Dieser Mann will Deutschland zum KI-Weltmeister machenVor einem Jahr verkaufte Karsten Wildberger noch Waschmaschinen. Jetzt glaubt der deutsche Digitalminister zu wissen, was dem Land gerade fehlt: die Vorstellung von einer guten Zukunft. Ein Porträt.06.06.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenDas politische System sei schon sehr komplex, sagt Karsten Wildberger.Florian Gaertner / ImagoDie deutsche Wirtschaftselite sitzt an einem Nachmittag im Mai im Berliner Luxushotel JW Marriott und ist müde.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Hier, am Jahrestreffen des Wirtschaftsrats der CDU, versprechen gleich mehrere Politiker, dass die grossen Reformen für Deutschland bald kommen werden. Worte, mit denen sie bei den vielen Unternehmern im Saal nicht mehr punkten. Zu oft wurden die Hoffnungen der Menschen im Publikum enttäuscht.Ein Referent sorgt jedoch für Begeisterung. Die Anzugträger erheben sich zur Standing Ovation, applaudieren fast eine Minute lang. Ein Mann mittleren Alters schiesst mit seinem Mobiltelefon ein Foto und verschickt es über Whatsapp an seine Kontakte. «Der krasseste Treiber momentan», schreibt er dazu.Auf der Bühne steht Karsten Wildberger, 56-jährig, zweifacher Familienvater, Physiker, CDU-Mitglied, Bundesminister, Neupolitiker, Optimist. Dank der Digitalisierung könne der Verwaltungsapparat endlich schlank werden, sagt Wildberger. Und mit der künstlichen Intelligenz (KI) böte sich der heimischen Industrie die Chance, weltweit wieder ein Vorbild zu sein.Es sind Dinge, die im Widerspruch zur derzeitigen Wahrnehmung von Deutschland stehen. Ein Land, in dem Bürger für viele Dokumente noch immer beim Amt erscheinen müssen und in dem manche Unternehmer wichtige Verträge noch immer am liebsten per Fax verschicken.Vielleicht erklärt sich Wildbergers Beliebtheit bei den Unternehmern genau damit. Er liefert eine Erzählung, nach der sich viele sehnen.Die Idee einer guten Zukunft, in der sich Deutschland wieder stark anfühlt.Die Lust an der TransformationLange war Wildberger Manager, zuletzt CEO von Ceconomy, dem Mutterkonzern der Elektronikfachmärkte Media Markt und Saturn. Dann rief ihn vor einem Jahr der neugewählte Kanzler Friedrich Merz an und offerierte den neu geschaffenen Posten als Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung. Das Thema Digitalisierung war in Berlin bis dahin über zahlreiche Ministerien verstreut. Niemand hatte den Überblick, niemand die Verantwortung.Wildberger nahm das Amt an, auch wenn er nun ein Zehntel seines früheren Gehalts als Konzernchef verdient und ihm der neue Posten keine weitreichenden Befugnisse bringt. Will er wirklich etwas bewegen, muss er nicht nur andere Bundesminister überzeugen, sondern auch Lokalpolitiker in den Bundesländern und Kommunen.Fragt man, wieso er sich diese Aufgabe antut, sagt Wildberger: «Weil mich Transformationsprozesse antreiben. Und es ist gerade ziemlich offensichtlich, dass Deutschland in einem solchen steckt.»Hat dieser Quereinsteiger die Kraft, ein ganzes System zu ändern?Wildberger ist nun Berufspolitiker, und in manchen Dingen ähnelt er im Auftreten bereits seinen Kollegen: Auch er spult bei öffentlichen Auftritten ein Bühnenprogramm ab, spricht kontrolliert und souverän. Manche Dinge sind anders. Nie wird er laut, nie teilt er gegen politische Konkurrenten aus. Da steht