«Gott, Sex und die EU kann man nicht vorhersagen» – Montenegro ist auf dem Weg in die EU, andere Balkanländer werden länger warten müssenDer albanische Ministerpräsident Edi Rama trat beim Westbalkan-Gipfel erneut als Witzbold auf. Frankreich und Deutschland drängen zu einer schrittweisen Annäherung der Adria-Staaten an die EU.05.06.2026, 18.38 Uhr4 LeseminutenVoraussichtlich bald im gleichen Klub: Montenegros Präsident Jakov Milatovic (links) und der EU-Rats-Präsident António Costa.Boris Pejovic / EPA2005 war die Welt eine andere: Mobiltelefone hatten noch keinen Touchscreen, Donald Trump war lediglich ein Geschäftsmann – und Nordmazedonien erlangte den Status als Beitrittskandidat für die Europäischen Union. Nun, über zwanzig Jahre später, ist der südosteuropäische Kleinstaat noch immer nicht EU-Mitglied. Geht es nach Deutschland und Frankreich, soll nun aber Tempo in die Sache kommen – für das im Westbalkan am längsten wartende Nordmazedonien, aber auch für alle anderen Länder der Region.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Die EU muss zeigen, dass sie erweiterungsfähig und erweiterungswillig ist», sagte der deutsche Kanzler Friedrich Merz zu Beginn des EU-Westbalkan-Gipfels, der diesen Freitag in der montenegrinischen Stadt Tivat stattgefunden hat. Man wolle nun zu schnellen Ergebnissen kommen und über allem müsse stehen, «dass dieser Teil Europas zur EU dazugehört», sagte Merz.Der französische Präsident schlug in die gleiche Kerbe. Eine Erweiterung sei aus geopolitischen Gründen wichtig. «Denn auch in dieser Region geht es um die Unabhängigkeit Europas», sagte Emmanuel Macron und bezog sich auf Fragen der Energie, der Sicherheit und der Migration. Letztlich will die EU durch eine engere Anbindung der Balkanländer verhindern, dass sich diese den Rivalen Russland oder China annähern.Alle EU-Länder müssen zustimmenIm «Warteraum der EU» befinden sich aus dem Westbalkan derzeit Montenegro, Albanien, Nordmazedonien, Bosnien-Herzegowina und Serbien. Sie alle müssen einen eng strukturierten Prozess durchlaufen, der in 35 Verhandlungskapitel («Cluster») gegliedert ist. Darin geht es etwa um Korruptionsbekämpfung, Finanzstabilität oder Grundrechte. Tausende Rechtsakte, die entsprechende Reformen erfordern, müssen übernommen werden. Für jede Eröffnung und Schliessung eines Kapitels braucht es die Unterstützung sämtlicher 27 EU-Mitgliedländer.Deutschland und Frankreich hatten das Terrain vor dem Gipfeltreffen in einem gemeinsamen Positionspapier vorbereitet. Sie sprechen darin von einer «graduellen Integration», die den Beitrittskandidaten offeriert werden soll – also von einer schrittweisen Annäherung an die EU, welche zusätzliche Anreize für Reformen schaffen soll. Auch die weiter entfernte Moldau soll davon profitieren können. Das Vorgehen erinnert an einen Vorstoss, den Merz unlängst zugunsten der Ukraine gemacht hat. Auch diese möchte er über eine «assoziierte Mitgliedschaft» zumindest teilweise an die EU anbinden. Kiew, das auf eine Vollmitgliedschaft pocht, lehnt den Vorschlag bis jetzt ab.Zückerchen gegen den FrustFür die Beitrittskandidaten aus dem Balkan würde das deutsch-französische Konzept bedeuten, dass sie auch ohne Vollmitgliedschaft teilweisen Zugang zum Binnenmarkt erhalten und einen Beobachterstatus erlangen sollen. Je nach Fortschritt der Verhandlungen wären die Staaten dann etwa zu EU-Treffen eingeladen, ohne aber mitbestimmen zu dürfen. Zudem sollen sie Zugang zu den Studentenprogrammen Erasmus und Horizon sowie zu verteidigungspolitischen Instrumenten haben, wenn gewichtige Kapitel geschlossen sind.Es sind dies Zückerchen, die den Frust im Westbalkan über den schleichenden Beitrittsprozess übertünchen sollen. Seit der Aufnahme von Kroatien im Juli 2013 ist der Kreis der EU-Mitgliedsländer nicht mehr angewachsen, mit dem Austritt von Grossbritannien ist er gar geschrumpft. EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen spricht von einer Dynamik, die es nun zu nutzen gelte.Der Helmut-Kohl-MomentIn den Balkanländern selbst fällt die Reaktion auf die Charmeoffensive gemischt aus. Eine graduelle Integration sei ja gut und recht, aber die EU sei zu wenig mutig, sagte der albanische Ministerpräsident Edi Rama. Was es nun brauche, sei ein Helmut-Kohl-Moment: Der damalige Kanzler habe den Ostdeutschen vor der Wiedervereinigung auch nicht gesagt, dass sie zuerst 35 Kapitel zu erfüllen hätten.Logistische Herausforderung für einen Kleinstaat: Der Westbalkan-Gipfel fand in Montenegro statt, das nur gut 600 000 Einwohner hat.Stevo Vasiljevic / ReutersAuf die Frage, wann Albanien denn EU-Mitglied sein werde, antwortete Rama mit dem ihm eigenen Sarkasmus: «Es gibt drei Dinge, die man nicht vorhersagen kann: Gott, Sex und die EU.» Es scheint jedoch durchaus möglich, dass das Land bis 2030 der Union betreten wird.28. Mitglied im Jahr 2028?Am schnellsten wird es aller Voraussicht nach bei Montenegro gehen, der Tagungsort war nicht zufällig ausgewählt worden. Die Beitrittsverhandlungen dürften noch dieses Jahr abgeschlossen sein, womit das Land auf eine baldige Vollmitgliedschaft aspirieren kann und nicht in das von Merz und Macron skizzierte Raster fiele. Präsident Jakov Milatovic geizte nach dem Gipfel denn auch nicht mit Superlativen. Es handle sich um einen grossen Tag, ja um einen «nationalen Triumph», der jahrelange Reformen bestätige. Gemäss eigener Aussage ist Montenegro bereit für den Beitritt und will damit den anderen Balkanländern als Vorbild dienen.Ganz so euphorisch sind von der Leyen und der EU-Rats-Präsident António Costa nicht, aber auch sie sprechen von «beeindruckenden Schritten» Montenegros. Die Aussicht darauf, dass der Adria-Staat mit gut 600 000 Einwohnern im Jahr 2028 das 28. Mitglied der EU wird, ist realistisch. Angesichts der Tatsache, dass alle Mitgliedländer zustimmen müssen und in manchen eine Volksabstimmung durchgeführt werden könnte, ist ein Stolpern auf der nun von allen Seiten betonten «Zielgeraden» allerdings nicht ausgeschlossen.Passend zum Artikel