Nostalgie und Ressentiment – die neuen russischen Geschichtsbücher sind nicht der Wahrheit, sondern dem Regime verpflichtetBeim Lesen von Russlands neuen Geschichtsbüchern für die Schule braucht es einen stabilen Humor und eine gute Portion gesunden Menschenverstand, um bei all den perfiden Begriffsverdrehungen nicht völlig im Chaos der Post-Wahrheit unterzugehen.Anna Schor-Tschudnowskaja07.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenStrammstehen vor der Flagge, und bloss keine Nachfragen über die Schatten der Geschichte: Feier in Moskau zum Auftakt des neuen Schuljahres 2022.Pavel Pavlov / Anadolu via GettyDem Historiker Wladimir Medinski, einem aus den Verhandlungen mit der Ukraine seit Ende Februar 2022 bekannten Assistenten von Präsident Wladimir Putin, wird meistens eine sekundäre Rolle in der russischen Führungsriege zugeschrieben. 2017 konnte Medinski, damals noch Kulturminister, nur mit Mühe verhindern, dass ihm sein 2011 erworbener Doktorgrad in Geschichte wegen massiver Qualitätsmängel in seiner Dissertation aberkannt wurde.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch der Umstand, dass er bei öffentlichen Auftritten immer wieder historische Ereignisse und Persönlichkeiten verwechselt, lässt seine wissenschaftliche Qualifikation zweifelhaft erscheinen. Gleichzeitig sollte man seine politische Rolle nicht unterschätzen. Medinski hat ein ausgezeichnetes Gespür für Putins grossrussische Geschichtsphantasien und vermag diese auch praktisch zu bedienen. Daher wurde er zum wichtigsten Kurator einer stillen Revolution, die auf eine nachhaltige Prägung des Denkens der jüngeren Generation Russlands abzielt.Endlich souverän werdenIn seiner 2020 veröffentlichten programmatischen Schrift «Sieben Thesen, wie Geschichte in der Schule zu unterrichten ist» hielt Medinski unmissverständlich fest, auf welchen Basiswerten das Studium der Vergangenheit aufbauen soll. Es sind dies «Freiheit, Unabhängigkeit, Souveränität und Ganzheit unseres Landes», zudem die «tausendjährige Kultur und Tradition der Staatlichkeit» Russlands.Immer wieder gibt Medinski zu verstehen, dass die Zeit gekommen sei, endlich «unabhängig» und «souverän» historisch zu denken. Seiner Ansicht nach ist der «im Westen propagierte» Geschichtsbegriff «eine ideologische Basis für eine schrittweise Herabsetzung Russlands hin zum Status einer Ressourcenkolonie von ‹lokaler Bedeutung›», die «ihrer Geschichte und ihres Stimmrechts in der Gegenwart beraubt» wird. Die fundamentale Aufgabe des Geschichtsunterrichts stelle daher nicht weniger als die Erlangung einer «Unabhängigkeit für Russland» dar, das nicht zu einer «Kolonie» herabsinken dürfe.Diese Prinzipien werden jetzt an den russischen Schulen unter Zuhilfenahme von Lehrbüchern umgesetzt, die von Medinski zusammen mit einigen weiteren Autoren verfasst wurden. Der Blick in diese Werke lässt keine Zweifel daran, dass Medinski seinen Ideen bis in kleinste Details treu bleibt.So wird etwa das Buch für die elfte und letzte Klasse mit dem Titel «Die UdSSR in den Jahren 1945 bis 1991» mit einem Putin-Zitat eingeleitet: «Zunächst einmal muss man anerkennen, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion die grösste geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts war. Und für das russische Volk wurde er zu einer echten Tragödie.»Das ganze Lehrbuch liest sich wie ein Tagebuch, in dem ein persönlicher Verlust betrauert wird – mit allen Verzerrungen, Auslassungen und Glättungen, die für ein Tagebuch meistens typisch sind. Hält man sich vor Augen, dass es mehr um Propaganda und weniger um Sachlichkeit geht, wundern grobe Vereinfachungen und Überdrehungen, die zwangsläufig zu faktischen Fehlern und falscher Begriffsverwendung führen, nicht mehr.Zum nostalgischen Grundton mischt sich ein klares Ressentiment: Ein Trauma, das aus der Angst, eine unbedeutende «Kolonie» zu werden, resultiert, muss geheilt werden. Und die Heilung soll aus einer einfachen Umkehrung resultieren: Medinski imaginiert Russland als einen immerwährenden «starken Staat», der viele neidische Feinde hat.Die meisten Abschnitte der russischen Geschichte werden als von Konfrontationen geprägt präsentiert. So heisst es über die