PfadnavigationHomeRegionalesHamburgDeep Tech-FinanzierungWie eine Lücke im Innovationssystem geschlossen werden sollStand: 07:14 UhrLesedauer: 8 MinutenHamburg hat viele starke Forschungseinrichtungen, hier zu sehen ein Labor in der Sciencecity Bahrenfeld.Quelle: Bertold Fabricius/WELTDeutschland steckt Milliarden in Forschung – doch der Weg zum marktreifen Produkt bleibt oft blockiert. Ein neues Fondsmodell soll genau diese Lücke schließen und Innovationen endlich aus dem Labor in den Markt bringen.Es ist ein Satz, der im Gespräch fast beiläufig fällt und doch den Kern trifft: „Wir sind sehr gut darin, viel Geld in Forschung zu stecken – aber daraus auch wirtschaftliche Ergebnisse zu machen, das gelingt uns deutlich schlechter.“ Chris Heyer sagt ihn. Er ist General Partner bei Marvelous, einer Berliner Investmentplattform, die Geld in junge Technologieunternehmen steckt und jetzt gemeinsam mit der Hamburger Joachim Herz Stiftung neue Wege geht, um das Problem zu lösen.Heyer beschreibt eine Lücke, die in Deutschland seit Jahren beklagt wird. Während es für die Forschung zahlreiche Fördermöglichkeiten gibt und sich Investoren mit hohen Summen in gut laufende Tech-Start-Ups einkaufen, gibt es kaum Kapitalgeber für den schwierigen Übergang von der Idee zum Produkt, vom Labor in den Markt. Dort scheitern in Deutschland und Europa viele Innovationen. In der Forschung entstehen neue Materialien, neue Verfahren, neue Technologien, doch häufig fehlt das Geld, um daraus ein marktreifes Produkt zu entwickeln. Denn für Investoren ist die Phase wenig interessant. Es gibt zwar einen wissenschaftlichen Durchbruch, aber noch kein fertiges Produkt, keine belastbaren Umsätze und kein erprobtes Geschäftsmodell. „Die meisten Venture-Capital-Investoren konzentrieren sich auf spätere Phasen“, sagt Heyer. „In den frühen Stadien können sie das Risiko oft noch nicht einschätzen.“Lesen Sie auchDiese Lücke ist nicht nur ein Problem für Investoren. Sie betrifft ebenso die Seite der Wissenschaft – und damit die Arbeit von Sabine Kunst. Sie ist Vorstandsvorsitzende der Joachim Herz Stiftung. Die promovierte Ingenieurin und Politikwissenschaftlerin kennt das Wissenschaftssystem aus nahezu allen Perspektiven: Sie war Professorin, Präsidentin der Universität Potsdam und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes – und später Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Brandenburg. Zuletzt leitete sie mehrere Jahre die Berliner Humboldt-Universität.Heute verantwortet sie die Programmarbeit einer der großen gemeinnützigen Stiftungen. Die Gründung der Stiftung 2008 erfolgte aus dem Vermögen des Unternehmers Joachim Herz. Dieses Vermögen wird am Kapitalmarkt angelegt, um mit den Gewinnen Technologieforschung und Wissensvermittlung zu fördern. So gehört die Stiftung etwa zu den Unterstützern der Hamburger Initiative Impossible Founders, die Wissenschaftler ermutigen und in die Lage versetzen will, aus ihrer – meist naturwissenschaftlichen oder technischen – Forschung heraus Produkte an den Markt zu bringen. Dabei fördert die Stiftung die Arbeit der Vermittler bei den Impossible Founders. Direkt in die Gründer investieren darf sie nach deutschem Stiftungsrecht nicht. Jedenfalls nicht im klassischen Sinn.Nach der Gründung gibt es schwer Fördergelder„Wir fördern wissenschaftliche Teams in frühen Entwicklungsphasen und unterstützen Transfer und Entrepreneurship“, sagt Kunst. „Aber in dem Moment, in dem sie tatsächlich gründen, sind uns die Hände gebunden.“ Der Grund liegt im Gemeinnützigkeitsrecht: Stiftungen dürfen Forschung und Bildung fördern, aber nicht ohne Weiteres Unternehmen am Markt unterstützen. „Genau dieser Übergang stellt Stiftungen vor besondere rechtliche und steuerliche Herausforderungen – und das macht die Arbeit schwierig.