Ich beginne hier bei der F.A.Z. mit einem Disclaimer: Diese Rede ist „in cooperation with“ Künstlicher Intelligenz entstanden. Wir haben gemeinsam daran gearbeitet. Und so wie in einer guten Redaktion am Ende nicht der Rechercheur, das Archiv oder das Lektorat über dem Artikel steht, sondern der Autor, so stehe ich heute hier und trage die Verantwortung für meine Rede. Sie basiert auf meinen Gedanken. Auf meiner Struktur. Auf meiner Haltung. Und genau darum geht es heute: KI ersetzt nicht Verantwortung. Sie erhöht den Anspruch an sie. Und damit sind wir mitten im Thema. Ich möchte auf drei Dinge eingehen.Erstens: die Bedeutung und Tragweite von KI und was das für uns in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in der Konsequenz heißen muss.Zweitens: der Mindset, den es braucht, um diesen Umbruch zu gestalten.Und drittens: was wir tun müssen, damit wir im Zeitalter der KI wettbewerbsfähig bleiben und unsere Zukunft sichern.1. Bedeutung und Tragweite von KIDie Bedeutung von KI wird in weiten Teilen noch unterschätzt. Sie wird alle Lebensbereiche verändern. Sie beginnt heute schon mit voller Kraft dort, wo wir Software entwickeln, eines der entscheidendsten Wertschöpfungselemente. Zum ersten Mal ersetzen wir das Programmieren, also eine Form von Sprache (in der es übrigens auch Eleganz und Schönheit gibt), im Kern durch die Maschine. Und die knappe Ressource „Intelligenz“ ist plötzlich im Überfluss da.Daraus entsteht Anwendung über Anwendung: in der Produktion, der Automatisierung von Prozessen und letztendlich der Erweiterung unseres eigenen Denkens. Fast überall, weil die Maschine vieles schneller, effizienter und manches bereits besser kann.Aber ich bin überzeugt: Zunächst wird der Mensch nicht von einer KI ersetzt, sondern er wird ersetzt von den Menschen, die KI gewinnbringend nutzen und einsetzen. Und fast jedes Geschäftsmodell lässt sich neu denken, wenn man es von der KI her denkt, von unten nach oben. Aus dieser Richtung wird viel Druck kommen.Schauen wir, wohin die Wertschöpfung wandert: zunächst in die Sprachmodelle, in die Frontier-Modelle, aber am Ende in den gesamten KI-Stack. Dann wird klar, wo wir aufholen und eigenständiger werden müssen bei der Energie, bei Chips, bei Rechenzentren, bei KI-Modellen. Und sehr wichtig bei den KI-Lösungen, beim Anwendungs-Layer. Hierauf müssen wir unsere ganze Kraft verwenden, um zukunftsfähig zu werden.Ich gehe noch einen Schritt weiter. Ich bin überzeugt: Wir brauchen eine extrem ambitionierte politische Agenda für KI und deren entschlossene Umsetzung. Dies gehört zu den drängendsten Aufgaben, die Europa seit dem Zweiten Weltkrieg lösen muss. Denn wenn es uns nicht gelingt, KI eigenständig und gewinnbringend zu nutzen, verliert Europa die Fähigkeit, seine eigene Zukunft zu gestalten. Wir stehen dann ökonomisch und politisch am Rand und täten uns schwer, unsere Werte zu verteidigen und unseren Sozialstaat in dieser Form zu finanzieren. Und am Ende geriete auch unsere Demokratie unter Druck.Wir brauchen also eine Kraftanstrengung bisher nicht gekannten Ausmaßes, um relevant zu bleiben. Aber genau hier liegt auch unsere Chance. Ich nenne sie: Leapfrogging.Leapfrogging kommt aus der Entwicklungsökonomie. Man kennt es von Südkorea, das bei der digitalen Infrastruktur früh große Sprünge gemacht hat, oder von Estland, das nach