dann wieder der Manager, der begeistern will. Häufig fallen in seinen Reden Wörter wie machen, schaffen, lösungsorientiert, vorwärts.Gewissermassen ist Wildberger ein Vermittler. In Kabinettsverhandlungen mit anderen Ministern sehe er sich in der Rolle des «Anwalts der Wirtschaftsordnung», sagt er oft. Tritt der Digitalminister wiederum vor Unternehmern auf, bittet er um Geduld und wirbt um Verständnis für den politischen Betrieb. Wildberger will drin sein, aber auch noch draussen.Der Kanzler und sein Digitalminister essen Kuchen zur Feier von einem Jahr Digitalministerium.Clemens Bilan / EPAKeiner merkt etwas von der VeränderungAn Podien wird Wildberger manchmal vorgestellt als jemand, der Deutschland gerade rasant verändere. Aber keiner merke es.Viele Dinge, die das Digitalministerium im ersten Jahr angepackt hat, passieren im Hintergrund. Wildbergers Haus lancierte Projekte, wie Mitarbeiter in der Bundesverwaltung dank KI-Portalen effizienter arbeiten können. Es entwarf eine nationale Rechenzentrumsstrategie, die aufzeigt, wie Deutschland seine Kapazität an Rechenzentren bis 2030 verdoppeln soll. Es erklärte den Ausbau der Telekommunikationsnetze zum öffentlichen Interesse, so dass der Glasfaserausbau heute schneller vorangeht. Es unterstützte die Fusion der deutschen KI-Hoffnung Aleph Alpha mit dem kanadischen Unternehmen Cohere, damit die beiden Firmen mit den mächtigen US-Anbietern konkurrieren können. Und mit entlastenden Reformen, etwa einfacheren Regeln beim Wohnungsbau oder beim Lieferkettengesetz, habe es die gesamtwirtschaftlichen Kosten bei der Bürokratie um 8 Milliarden Euro gesenkt.In der Digitalbranche sind viele Beobachter zufrieden mit der Arbeit des Ministers – was aber auch an den tiefen Erwartungen liegt. Die deutsche Politik habe viele Dinge verschlafen, nun verstehe mit Wildberger immerhin einer in der Regierung die Megatrends. Dass er überhaupt schon ein einsatzfähiges Ministerium beisammen hat, werten manche bereits als Erfolg. Jetzt brauche der Digitalminister aber dringend einen Durchbruch, den auch die Bürger bemerkten.Wildberger blickt selbstkritisch auf sein erstes Jahr im Amt zurück. Die Richtung stimme, aber es gehe ihm noch nicht schnell genug. Allen voran beim Bürokratieabbau sei ihm im ersten Jahr weniger als erhofft gelungen, sagt er in seiner Rede am Wirtschaftstag. Das politische System sei schon sehr komplex, findet der Neue.KI-Weltmeister DeutschlandEinige Wochen später steigt der Digitalminister in eine BMW-Limousine und begrüsst seinen Chauffeur. Mit ihm fahre er am liebsten, sagt Wildberger und nimmt auf der Rückbank Platz. Es geht zu einer nächsten Rede, dieses Mal werden viele Startup-Gründer und Risikokapitalgeber aus dem Tech-Bereich im Publikum sitzen. Der Minister trägt ein weisses Hemd, einen dunklen Anzug und eine Krawatte. Es ist sein Standard-Outfit bei öffentlichen Auftritten. Wildberger lehnt sich zurück, atmet ruhig, sitzt breitbeinig und hat den Blick nach vorn gerichtet.Etwas beschäftige ihn gerade, sagt er. Er ist besorgt, wie schlecht die Stimmung in Deutschland ist.Es gebe Probleme im Land, sagt der Minister. Und er könne auch eine gewisse Kritik an der Arbeit einer Regierung verstehen, der er selbst angehört. Manchmal beobachte er aber, wie die Negativität fast schon zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung werde. Zu einem Strudel von schlechter Laune, der das Land immer weiter herunterziehe. «Gewisse Parteien müssen dann gar nichts tun, ausser immer wieder dieses Gefühl zu befeuern», sagt Wildberger.Um die Stimmung zu kehren, brauche es eine strategische Debatte, wohin es eigentlich gehen solle. Der Digitalminister beschreibt seine vielleicht wichtigste Aufgabe so: «Deutschland braucht ein Zielbild.»Zielbild. Managersprech für etwas Banales: die Vorstellung, dass die Zukunft gut wird.Immer wieder kommt Wildberger auf diesen Punkt zurück. Das Land brauche eine Vision, an die die Leute glauben, sagt der Digitalminister. An der sie mitarbeiten wollen und für die sie auch Opfer bringen. Zu versprechen, dass die Bahn bald wieder pünktlich und die Verwaltung bald wieder verlässlich sein soll, reiche dabei nicht aus. Deutschland brauche mehr.Für den Digitalminister sieht das Zielbild so aus: Technologieführerschaft bei der künstlichen Intelligenz im industriellen Bereich.In Karsten Wildbergers Zukunft hat die deutsche Industrie ihre Produktion so weit es geht automatisiert. Die Autobauer etwa könnten alle ihre Daten sammeln und die Kontrolle über die Wertschöpfungskette dann an einen KI-Agenten delegieren. Dieser optimiert dann Bauteile, steuert die Roboter, trifft eigenhändig Entscheidungen über den Fertigungsprozess. Der Betrieb wird so schneller, besser, günstiger. Und das Land gewinnt an Souveränität, weil es nicht mehr von ausländischer Software abhängig ist. «Das wäre ein riesiger Innovationssprung», sagt Wildberger.Und dieser soll ausgerechnet in Deutschland stattfinden.Er mache sich keine falschen Illusionen, meint der Digitalminister. Europa hinke bei der künstlichen Intelligenz massiv den amerikanischen und chinesischen Anbietern hinterher. Es gehe aber nicht darum, KI-Bots wie Chat-GPT oder Claude zu kopieren. Sondern darum, Agenten zu erschaffen, die bis jetzt keiner hinbekommen hat. «Eine KI-Lösung für die Industrie braucht Fachexpertise. Nirgendwo gibt es mehr davon als in Deutschland.»In den nächsten zwei bis drei Jahren werde sich die Zukunft weisen, sagt Wildberger. Noch nie hätten sich technologische Durchbrüche so schnell durchgesetzt wie im KI-Zeitalter. Ob Deutschland mithalten werde, entscheide sich jetzt.Er sei sich sehr bewusst, dass die Umsetzung seiner Vision bei der Privatwirtschaft liege, sagt der Minister. Aber als Politiker wolle er alles dafür tun, um den Erfolg überhaupt erst möglich zu machen. Wenn das Momentum einmal stimme, könne Deutschland alles erreichen, glaubt Wildberger. Und zählt Dinge auf, die ihm Hoffnung machen. Bei den Patentanmeldungen liegt Deutschland weltweit auf Platz zwei hinter den USA. Und im vergangenen Jahr wurden im Land so viele Startups gegründet wie noch nie. «Was wir schaffen könnten, wenn wir mal an uns glauben würden. Boah!» Danach blickt er aus dem Fenster und schweigt.Auf die Frage, ob er sich eigentlich mächtig fühle, überlegt der Minister einige Sekunden, atmet tief durch und sagt: «Ich tue mich schwer mit diesem Begriff.» Lieber sehe er sein Amt als eine auf Zeit geliehene Verantwortung, um Dinge im Land zum Positiven zu verändern.Karsten Wildberger, hier bei einem Auftritt an der Digitalmesse OMR, sagt: «Was wir schaffen könnten, wenn wir mal an uns glauben würden. Boah!»Chris Emil Janssen / ImagoIst das genug?Bevor Wildberger aus