“Lesen Sie auchEin Beispiel macht das greifbar. In einem Exzellenzcluster, das von der Joachim Herz Stiftung gefördert wird, entstehen neue Materialien auf Basis von Pilzmycelien – schnell wachsend, vielseitig einsetzbar, eine mögliche Alternative zu erdölbasierten Stoffen, etwa bei Dämmstoffen oder für Verpackungsmaterialien. Ein Projekt wird gefördert, entwickelt sich gut – und eines Tages entscheidet sich das Team zur Gründung. „Und dann stehen wir vor der Frage: Wie können wir eine solche Idee weiter begleiten, wenn wir es über die klassische Förderung nicht mehr können?“, sagt Kunst. Die Folge: Genau dann, wenn es ernst wird – wenn aus Forschung ein Unternehmen werden soll –, bricht die Förderung durch Stiftungen in Deutschland bisher ab.Die Joachim Herz Stiftung versucht nun, diese Lücke mit einem neuen Ansatz zu schließen – und erweitert dafür ihre Kapitalanlagestrategie. Statt nur die Erträge ihres Vermögens für ihre Förderarbeit einzusetzen, investiert sie erstmals einen Teil des Stiftungskapitals in Venture Capital. Investiert wurde bisher etwa in Beteiligungen, Immobilien und Aktien. Dazu kommt nun ein Fonds, der sich an Start-ups aus der Forschungswelt beteiligen soll. 20 Millionen Euro fließen in einen Fonds, den Marvelous managt. Der entscheidende Unterschied: Dieses Geld ist keine Förderung, sondern eine Kapitalanlage. Die Stiftung setzt darauf, dass sich das Geld langfristig vermehrt, während es gleichzeitig in junge Technologieunternehmen fließt.Gleichzeitig ist dieser Fonds anders aufgebaut als viele andere Risikokapitalfonds. Üblicherweise haben solche Fonds eine feste Laufzeit – oft rund zehn Jahre. Danach wird das investierte Geld samt Gewinnen an die Geldgeber zurückgeführt. Hier ist das anders: Der Fonds ist langfristig angelegt, Gewinne werden nicht zwangsläufig ausgeschüttet, sondern können auch wieder in innovative Ausgründungen investiert werden, ein festes Laufzeitende gibt es nicht. Das passt zur Logik einer Stiftung, die ihr Vermögen dauerhaft real erhalten und vermehren muss.Lesen Sie auchEin Fonds ist dabei vereinfacht gesagt ein gemeinsamer Geldtopf, aus dem mehrere Start-ups finanziert werden. Das verteilt das Risiko: Scheitern einzelne Projekte, können andere erfolgreich sein. Marvelous übernimmt die Rolle des Investors. Die Berliner Plattform funktioniert wie ein klassischer Risikokapitalgeber und trifft eigenständig Entscheidungen darüber, welche Unternehmen finanziert werden. Gleichzeitig setzt sie auf einen zusätzlichen Ansatz. „Wir investieren nicht nur Kapital, sondern arbeiten eng mit Industrie und Mittelstand zusammen, um Technologien zu validieren“, sagt Heyer.Das bedeutet: Die Start-ups werden nicht nur finanziert, sondern direkt mit möglichen Kunden und Partnern aus der Industrie vernetzt. So lässt sich früh klären, ob eine Idee tatsächlich im Markt bestehen kann. „Wir haben exzellente Wissenschaft und hervorragende Universitäten“, sagt Heyer. „Aber genau der nächste Schritt – die Überführung in den Markt – fehlt oft.“ Viele Projekte scheiterten nicht an der Technologie, sondern daran, dass sich kein tragfähiges Geschäftsmodell entwickle.Das System zwischen Stiftung als Kapitalgeber und Marvelous als Fondsmanager ist bewusst strikt getrennt. Zwischen beiden Bereichen besteht keine operative Verbindung: Die Stiftung fördert Projekte in einer frühen Phase, in der es um Forschung und Vorbereitung von Gründungen geht. Der Fonds hingegen investiert später nach eigenen Kriterien – ohne Einfluss der Stiftung und ohne Bevorzugung von Projekten, die von der Stiftung gefördert worden sind.Lesen Sie auchOder anders gesagt: Es handelt sich nicht um eine Verlängerung der Förderung mit anderen Mitteln, sondern um zwei getrennte Systeme mit unterschiedlichen Logiken. Auf der einen Seite steht die gemeinnützige Förderung ohne Renditeerwartung. Auf der anderen Seite ein Investment, das sich am Markt