Liberalisierungsphase Perestroika und Glasnost am Ende der Sowjetunion: «Kräfte, die unserem Land offen feindlich gesinnt waren und teilweise aus dem Ausland gesteuert wurden, verstärkten ihre Aktivitäten drastisch. Da alle zensurrechtlichen Beschränkungen aufgehoben wurden und sich der Staat faktisch aus der Kontrolle der Medien zurückzog, brach eine Lawine destruktiver und feindseliger Informationen über die Bürger der UdSSR herein. Dies wurde als ‹Meinungsfreiheit› dargestellt.»Zwar wird Glasnost faktisch relativ genau anhand der tatsächlich wichtigsten Veränderungen in Medien und Kulturleben abgebildet, und auch die kurze Destalinisierungskampagne am Ende der achtziger Jahre wird korrekt beschrieben; doch das Fazit bleibt der Konfrontationslinie treu: «Natürlich wurden solche Stimmungen aus dem Ausland in jeder Hinsicht gefördert. Der Westen sah in den Ereignissen in der Sowjetunion eine historische Chance, seinen wichtigsten geopolitischen Konkurrenten – die UdSSR – von der internationalen Bühne zu entfernen.»Freilich wird in dem Lehrbuch auch der Abzug der sowjetischen Truppen aus dem bis 1989 kommunistischen Ostmitteleuropa als «fataler Fehler» dargestellt, weil er vom «kollektiven Westen ausgenutzt» worden sei. «In den Jahren 1989 bis 1990 kam es in Polen, in der DDR, in der Tschechoslowakei, in Ungarn, Bulgarien und Albanien zu sogenannten ‹Samtenen Revolutionen›. [. . .] 1990 erfolgte die Annexion der DDR durch die BRD. Die BRD verschluckte die DDR.»Wenn schon für die Autoren des neuen Lehrbuches die Wiedervereinigung Deutschlands eine böswillige Aktion des «kollektiven Westens» ist, verwundert es nicht, dass sie auch den Zerfall der UdSSR einerseits auf Fehler der damaligen Führung und andererseits auf den Druck des feindseligen Westens zurückführen. Mehr noch, sie deuten an, dass selbst die Fehler der Führung der Sowjetunion unter dem heimtückischen Einfluss des Westens passiert seien.Diese Darstellung zielt auf ein einfaches und dennoch wichtiges Fazit ab: Unter Wladimir Putin, also ab 1999, kehrte Russland auf einen richtigen politischen Kurs zurück; dessen Politik vermeidet die früheren Fehler im Inneren und widersetzt sich dem heimtückischen Einfluss von aussen. So schliesst sich der Kreis: Auf die Aufdeckung von gegen Russland gerichteten Machenschaften lässt der anvisierte Geschichtsunterricht eine Glorifizierung des gegenwärtigen Präsidenten und seiner weisen Leitung folgen.Im Chaos der Post-WahrheitMit Stolz verkündete vor wenigen Wochen Wladislaw Kononow, Referent der Abteilung für Staatspolitik im humanitären Bereich von Putins Präsidialadministration, dass ab 2027 eine landesweite Vereinheitlichung des Schulunterrichts erfolgen werde. In allen Regionen Russlands und auf allen Schulstufen, auf denen Geschichte unterrichtet wird (also in der 5. bis 11. Klasse), ist das jeweils dafür aus der Präsidialadministration verordnete Lehrbuch heranzuziehen. Übrigens steht eine ähnliche Vereinheitlichung auch in anderen Fächern, vor allem in Gesellschaftskunde und in Russisch, an.Bemerkenswert dabei ist nicht nur, dass sich Russland als Opfer der kolonialen Vergangenheit des Westens positionieren will, sondern dass es sich auch als potenzielles Opfer von dessen kolonialer Zukunft sehen möchte. Der faktische Kolonialkrieg Russlands gegen die Ukraine seit 2022 wird dabei auf geradezu magische Art und Weise in einen Kampf gegen eine mögliche koloniale Unterjochung Russlands umgedeutet.Man benötigt ein stabiles Humorgefühl und eine gute Portion gesunden Menschenverstand, um bei solch perfiden Begriffsverdrehungen nicht völlig im Chaos der Post-Wahrheit unterzugehen. Für junge russische Schüler im Geschichtsunterricht wird diese Aufgabe kaum zu bewältigen sein. Immerhin gibt Medinski offen zu, dass die Geschichtspolitik ein «unabdingbarer Teil der souveränen Politik des Staates» ist, und zwar seiner Innen- wie Aussenpolitik. Und so sind auch die von ihm verantworteten Schulbücher zu verstehen.Anna Schor-Tschudnowskaja ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Psychologie der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind gesellschaftlicher Wandel und politische Kultur im postsowjetischen Russland.Passend zum Artikel