Mimmo lebt in Venedig: Warum manche Delfine die Nähe zum Menschen suchenImmer wieder gibt es einsame Delfine, die sich Menschen nähern. Doch sie suchen keinen sozialen Ersatz. Die heutige Forschung liefert eine andere Erklärung für ihr Verhalten.Markus Brupbacher07.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenMimmo vor dem Dogenpalast: Inzwischen ist der Delfin selber eine Touristenattraktion Venedigs.Stefano Mazzola / GettyEs ist ein weltberühmtes Fotosujet: Vor der Piazza San Marco schaukeln Gondeln im Wasser, dahinter ragen Dogenpalast, Basilika und Campanile empor. Doch im vergangenen Oktober bekam die Szenerie eine unerwartete Ergänzung. Vor dem Markusplatz tauchte erstmals ein Delfin auf. Und es blieb nicht bei dem einen Besuch. Auch später war das Tier dort immer wieder im Wasser zu sehen. Angefeuert von Social Media und klassischen Medien, wurde der Delfin von Venedig rasch zur Touristenattraktion.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mimmo, so sein Spitzname, machte weltweit Schlagzeilen. Menschen versuchten, sich ihm mit Booten zu nähern und ihn aus kurzer Distanz zu fotografieren, zu füttern oder zu berühren. Mit Rufen oder Schlägen an den Bootsrumpf wollten sie den Delfin anlocken. Sogar Touren zum Grossen Tümmler wurden angeboten.Als an Mimmo erste Verletzungen festgestellt wurden, vermutlich von Bootsschrauben, schritten die Behörden ein. Mit vierzehn Motorbooten und künstlich erzeugtem Lärm wurde im November versucht, das Tier aus dem Tourismus-Hotspot zu vertreiben. Nach nur zwei Stunden kehrte der Delfin zurück ins Becken von San Marco.Antike Berichte zeugen von Begegnungen mit DelfinenDelfine leben eigentlich in Gruppen, sogenannten Schulen. Dass vereinzelte Tiere in die Nähe von Menschen kommen und mit ihnen in Kontakt treten, ist ein altbekanntes Phänomen, das weltweit vorkommt. Bereits antike Erzählungen und Darstellungen auf Mosaiken, Keramik oder Münzen zeugen wahrscheinlich von derartigen Begegnungen. Und ebenso lange suchen die Menschen nach Erklärungen für das rätselhafte Verhalten der Meeressäuger.Heute sind 160 Fälle von einzelgängerischen Meeressäugern dokumentiert, davon 107 Grosse Tümmler. Bei den übrigen Tieren handelt es sich um andere Delfin- und Walarten. Allein in Europa sind 63 Fälle mit Grossen Tümmlern registriert. Da sie in küstennahen Gewässern vorkommen, sind Kontakte mit Menschen häufiger als auf dem offenen Meer.In Frankreich gibt es derzeit zwei solche Einzelgänger. Einer von ihnen ist Randy, auch Dony oder Georges genannt. An der Rückenflosse hat er eine charakteristische Kerbe, vermutlich eine Verletzung durch eine Schiffsschraube. Seit vielen Jahren ist er an der westbretonischen Küste zu beobachten. Das erste Mal wurde er 2001 im Südwesten Irlands gesichtet. Taucht das Tier in einem Küstenort auf, sind Touristen entzückt, und Lokalzeitungen berichten. Die Facebook-Seite «Randy / Dony le dauphin» mit Fotos und Videos hat über 33 000 Follower.Begegnungen mit solitären Delfinen faszinieren, sie können aber gefährlich werden. Schliesslich wiegen Grosse Tümmler mehrere hundert Kilogramm. Es gibt Berichte über solitäre Delfine, die Menschen im Wasser angerempelt, verletzt und in Extremfällen getötet haben. Auch wurden Schwimmer am Verlassen des Wassers gehindert und aufs offene Meer hinausgedrängt. Allerdings gingen solchen Fällen oft unangemessene Annäherungsversuche von Menschen voraus.Doch warum verlassen manche der an sich geselligen Delfine die Gruppe und treten mit Menschen in Kontakt? Forscher haben heute eine andere Erklärung dafür als früher.Eine verkleinerte Lunge als Geburtsfehler, der frühe Verlust der Mutter oder die