Messi fehlt. Der Argentinier hat sich bei Benjamin Möller noch nicht blicken lassen. An der Stelle, an der der achtmalige Weltfußballer des Jahres im Sammelalbum des 36 Jahre alten Frankfurters kleben soll, klafft ebenso noch eine Lücke wie auf mehr als einem Dutzend anderer Positionen. Das soll sich an diesem Samstag ändern.Möller hat eine Tauschbörse für die populären Panini-Bilder initiiert, die es auch zur laufenden Weltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und den USA wieder gibt. Er brauche nur einen einzelnen Tisch dafür, hatte der 36 Jahre alte Florian Joeckel, dem Betreiber des Massif Central in der Bethmannstraße, gesagt, als er mit diesem über das Treffen der Sammler sprach. Doch schon kurz nach der Öffnung der Pforten ist im großen Raum kein einziger Platz mehr frei. Überall stehen und sitzen Liebhaber der Sticker mit den Porträts der Kicker. Auch draußen im Hof wird fleißig gesichtet.Einige der etwa 200 Leute laufen mit handgeschriebenen Listen herum und erkundigen sich gezielt nach den wenigen Stickern, die ihr Glück vollkommen machen würden. Eine Frau zählt in einer Gruppe nationenweise die Nummern der Spieler auf, die sie doppelt hat. Die Jugendlichen um sie herum geben Laut, wenn eine zu ihnen passt. Überwiegend jedoch sitzen sich die Liebhaber der bunten Sticker paarweise gegenüber und kramen in den Boxen des jeweils anderen nach Kostbarkeiten. Neben Deutsch wird Spanisch, Englisch, Türkisch gesprochen. Geld fließt keines; wenn einer mehr vom anderen haben will als umgekehrt, einige man sich irgendwie, heißt es unisono.Mit den Alben leben Kindheitserinnerungen aufDaniel Fernandes hat Fatih Yarar am Eingang abgefangen. „Er sah ein bisschen lost aus“, sagt der Portugiese. Gemeinsam haben sich die beiden in einer Ecke auf dem Boden niedergelassen. „Ich habe schon als Kind die Bilder gesammelt. Den Spaß möchte ich an meine Söhne weitergeben“, sagt Fernandes und zeigt auf Gabriel und Nano, acht und vier Jahre alt. Die gelben Trikots des saudi-arabischen Klubs al-Nassr outen das Duo als Fans von Cristiano Ronaldo.Väter und ihre Kinder: Die Leidenschaft für Fußball-Sammelbilder wird bei der Tauschbörse vererbt.Michael BraunschädelDen Ehrgeiz, der viele hier umtreibt, die knapp 1000 Bildchen für ein komplettes Album zusammenzubekommen, verspürt der Familienvater nicht. „Den investiere ich lieber dort, wo es um etwas geht“, sagt der Fußballtrainer des SC Eschborn. Für ihn zähle, etwas gemeinsam mit dem Nachwuchs zu unternehmen. Die Kosten übernimmt er selbst; mit ihrem Taschengeld „sollen die beiden sich etwas anderes kaufen“. Der türkischstämmige Yara, der das temporäre Hobby mit seiner fünfjährigen Tochter Melek Nur teilt, sieht das ähnlich: „Mit den Sammelalben leben Kindheitserinnerungen wieder auf.“Der sechsjährige Carlo schaut zu, wie sein Vater Michael in dem ursprünglich für Pokémon-Karten gedachten Ordner mit Klarsichthüllen Klebebildchen sorgfältig ein- und aussortiert. In seinem eigenen Schatzkästchen verbergen sich ein paar der Extra-Porträts der 20 ausgewählten WM-Stars, die es zusätzlich zu den Pflichtbildern im Album in vier Farbkategorien gibt: ein lila Messi sowie der Franzose Kylian Mbappé und der Kanadier Jonathan David in Gold.„Einen Tag später hatten sich alle ein Album gekauft“Carlo hatte im Mai den erneuten Hype um die Bilder bei seinem Vater und dessen Kumpels ausgelöst. Zum letzten Bundesligaheimspiel der Frankfurter Eintracht gegen Stuttgart hatten die Mitglieder eines Fanclubs einen Wasserhäuschenmarsch vom Friedberger Platz zum Stadion organisiert. „Carlo konnte nicht an jeder Station eine Apfelschorle trinken“, sagt Vater Michael. Da habe ihm jemand ein Päckchen Panini-Bilder gekauft. Das Geräusch, das es beim Aufreißen gab, habe „ein Funkeln in die Augen“ der Männer getrieben. Plötzlich waren sie wieder da, die Gedanken an die Freude und die Aufregung, die sie einst mit den Aufklebern verbanden.Gut geschützt: Lamine Yamal und Erling Haaland in KlarsichthüllenMichael Braunschädel„Einen Tag später hatten sich alle ein Album gekauft“, erzählt Möller, der bei der Tour mit dabei war. Die Sammelwut war entfacht. Um sich in der Community besser über Nachfrage und Überschuss auf dem Laufenden zu halten, hat der IT-Experte mithilfe von Künstlicher Intelligenz eine eigene App geschrieben. Carlo wusste so schon vor seinem Besuch bei der Börse, dass er seine Sammlung an diesem Tag würde komplettieren können. Messi und Ronaldo habe er aber einfach so in seinen Päckchen gefunden.Durch das Internet ist das Suchen und Tauschen deutlich leichter geworden als noch in Kindheitstagen der erwachsenen Sammler. Dennoch genießen viele sichtlich die Gemeinschaft im Massif Central, wo Geschichten aus der Kindheit ausgetauscht werden. Möller hat seinen Messi mittlerweile entdeckt. Wunschlos glücklich ist er noch nicht. „Man müsste ein Megaphon haben, um auszurufen, wen man noch braucht“, sagt er. Doch auch sein Bedarf neigt sich dem Ende zu. Sobald die Reihen alle dicht sind, ist es vorbei mit dem Vergnügen. Möller verzieht bei dieser Überlegung nur kurz die Miene. „Glücklicherweise“, sagt er, „gibt es in vier Jahren wieder eine WM.“
Fußball-WM: Panini-Tauschbörse in Frankfurt
Bei jedem großen Fußballturnier dasselbe Phänomen: Erwachsene Männer werden wieder zu Kindern und sammeln Klebebildchen. Bei einer Panini-Tauschbörse schwelgen sie in Erinnerungen.