der Unabhängigkeit seinen Staat konsequent digital aufgestellt hat. Über zwanzig Jahre lang wurden die großen Plattformen anderswo gebaut, die Standards anderswo gesetzt, die Abhängigkeiten anderswo entschieden. Mit KI öffnet sich jetzt ein Fenster. Vielleicht das letzte. Ganz sicher das entscheidende.Und wir starten nicht bei null. Deutschland hat große industrielle Kraft, einen Mittelstand als starkes Rückgrat, Weltklasse-Forschung, großen Erfindergeist und eine wieder wachsende und vielversprechende Gründergeneration, die KI ganz selbstverständlich nutzt. Und, nicht zu vergessen, einen verlässlichen Rechtsstaat. Wir haben viel mehr, als wir oft glauben.2. Der MindsetDamit zum zweiten Punkt: dem Mindset. Welche Haltung brauchen wir?Lassen Sie mich ein Beispiel aus China geben. Bei aller Skepsis und Kritik, habe ich Respekt vor der chinesischen Kultur und vor dem, was China in den letzten Jahrzehnten leistet. Professor Zhang Weiwei hat die chinesische Haltung zu KI in einem Interview vor Kurzem sinngemäß so beschrieben: „KI ist unaufhaltsam. Und weil sie unaufhaltsam ist, nehmen wir sie pragmatisch und gelassen an, entwickeln sie weiter und nutzen jeden Vorteil. Und welche Probleme auch immer entlang des Weges entstehen und auftauchen: Wir lösen sie. Das ist unsere Haltung.“Das ist ein ganz anderer Ansatz als der, den wir oft wählen, nämlich Risiken von vorneherein auszuschließen und Technologie sehr skeptisch zu begegnen. Wir müssen Chancen mehr Raum geben, den Nutzen maximieren und Lösungen für Risiken entlang des Weges finden.Warum ist das gerade jetzt so entscheidend? Weil sich diese Technologie schneller entwickelt als alles, was die Menschen bisher entwickelt haben. Die Sprünge kommen nicht mehr im Jahrestakt. Nicht halbjährlich. Sie kommen im monatlichen, ja sogar fast im Wochenrhythmus. Wer diese Entwicklung nicht aktiv selber gestaltet und führend dabei ist, wird massiv unter Druck kommen. Ich sage: Wer KI nicht gestaltet, wird gestaltet.Wir haben uns einen Reflex antrainiert, der uns lähmt: Wir kommentieren, urteilen. Aber wir setzen zu wenig um und tun uns schwer damit, Widersprüche und Unsicherheit auszuhalten. Wenn wir Leapfrogging ernst meinen, müssen wir mit unserer Selbsthemmung aufhören.3. Was wir tunDamit zum Dritten: Was tun wir in der Politik konkret? Ich will drei Felder nennen, auf denen sich unser Handeln erstreckt: Regeln für KI, die souveräne Infrastruktur, auf der KI läuft, und die Frontier-Modelle, KI-Anwendungen und das Ökosystem.Erstens, die Regeln. Wir setzen uns für eine innovationsfreundlichere Regulierung ein, mit Erfolg. Bei der KI-Verordnung haben wir erreicht, dass zunächst die Maschinenverordnung herausgenommen wurde. Dies gibt unserer Industrie mehr Klarheit und Freiheit, KI zu entwickeln und zu nutzen. Wir werden darüber hinaus die Bedingungen für KI und Cloud-Anwendungen im Gesundheitswesen verbessern. Längst überfällig. Und wir arbeiten an einem Datenschutz, der sich stärker an der Nutzung von Daten orientiert. Dabei bleiben die Grundrechte und der Schutz zum Beispiel der Privatsphäre unangetastet.Zweitens, souveräne Infrastruktur. Mit unserer Rechenzentrums-Strategie bauen wir zusammen mit vielen investitionsbereiten Unternehmen so schnell wie möglich KI-fähige Recheninfrastruktur auf. Denn am Ende brauchen wir Compute-Zeit.Und ein