der Limousine steigt, überfliegt er nochmals seine Rede. Um sicherzugehen, dass sein Ziel auch heute stimmt. Durch die getönten Autoscheiben erblickt der Minister sein Publikum, für einen kurzen Augenblick wirkt er unsicher. Lauter Turnschuh- und T-Shirt-Träger. Ob er die Krawatte nicht doch besser weglassen solle, fragt er seine Sprecherin. Ja, weg damit.Wer begeistern will, darf nicht wie ein Alien aus einer anderen Galaxie aussehen.Während Wildbergers Rede ist es laut im Saal. Einige Konferenzteilnehmer hören dem Politiker gar nicht erst zu. Lieber nutzen sie die Gelegenheit, um mit anderen Gründern Kaffee zu trinken und zu plaudern. Der Applaus zum Ende der Rede ist höflich, aber zurückhaltend. In der anschliessenden Fragerunde bedankt sich ein Zuhörer für den Besuch des Ministers. Aber wie liesse sich ein Rückstand aufholen, wenn die Europäer zweistellige Milliardenbeträge als grossen Wurf verkaufen, während in den USA Billionen in neue Datenzentren fliessen?Wildberger ringt um Worte. Erst relativiert er: Deutschlands Rechenkapazitäten für KI seien im Vergleich zu den USA klein, zuletzt aber immerhin rasant gewachsen. Eine Vervierfachung in etwas über drei Jahren, das sei schon eine Leistung. «Ist es genug? Wahrscheinlich nicht», sagt der Minister.Dann kommt er zu dem Punkt, den er schon im Fond der Limousine angemerkt hatte: dass etwas Grosses nur möglich sei, wenn sich die Stimmung im Land grundsätzlich verändere.Was in den USA als Chance fürs Geschäft gilt, werde in Deutschland zu häufig als Risiko wahrgenommen, beklagt der Digitalminister. Er wolle der Frage nicht ausweichen, könne nur sagen: Deutschland brauche eine andere Mentalität, müsse sich mehr zutrauen. «Eine sehr relevante Frage, ich habe leider keine bessere Antwort darauf», sagt Wildberger.Der Mann im Publikum, der die Frage gestellt hat, blickt ernst.Das Expertengremium für die «Roadmap»Ende Mai steht Karsten Wildberger an einer Pressekonferenz neben der Arbeitsministerin Bärbel Bas. Beide wirken zufrieden, es gibt etwas zu feiern: Sie erklären den «Startschuss für eine konsequente Digitalisierung des Sozialstaats». Die Regierung wolle das Rathaus aufs Sofa bringen, sagt Wildberger.Bis eine solche Deutschland-App Realität ist, werden aber noch Jahre verstreichen. Ein Expertengremium solle bis Ende 2027 monatlich tagen und als Erstes eine Roadmap für die Umsetzung erarbeiten, sagt Bas.In seinem eigenen Ministerium organisiert Wildberger viele Dinge anders. Die Hierarchien sind flach, die Ziele messbar, und für Projekte mit grosser Dringlichkeit bildet er sogenannte «Sonderpolitikzonen», in denen Entscheidungen schneller fallen sollen. Spannt er jedoch mit anderen Häusern zusammen, muss sich der Digitalminister oft der Logik des Systems unterordnen.Wildberger diktiert dann vielleicht das Ziel. Aber Bas das Tempo.Damit sich die Zuhörer eine Vorstellung von der Zukunft machen können, hat Wildberger einen Film vorbereitet. Vorausschicken wolle er allerdings, dass man ihn bitte nicht auf diese Präsentation festnageln solle. Bei der Umsetzung könnten viele Dinge auch noch anders als erwartet ablaufen.Und dann sagt er: «So wird es nicht sein, aber so könnte es sein.»Wildberger lächelt, aber nur kurz. Als bemerke er gerade, wie sehr dieser Satz sein eigenes Schicksal als deutscher Digitalminister beschreibt.Passend zum Artikel