Das Rollgitter ist unten. Endgültig. Ein metallisches Nein, das einem direkt ins Gesicht schlägt – dahinter fault die warme Röhre der U8, verheißungsvoll erleuchtet und absolut unerreichbar bis halb fünf. Es ist Dienstag. Neben mir lehnt Caro – eine Frau, deren Nachname ich nach zwei Jahren noch nicht kenne, und sie meinen vermutlich auch nicht. In ihrem bodenlangen, asymmetrischen Daunenmantel sieht sie aus wie ein stark sedierter Michelin-Mann auf dem Weg zu einer Beerdigung in der Volksbühne. In ihr Telefon zischt sie eine Sprachnachricht über die toxische Gruppendynamik ihres Töpfer-Workshops. „Das war einfach eine grenzüberschreitende Raumübernahme“, murmelt sie in die feuchte Nacht. In ihrer anderen Hand erstarrt ein Falafel-Wrap zur kalten Mumie.

Der N8 kommt. Natürlich zu spät.

Mit zwölf Minuten Verspätung wälzt sich der N8 heran. Die hydraulischen Türen reißen auf – nasser Straßenköter, alter Schweiß, unverdautes Sternburg. Die Stadt gibt ihr Innerstes preis. Der Fahrer hat das Gesicht eines Mannes, der seit einem Jahrzehnt weiß, dass in diesem rollenden Asyl niemand gewinnt. Charon. Fleckige BVG-Uniform, kein Blick zurück. Er schlägt die Türen zu, kaum dass wir uns in den schwankenden Gang gerettet haben. Hinten links: ein Mann im zerknitterten Anzug, Krawatte auf Halbmast. Eine rote Soße tropft aus seinem Döner auf eine ehemals teure Aktentasche. Er starrt ins Nichts – mit der vollkommenen Ruhe dessen, der aufgehört hat, etwas zu erwarten. Daneben: der Techno-Veteran. Matrix-Sonnenbrille im Dunkeln, Kiefer mahlend in einem 140-BPM-Rhythmus, der in seinem Kopf einfach nicht aufhört. Er riecht nach Nebelmaschine. In einer Hand eine leere Mate-Flasche, gehalten wie eine Handgranate. Er flüstert mit jemandem, der nicht da ist – konzentriert, fast zärtlich. Mittig klammern sich zwei Touristinnen an die gelben Stangen. Eine trägt einen Lederharnisch über einem beigen Rollkragenpullover. Ihr Handy-Display beleuchtet ihr Gesicht: Google Maps, Wedding, irgendwo. Der Bus ruckelt an. Durch die beschlagenen Scheiben verschwimmt die Stadt zur orangefarbenen Schmiere. Bei jeder Bremsung rutschen wir auf den abgewetzten Sitzen ein Stück weiter nach vorn.