echter Meilenstein: Zum ersten Mal hat der Bund eine souveräne Cloud an zwei europäische Konsortien vergeben, geführt von deutschen Unternehmen. Damit bauen wir eine skalierfähige souveräne Cloud-Infrastruktur für die Verwaltung in Deutschland – den Deutschland-Stack. Eine gemeinsame Architektur für Digitalisierung und KI-Lösungen, die EUDI-Wallet als digitale Identität oder die Deutschland-App. Und der Staat nimmt seine Rolle als Ankerkunde strategisch wahr, um Wirtschaftswachstum zu ermöglichen.Drittens, Modelle, Anwendungen und Ökosystem. Wir unterstützen Konsortien bei den Frontier-Modellen. Bei Welt- und Visionsmodellen haben wir in Deutschland Unternehmen, die in der Weltspitze spielen. Hier müssen wir dafür sorgen, dass sie auch europäisch bleiben. Und bei Sprachmodellen werden wir eigene Lösungen brauchen, die im globalen Wettbewerb mithalten können. Denken Sie nur an Cybersicherheit und an die Fähigkeit der Softwareentwicklung. Der Zusammenschluss von Cohere und Aleph Alpha ist dafür ein wichtiger Beitrag. Hier entsteht ein führender Player mit einem starken Standbein in Deutschland.Genauso wichtig ist die Verbreitung von KI in die Breite, die sogenannte Diffusion. Wie befähigen wir den Mittelstand, auf souveräner Infrastruktur mit jungen Unternehmen zusammenzukommen und die Vorteile von KI zu heben? Wie unterstützen wir Start-up-Ökosysteme? Dazu gehört zum Beispiel der agentische KI-Hub für die Verwaltung. Hier helfen uns Start-ups, die Verwaltung zu digitalisieren und zu automatisieren. So bauen wir Momentum auf.KI ist die tiefgreifendste Technologie unserer Zeit. Sie verändert, wie wir arbeiten, wie sich Unternehmen aufstellen, wie Verwaltung und Sicherheit funktionieren. Die Veränderung, die sie in allen Lebensbereichen mit sich bringt, wird uns fordern, weil wir alte Gewohnheiten hinter uns lassen und Neues wagen müssen.Aber zur Wahrheit gehört auch: KI kann uns helfen, die großen Probleme zu lösen. Krankheiten zu heilen, Leben zu verlängern, die Fragen zu Energie und Klima zu lösen. KI kann großes Wirtschaftswachstum ermöglichen. Die Verwaltung effizient und schnell machen.KI entwickelt sich weiter. In den USA. In China. In anderen Teilen der Welt. Mit uns oder ohne uns.Und deshalb ist meine Haltung klar: Ablehnung nur dafür, dass andere diese Technologie gestalten. Sich dadurch Wachstum und Wohlstand sichern und wir am Ende Miete für die Nutzung zahlen. Dann vergrößern wir unsere Abhängigkeit, wirtschaftlich und politisch. Das darf nicht passieren.Ich bin überzeugt: Künstliche Intelligenz kann das Comeback für Deutschland werden. Was jetzt zählt, ist der Wille und der Mut, nach vorne zu gehen. Und die Bereitschaft, entlang des Weges zu lernen.Das ist eine Aufgabe für Politik und Wirtschaft. Aber auch für die Medien. Denn diese Transformation braucht Öffentlichkeit. Sie braucht Einordnung. Sie braucht kritische Begleitung. Aber vor allem braucht sie Mut.Diskutieren Sie mutig, kritisch und optimistisch. Aber mit der notwendigen Offenheit für die Freude am Fortschritt.
Karsten Wildberger: KI als Comeback-Chance für Deutschland
Bundesminister Karsten Wildberger hat auf der F.A.Z. KI-Konferenz am Dienstag eine klare Position bezogen, welche Chancen für Deutschland und Europa in der Künstlichen Intelligenz liegen. Wir dokumentieren seine Rede hier im Wortlaut.










