Bad Salzuflen hat eine solche Online-Ausstellung aufgebaut (trikotgeschichte.de). „Es wäre doch zu schade, diese Schätze nur im Schrank hängen zu haben“, sagt der 44 Jahre alte IT-Kaufmann. Siesenops Beziehungsgeschichte zu den Kickerhemden beginnt ähnlich wie die von Andreas Bunk: mit einem von den Eltern geschenkten deutschen Weltmeisterschafts-Shirt (bei ihm war es die WM 1990). Später klapperte er die Spieler seines Heimat- und Lieblingsvereins Arminia Bielefeld persönlich ab und bat sie um ihre Spielkleidung. Und nach und nach, so sagt er, „kam der Wechsel von Masse auf Klasse“. Er sucht nun vor allem nach historischen Hemden – aus jenen Zeiten, als es noch keine Fanshops gab, „und jedes Trikot ganz selbstverständlich auch ein Spielertrikot war“.Lesen Sie auchAuf dem Garderobenständer, den Siesenop für den Reporter-Besuch bestückt hat, hängt eine erlesene Auswahl, ein gutes Dutzend Hemden, für das er vermutlich einen mittleren fünfstelligen Betrag erzielen könnte. Wenn er denn verkaufen würde. Was für ihn nicht infrage kommt. Über rund 15 Jahre hat er diese Schätze auf der ganzen Welt zusammengetragen, vor allem seine Kontakte zu südamerikanischen Spielern und deren Familien erwiesen sich als ergiebige Quellen. Da ist zum Beispiel ein Deutschland-Trikot aus dem Jahr 1960, in dem der spätere Trainer Hans-Jürgen Sundermann sein einziges Länderspiel absolvierte – und nach dem Spiel das Hemd mit seinem chilenischen Gegenspieler tauschte. Oder mehrere Trikots, in denen der Brasilianer Pelé bei seinem Verein FC Santos spielte.Und dann hängen da noch Textilien, die in der Fußballwelt verehrt werden wie das Turiner Grabtuch bei den italienischen Katholiken. Mit dem Unterschied, dass es keine Zweifel an ihrer Echtheit gibt. Vollgeschwitzt wurden sie vom Superstar Diego Maradona. Er sei früher eigentlich kein besonderer Fan von ihm gewesen, erzählt Siesenop. Dennoch hat er inzwischen ein beeindruckendes Maradona-Portfolio in seiner Sammlung: blaue argentinische Nationaltrikots, Trikots aus Maradonas Zeit bei den Boca Juniors in Buenos Aires, ein Trikot aus Maradonas Zeit in der U-20-Nationalmannschaft, wo die legendäre Nummer 10 noch mit einer 9 auf dem Rücken auflief. Rote Trikots aus Maradonas Anfangsjahren bei den Argentinos Juniors. Die langärmligen Hemden trug der untersetzte Spieler in Größe 42, Kurzarm in Größe 40.Am Rücken eines Maradona-Trikots, direkt unter dem Kragen, hat Magnus Siesenop deutliche Blutspuren entdeckt. Eines Tages, sagt er, wird er davon eine DNA-Analyse erstellen lassen. afa