Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau zeigen sich besonders eindrücklich bei Müttern und Vätern. Wer diese um jeden Preis ausmerzen will, zielt an den Wünschen der Menschen vorbei.Melanie Häner-Müller07.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZLohnunterschiede zwischen Mann und Frau gehören zu den beharrlichsten Themen der politischen Debatte – und jedes Jahr, wenn der 14. Juni, der feministische Streiktag, näher rückt, flammt die Diskussion neu auf. Die Schweiz hinke hinterher, die Lohnlücke sei zu gross, die Politik müsse endlich handeln, beklagen Aktivistinnen und Aktivisten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Diagnose scheint eindeutig. Doch sie trügt. Denn nicht jede Einkommensdifferenz ist Ausdruck von Ungerechtigkeit – und nicht jede gutgemeinte Massnahme führt dorthin, wo sie hinführen soll.Der Bruch kommt mit dem ersten KindBesonders sichtbar wird das beim sogenannten Mutterschaftseffekt. Nach der Geburt eines Kindes sinkt das Einkommen von Frauen – und erholt sich oft nie mehr ganz. Schweizer Registerdaten zeigen: Mütter verzeichnen langfristig Einkommenseinbussen von knapp 70 Prozent gegenüber Vätern. Im internationalen Vergleich ist das ein hoher Wert. Zum Vergleich: In Dänemark, einem Land mit ausgebautem Sozialsystem und hoher Frauenerwerbsquote, liegt die Einbusse bei rund 20 Prozent.Der Einbruch erfolgt abrupt mit der Ankunft des ersten Kindes: Bereits im ersten Jahr nach der Geburt fallen die Einkommen stark und stabilisieren sich danach auf deutlich tieferem Niveau. Und selbst zehn Jahre danach bleibt die Einbusse erheblich.Besonders bemerkenswert: Das Muster ist kein Relikt vergangener Generationen. Trotz steigender Erwerbsbeteiligung und kürzeren Erwerbsunterbrüchen bleiben die Einkommenseinbussen auch bei jüngeren Müttern weitgehend bestehen.Hinzu kommt die Einseitigkeit des Phänomens. Während Mütter erhebliche Einkommenseinbussen hinnehmen, bleibt der Lohn der Väter nach der Geburt nahezu unverändert. Der sogenannte «Baby-Knick» ist kein allgemeines Elternphänomen, er trifft fast ausschliesslich Frauen.Die Ursachen liegen tieferDie naheliegende Reaktion lautet: Der Staat muss gegensteuern – mit längeren Elternurlauben, mehr Krippenplätzen und besserer Vereinbarkeit. Doch die Forschungsergebnisse sind ernüchternd: Familienpolitische Massnahmen verringern die Differenz nur wenig – zumindest nicht langfristig. Die Ursachen liegen offenbar tiefer als in der blossen Verfügbarkeit von Betreuungsplätzen.Was erklärt die Lücke dann? Ein zentraler Faktor, den die Wissenschaft zunehmend in den Vordergrund stellt, sind gesellschaftliche Normen und individuelle Haltungen. Internationale Studien belegen einen klaren Zusammenhang: In Ländern, in denen die Überzeugung weit verbreitet ist, dass kleine Kinder unter der Erwerbstätigkeit der Mutter leiden, fallen die Einkommenseinbussen systematisch höher aus.Diese Prägung beginnt früh. Eine Studie aus Dänemark zeigt, dass sich solche Rollenbilder über Generationen hinweg reproduzieren: Töchter, die in Haushalten mit einer traditionellen Aufgabenverteilung aufwachsen, weisen später selbst grössere Einkommenseinbussen nach der Geburt eines Kindes auf. Die Einstellung formt das Verhalten – und das Verhalten formt den Lohn.Auch in der Schweiz lässt sich das nachweisen. Daten aus dem Schweizer Haushaltspanel zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen Einstellungen und Einkommen: Mütter, die der Aussage klar zustimmen, dass kleine Kinder unter der Erwerbstätigkeit der Mutter leiden, erzielen im Durchschnitt nur rund halb so hohe Einkommen wie jene, die diese Ansicht klar ablehnen.Freiheit statt EinheitslösungBesonders aufschlussreich ist schliesslich die Frage, ob sich diese ökonomischen Unterschiede auch in der Lebenszufriedenheit niederschlagen. Die Antwort fällt überraschend aus: Trotz erheblichen Einkommenseinbussen zeigt die internationale Forschung keine entsprechenden Unterschiede in der Lebenszufriedenheit. Mütter sind nicht weniger zufrieden als Väter – selbst wenn sie viel weniger verdienen. Vieles spricht deshalb dafür, dass diese Einkommensunterschiede nicht nur das Resultat von Einschränkungen, sondern auch von bewussten Entscheidungen sind.Wer die Lohnlücke um jeden Preis schliessen will, riskiert, an den tatsächlichen Wünschen vieler Menschen vorbeizuregulieren. Eine Gleichstellungspolitik, die Vielfalt ernst nimmt, sollte deshalb weniger auf einheitliche Ergebnisse abzielen – und mehr darauf, echte Wahlfreiheit zu schaffen. Das bedeutet: gute Betreuungsangebote für diejenigen, die arbeiten möchten. Aber auch Anerkennung und Flexibilität für jene, die sich bewusst für mehr Zeit mit den Kindern entscheiden. Beides verdient Respekt – und beides braucht Raum.Denn Gleichstellung bedeutet nicht, dass alle zwangsläufig genau das Gleiche tun. Sie bedeutet, dass alle wirklich frei wählen können.Melanie Häner-Müller leitet den Bereich Sozialpolitik am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Gleichstellung: Nicht jede Ungleichheit ist ungerecht
Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau zeigen sich besonders eindrücklich bei Müttern und Vätern. Wer diese um jeden Preis ausmerzen will, zielt an den Wünschen der Menschen vorbei.