bewähren muss und Renditen erzielen soll.Geld kommt derzeit oft aus dem AuslandIn den USA ist das Zusammenspiel von Forschung, Kapital und Unternehmertum sehr viel eingespielter. Universitäten, Investoren und Unternehmen arbeiten enger zusammen, Ausgründungen sind selbstverständlicher Teil wissenschaftlicher Karrieren. „Dort wird deutlich selbstverständlicher auch Geld aus Stiftungen in wirkungsorientierte Kapitalanlagen investiert“, sagt Kunst.In Deutschland und Europa dagegen funktioniert dieser Übergang schlechter. „Wir produzieren Weltklasse-Wissenschaft – aber wir machen zu wenig daraus“, sagt Heyer. Viele Ideen blieben im Labor stecken oder schafften es erst spät in die wirtschaftliche Anwendung. Wenn sie erfolgreich seien, dann häufig nicht mit europäischem Kapital. „Sehr gute Ideen arbeiten am Ende oft mit amerikanischem Geld“, sagt Kunst. Gerade in der entscheidenden Wachstumsphase fehlten in Europa die Mittel. „Wenn es um die Skalierung geht, passiert hier oft zu wenig.“Lesen Sie auchDas hat Folgen für die Wertschöpfung. Wird ein vielversprechendes Unternehmen von ausländischen Investoren finanziert oder übernommen, liegt der wirtschaftliche Erfolg häufig nicht mehr dort, wo die Idee entstanden ist. Technologien werden in Europa entwickelt – aber anderswo groß gemacht. Für Heyer ist das ein strukturelles Problem: „Diese eingespielten Systeme, wie sie die USA haben, fehlen uns.“ Investoren, die technologische Risiken einschätzen können, langfristiges Kapital und eine engere Verzahnung von Forschung und Markt – all das sei in Europa deutlich schwächer ausgeprägt.Für Kunst hat der Fonds deshalb eine Bedeutung, die weit über das einzelne Investment hinausgeht. Es geht ihr nicht nur darum, einzelne Start-ups zu finanzieren – sondern darum, ein System zu verändern. „Wir haben seit Jahren einen Kreis von Stiftungen, die sich für dieses Thema interessieren“, sagt sie. „Aber es ist keine von ihnen bisher den Weg gegangen, den wir jetzt gehen.“ Dabei könnten viele dieser Stiftungen dem Beispiel der Joachim Herz Stiftung folgen. Sie verfügten über erhebliche Vermögen und investierten ohnehin am Kapitalmarkt. Der Einstieg in junge Unternehmen mit Geld aus dem Stiftungskapital erfordere jedoch eine sorgfältige rechtliche und organisatorische Ausgestaltung.Modell könnte Nachahmer findenAuch innerhalb der eigenen Stiftung sei der Weg lang gewesen, erzählt Kunst. „Das war für uns ein großer Schritt“, sagt sie. Intensive Diskussionen und rechtliche Prüfungen seien nötig gewesen, um sicherzustellen, dass das Modell mit dem Gemeinnützigkeitsrecht vereinbar ist. Gerade deshalb versteht sie den Fonds als Signal. Wenn sich zeigt, dass er funktioniert, könnte das andere Stiftungen ermutigen, nachzuziehen. „Wenn sieben oder acht große Stiftungen diesen Weg gehen würden, hätte das einen erheblichen Hebel.“ Denn bislang arbeitet der größte Teil dieses Kapitals klassisch – in Immobilien, Aktien oder Fonds. Die Idee, dieses Geld gezielt in Innovation zu lenken, ist neu. „Am Ende müssen die Stiftungen sagen können: Es ist uns nichts passiert. Und es hat uns auch in der Vermögensaufstellung nicht geschadet.“Noch ist das Modell ein Experiment. Aber eines, das an einer entscheidenden Schwachstelle ansetzt: dort, wo aus einer Idee ein Unternehmen werden soll. Oder, wie Heyer es formuliert: „Es reicht nicht, gute Forschung zu haben. Entscheidend ist, ob daraus auch etwas wird.“Redakteurin Julia Witte genannt Vedder arbeitet in der Hamburg-Redaktion von WELT und WELT AM SONNTAG.
Deep Tech-Finanzierung: Wie eine Lücke im Innovationssystem geschlossen werden soll - WELT
Deutschland steckt Milliarden in Forschung – doch der Weg zum marktreifen Produkt bleibt oft blockiert. Ein neues Fondsmodell soll genau diese Lücke schließen und Innovationen endlich aus dem Labor in den Markt bringen.











