Luis de Guindos wollte seinen letzten Auftritt vor der europäischen Finanzpresse gerne mit optimistischen Tönen beenden. Acht Jahre lang war der Spanier Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB), in der vergangenen Woche hatte er seine letzten Arbeitstage. In all diesen Jahren habe es glücklicherweise keine größeren Finanzunfälle in Europa gegeben, hob de Guindos hervor und wünschte sich von den Europäern einen zuversichtlicheren Blick auf die Zukunft.Unglücklich war dabei allerdings, dass sich der Vizepräsident ausgerechnet die Vorstellung des Finanzstabilitätsberichts der Notenbank zu seinem Abschied ausgewählt hatte. Der Bericht zählt regelmäßig die Risiken auf, die die Finanzwelt in Unordnung bringen könnten. Ganz vorne steht in der aktuellen Fassung ein Punkt, der Notenbankern eher schlechte Laune machen dürfte. Die Überschrift des entsprechenden Kapitels ist zwar ganz im Stile von Zentralbankern vorsichtig formuliert: „Anleihemärkte werden herausgefordert“. „Ausverkauf bei Staatsanleihen“ hätte es besser getroffen.Denn nichts anderes ist passiert, wenn man auf die Anleihezinsen wichtiger Staaten blickt. Ob Frankreich, Großbritannien oder gar Japan, Deutschland und die Vereinigten Staaten: Überall sind die Zinsen von Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit deutlich gestiegen, was bei Anleihen zwangsläufig mit fallenden Kursen einhergeht. Sprich: Die Anleger haben sich in größerem Umfang von den Wertpapieren getrennt.De Guindos war verständlicherweise daran gelegen, aufkommende Bedenken sogleich zu zerstreuen. Die Situation sei anders als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren, als Europa unter den Folgen einer schweren Staatsschuldenkrise litt. Diese Einschätzung wird von vielen Großinvestoren geteilt. Eine beruhigende Nachricht für Anleger ist das trotzdem nicht.Denn wenn ausgerechnet die Anleihen solider Staaten alle zugleich an Wert verlieren, steht eine Funktion der Papiere infrage, die für Investoren außerordentlich wichtig ist: Insbesondere deutsche Bundesanleihen und amerikanische Staatsanleihen waren eigentlich immer gefragt, wenn irgendwo auf der Welt eine Krise ausbrach. Profianleger sicherten sich damit gegen den ganz großen Zusammenbruch ab. Mochten die Kurse aller anderen Wertpapiere im Portfolio auch fallen, so gewannen wenigstens die Anleihekurse hinzu.Das ist spätestens seit dem Krieg zwischen den USA und Iran anders. Schutz vor Verlusten im Portfolio boten da weder Bundesanleihen noch amerikanische Papiere. „Es gibt keine Patentlösung für Krisen mehr, die immer funktioniert“, sagt Harald Preißler, Kapitalmarktstratege des Investmenthauses Bantleon, das auf Anleihen spezialisiert ist. Ähnlich formuliert es Vincent Mortier, Chefanleger der Fondsgesellschaft Amundi, in einer aktuellen Mitteilung: „Traditionelle sichere Häfen funktionieren nicht mehr.“ Das bedeutet: Sicherheit muss an den Finanzmärkten ein Stück weit neu gedacht werden.Steigender Ölpreis, steigende RenditenAber wie macht man das? Indem man zunächst die Gründe für die Veränderung analysiert. Anleihestratege Preißler hat seit dem Beginn des Irankrieges in seinen Datensätzen eine außergewöhnliche Verschiebung festgestellt: „Es besteht eine hohe Korrelation zwischen den Anleihezinsen und dem Ölpreis.“ Sprich: Ein steigender Ölpreis geht mit steigenden Renditen einher. Das ist zunächst einmal gar nicht so überraschend.Der Zusammenhang geht so: Das fehlende Öl, das wegen der Blockade der Straße von Hormus nicht in alle Welt gebracht werden kann, lässt auf der ganzen Welt die Energiepreise steigen. Dies führt bei vielen Investoren dazu, dass sie eine dauerhaft höhere Inflation erwarten, je länger der Konflikt andauert. Für diesen voraussichtlichen Anstieg der Teuerung möchten die Anleiheanleger entschädigt werden. Sie verlangen darum einen höheren Zins. Das macht alle schon am Markt befindlichen Anleihen weniger attraktiv und lässt ihre Kurse fallen.
Geldanlage: Neue Zweifel an den Staatsanleihen
Anleihen solider Länder galten bisher als besonders sichere Geldanlage. Doch das ändert sich gerade. Was Anleger wissen müssen.