Attacke eines Hais: Lange ging man davon aus, dass einige Delfine wegen eines Traumas oder eines körperlichen Defizits mit der Gruppe nicht mehr mithalten können oder sogar ausgestossen werden. Daraufhin würden die Einzelgänger den Kontakt zu Menschen als sozialen Ersatz suchen. Mit dieser Erklärung sieht sich der Mensch selbst als Helfer.Delfine nähern sich Menschen, weil es ihnen nütztDiesen Ansatz hält der Delfinforscher Michael Krützen von der Universität Zürich aber für «extrem anthropomorphisierend», also vermenschlichend. Er sieht den Grund, warum solitäre Delfine manchmal die Nähe zu Menschen suchen, nicht in einer hineininterpretierten Einsamkeit. «Banal gesagt, geht es auch bei diesen sozialen Tieren hauptsächlich um Reproduktion und Nahrung.»Und wenn beim Futter der Mensch dienlich sein könne, «wird wohl seine Nähe gesucht», sagt Krützen. Delfine fänden sehr schnell heraus, wo sie solches bekämen, so etwa bei Anglern. Durch die Fütterung könne es zu einer Gewöhnung an den Menschen und auch zu tödlichen Verletzungen kommen, etwa durch Angelschnüre. «Dies kann auch ein sehr grosses Problem bei Mimmo werden.»Hier das arme, einsame Tier und da der helfende, soziale Mensch: Dass das vermenschlichte Narrativ als überholt gilt, zeigt auch eine kürzlich veröffentlichte Studie über Mimmo, den solitären Delfin von Venedig. Die Autoren schreiben, dass das Verhalten des Tieres nicht abnormal sei und es daher auch nicht gerettet werden müsse – ausser vor schädlichem Verhalten des Menschen.So ist Mimmo offenbar gesund und findet in der Lagune von Venedig genügend Fisch als Nahrung. Bis in die 1970er Jahre waren Delfine dort recht häufig. Zwar stellt auch die neuere Forschung nicht in Abrede, dass einzelgängerische Delfine bisweilen mit Menschen interagieren. Aber: Anfänglich sucht meist nicht das Tier den Kontakt, sondern der Mensch.Wiederholen sich solche Kontakte, gewöhnen sich Delfine daran. Ein solcher Gewöhnungsprozess verläuft über mehrere Phasen. Je fortgeschrittener die Interaktionen sind, desto kleiner wird die Wahrscheinlichkeit, dass ein solitärer Delfin zu seinen Artgenossen zurückkehrt. Daher ist es aus Sicht des Tierschutzes dringend ratsam, mit einzelgängerischen Delfinen erst gar nicht in Kontakt zu treten.Dass ein Individuum seine Gruppe zeitweise verlässt und alleine unterwegs ist, erachtet die Forschung heute als normal. Ein einschneidendes Erlebnis kann dabei der Auslöser sein, muss es aber nicht. Denn Delfinschulen sind in Grösse und Zusammensetzung nicht festgelegt. Sie verändern sich ständig, Tiere kommen und gehen.«Flipper» und «Free Willy» trugen zur Vermenschlichung beiIn den letzten Jahrzehnten führte die Fischerei vor allem in Europa zur Dezimierung von Delfinpopulationen. Solche Gruppen überlappten sich früher stärker, heute sind die Distanzen zwischen ihnen grösser. Die Folge: Ein einzelner Delfin findet weniger rasch Anschluss in einer neuen Schule. So steigt das Risiko, dass er in Küstennähe von Menschen vereinnahmt wird und zur Attraktion wird.Delfinarien, die TV-Serie «Flipper» oder der Film «Free Willy» haben zur Vermenschlichung der Meeressäuger beigetragen. Werden Wildtieren menschliche Eigenschaften zugeschrieben, «ist das aber ein grosses Problem», sagt Michael Krützen.Wie schädlich der Anthropomorphismus ist, zeigt auch das Beispiel des Buckelwals Timmy. Krützen spricht von einer «unsäglichen Allianz aus selbsternannten Experten, Millionären, der medialen Öffentlichkeit und Menschen, die es ‹gut› meinen». Das sei eine «toxische Mischung», die zu Entscheidungen gegen das Tierwohl führe. Bei Mimmo sollten diese Fehler nicht wiederholt werden.Passend zum Artikel