Timmy war eine Timea – die Obduktion des gestrandeten Wals entlarvt die Fehleinschätzung der selbsternannten RetterDer Buckelwal, der Deutschland wochenlang in Atem hielt, war ein Weibchen. Warum die Geschlechtsbestimmung bei diesen Meeressäugern nicht einfach ist und wie man es richtig macht.06.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenEnde eines wochenlangen Dramas: Erstmals ist der Buckelwal Ende März in Deutschland gestrandet. Anfang Juni wird er am Strand der dänischen Insel Anholt obduziert.DPADer Buckelwal namens Timmy war ein Weibchen. Das hat die Obduktion des toten Wals am Strand der dänischen Insel Anholt eindeutig gezeigt. Das Tier besass eine Gebärmutter. Dieser Befund steht in eindeutigem Widerspruch zu den mehrfach gemachten Aussagen von Mitgliedern der privaten Rettungsinitiative. «Wir sind uns sicher: Timmy ist ein Männchen», liessen sie Mitte April verlauten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Auch ein Michael Phelps trägt einen engen Schwimmanzug.Was die Beurteilung erschwert: Weibchen besitzen ebenfalls eine solche Genitalfalte. Es ist der Scheidenausgang. Bei den Weibchen liegt die Falte etwas weiter hinten Richtung Schwanzflosse, bei Männchen etwas weiter vorne am Bauch. Zudem befindet sich bei den Weibchen direkt neben der Spalte eine grapefruitgrosse Ausstülpung. Doch bei den Strandungen lag das Tier auf dem Bauch, die entscheidende Stelle war somit nicht einsehbar.Erste Hinweise, dass Timmy eine Timea war, lieferte bereits die Strandung des Kadavers vor Anholt. Denn bei toten Männchen stülpt sich der Penis nach aussen. Aber beim Kadaver gab es nichts zu sehen. Zudem hatte ein Walexperte mitgeteilt, er habe auf den Fotos die Milchgänge erkannt.DNA-Analyse verrät GeschlechtHätten die Mitglieder der Rettungsinitiative das Geschlecht wasserdicht bestimmen wollen, so wäre das mit wenig Aufwand möglich gewesen. Sie hätten dafür aus dem Wasser oder aus der Atemluft des Buckelwals eine Probe des Erbguts (DNA) entnehmen können.Schliesslich waren sie ihm, pardon ihr, tagelang sehr nahe. Und Geld spielte keine Rolle. Die ganze «Freilassungsaktion» vom Verfrachten des Tiers in das Wassertaxi bis hin zur vermutlich sehr ruppigen Entfernung daraus kurz vor der Nordsee hat laut eigenen Angaben weit über eine Million Euro gekostet.Die Biologin Anja Gallus vom Deutschen Meeresmuseum Stralsund erklärt: «Eine Geschlechtsbestimmung über DNA ist heutzutage relativ schnell und unkompliziert möglich, wenn man die Ausstattung und geschultes Personal hat.»Wal-DNA aus Meerwasser zu fischen, ist zudem keine Hexerei, wie das Projekt «eWhale» im Mittelmeer beweist. Dort schöpfen Touristen bei Walbeobachtungstouren Wasser an der Stelle, an der ein Wal aufgetaucht ist. Dieses wird gefiltert. Dabei bleibt die DNA hängen. Forscher extrahieren und analysieren sie. Neben dem Geschlecht bestimmen sie zum Beispiel auch die Walart oder Verwandtschaftsbeziehungen.Auch andere Fakten zu erheben, wäre zu Lebzeiten des Meeressäugers möglich gewesen, sagt Florian Stadler von Sea Shepherd. «Mithilfe einer Atemprobe hätte man damals auch das Stresslevel oder manche Krankheiten diagnostizieren können.»Was die Laute des Meeressäugers bedeutet habenIn puncto Überlebensaussichten des gestrandeten Meeressäugers sei das Geschlecht zwar egal, sagen die Experten. Allerdings hat die Fehlbestimmung zu einem weiteren Fehlschluss geführt. Es hiess von den selbsternannten Walverstehern der privaten Initiative immer, der Wal singe und zeige so, dass er sich auf seine Freiheit freue und bei den Rettungsversuchen mitmache.Das ist doppelt falsch. Erstens kann ein Wal gar nicht wissen, dass er nur zu seinem Besten gezogen, geschubst und hin und her geworfen wird. Niemand kann das einem Wildtier vermitteln.Zweitens singen nur männliche Buckelwale. «Sie singen, um den Weibchen zu imponieren und Rivalen zu vertreiben, Weibchen können rufen, kommunizieren und Laute von sich geben», erklärt die Zoologin Gallus. Wie sie sowie Mitarbeiter von Sea Shepherd berichten, hat das Tier jeweils ein tiefes Brummen und Grollen ausgestossen, wenn sich Menschen oder Boote genähert haben. «Es ist naheliegend, anzunehmen, dass dies Laute aufgrund von Unbehagen oder Schmerzen waren», so Gallus, «auch wenn das wissenschaftlich nicht bewiesen ist.»Der Aktivismus der Rettungsaktion ohne wissenschaftliche Expertise hat somit dem gestrandeten Meeressäuger geschadet. «Es war völlig unnötige Tierquälerei», erbost sich Stadler.Passend zum Artikel
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