Die EU will mehr Lohngleichheit zwischen Mann und Frau, doch die Mitgliedsländer spielen nicht mitUnternehmen sollen viel mehr Lohndaten offenlegen als bisher. Ziel einer entsprechenden Richtlinie ist es, Salärunterschiede zwischen den Geschlechtern zu eliminieren. Aber die Wirtschaft rebelliert.05.06.2026, 10.10 Uhr4 LeseminutenFrauen demonstrieren in Berlin dagegen, dass Frauen im Durchschnitt nach wie vor weniger verdienen als Männer.Matthias Reichelt / ImagoBürokratieabbau – kaum ein Versprechen äussern Politiker häufiger, fast nichts wünscht sich die Wirtschaft sehnlicher. Wenn es bloss nicht so viele Ungerechtigkeiten gäbe, die sich möglicherweise nur mit neuen Vorschriften beheben liessen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein solcher Zielkonflikt beschäftigt gerade die EU-Mitgliedsländer. Tatsache ist zum einen, dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer, etwa weil sie weniger hart über den Lohn verhandeln. Der Gender-Pay-Gap ist zwar stetig kleiner geworden, aber selbst in den gesellschaftlich fortschrittlichen Ländern Skandinaviens gibt es ihn noch.Das hat die EU-Kommission zum anderen zur Entgelttransparenzrichtlinie bewogen. Sie soll zumindest ein wenig dazu beitragen, den Gender-Pay-Gap zum Verschwinden zu bringen. Bis zum 7. Juni müssten die 27 EU-Länder die Richtlinie in nationales Gesetz umsetzen. Vollständig geschafft haben das bisher allerdings nur zwei, Italien und die Slowakei, obwohl die Staaten dafür drei Jahre Zeit gehabt hätten.Im Verzug sind auch die deutschsprachigen EU-Mitglieder Österreich und Deutschland. Deren Regierungen haben zwar angekündigt, das Versäumte nachzuholen. Wann das aber geschehen wird, können sie nicht genau sagen. Die Koalitionen sind gespalten und ringen um eine Position. Zudem scheinen sich Europas Regierungen gerade zu beäugen. Kaum eine will vorpreschen, stattdessen beobachten sie, wie andere mit dem schwierigen Thema umgehen.Gross ist vor allem die Furcht vor einem neuen Bürokratieschub, der Europas Wettbewerbsfähigkeit weiter belastet. Deutschlands Regierung hat aus diesem Grund sogar eine Kommission einberufen zur «bürokratiearmen Umsetzung» der Richtlinie.Im Gremium sei deutlich geworden, dass die Positionen der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer sehr unterschiedlich seien, sagt die Co-Vorsitzende Katharina Wrohlich, Professorin an der Universität Potsdam.Auch kleine Firmen müssen Rechenschaft ablegenWirtschaftsverbände lobbyieren heftig gegen die Richtlinie. Sie sei ein «geborener Bürokratietreiber», findet Steffen Kampeter, der Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Tatsächlich kommt auf die Firmen Mehrarbeit zu.Betriebe mit mehr als hundert Angestellten müssen regelmässig über ihre Gehaltsstrukturen berichten, aufgeschlüsselt nach Vergütungsbestandteilen und Beschäftigtengruppen.Angestellte dürfen die Arbeitgeber fragen, wie viel sie in Relation zum Durchschnittsverdienst vergleichbarer Kollegen verdienen.Arbeitgeber müssen Bewerbern Informationen über das Einstiegsgehalt oder die Gehaltsspanne zur Verfügung stellen.Gewerkschaften und andere Organisationen können bei Lohnungleichheiten im Namen von Angestellten klagen.Gerade Grossfirmen sagen, ihre Salärsysteme seien zu komplex, als dass sie sich in Schemen pressen liessen, die Vergleiche ermöglichten. Beispielsweise weil man Zulagen unterschiedlicher Art bezahle.Die Ökonomin Wrohlich lässt solche Argumente nicht gelten. «Komplexe Gehaltssysteme sind Ausdruck firmeninterner Bürokratie und haben nichts mit dem Gesetzgeber zu tun», sagt sie. Niemand habe den Unternehmen die Salärstrukturen aufgezwungen, schon gar nicht der Staat.Schweden und Dänemark wollen sich nicht dreinreden lassenÜberraschenderweise sind allerdings selbst skandinavische Länder, die auf Gleichberechtigung viel Wert legen, gegen die Richtlinie. Schweden etwa hat im Rat, dem Gremium der Mitgliedsländer, wie Bulgarien und Ungarn mit Nein gestimmt.Wie die Wirtschaft befürchtet die Regierung, dass die Richtlinie den Unternehmen zu viel Bürokratie auferlegt. Sie verteidigt ferner das im Land herrschende Prinzip, wonach die Sozialpartner autonom über Löhne verhandeln. Niemand soll sich in das etablierte Prozedere einmischen – schon gar nicht die EU.Man habe gewisse Probleme mit der Richtlinie, sagt ein schwedischer Diplomat in Brüssel. Dort heisst es auch, dass Schweden die Richtlinie nachverhandeln möchte. Das Gleichstellungsministerium in Stockholm äussert sich nicht dazu.Auch Dänemark hadert mit der Richtlinie, und das aus den gleichen Gründen wie Schweden. Trotzdem werden die Länder die Richtlinie aus heutiger Sicht umsetzen müssen, weil die Kommission sonst früher oder später gegen sie ein Vertragsverletzungsverfahren einleiten wird.Es gibt Alternativen zur EU-RichtlinieLetztlich geht es um eine Grundsatzfrage: Trägt die Richtlinie dazu bei, den Gender-Pay-Gap zu reduzieren, und lässt sich deshalb der Aufwand, den man den Firmen zumutet, rechtfertigen?Befürworter verweisen auf Grossbritannien, wo es ein der EU-Richtlinie vergleichbares Gesetz gibt. Dort hat sich die Lohndifferenz angeblich ein wenig reduziert. Das zeigen zumindest wissenschaftliche Vergleiche zwischen grösseren Unternehmen, die das Gesetz anwenden, und jenen, die das aufgrund ihrer geringeren Mitarbeiterzahl nicht müssen.Für Wrohlich ist die Salärgleichheit das höhere Ziel als der Kampf gegen mehr Bürokratie. «Ich bin mir aber bewusst, dass die EU-Richtlinie das Problem nicht vollständig löst», sagt sie. Gegen die «strukturellen» Gründe des Gender-Pay-Gap wirkt sie nicht: Dazu zählt etwa der Umstand, dass sich Frauen immer noch häufiger um die Kinder kümmern als Männer und beruflich zurückstecken. Oder die Tatsache, dass Frauen öfter Berufe wählen, die niedrigere Löhne aufweisen als «männliche» Jobs. So gibt es viele Kindergärtnerinnen, aber kaum Aktienhändlerinnen.Wrohlich fordert daher, das Problem der geschlechtsspezifischen Lohndifferenz in möglichst vielen Politikbereichen anzugehen.In Deutschland beispielsweise können sich Frauen beitragsfrei über den Mann bei einer Krankenversicherung mitversichern lassen, sofern ihr Gehalt eine gewisse Schwelle nicht übersteigt. Kurzfristig gesehen kann das Modell «Mann arbeitet Vollzeit, Frau Teilzeit» für ein Paar attraktiv sein.Mit den Jahren fällt die Frau beim Lohn jedoch zurück, und das spiegelt sich dann im unbereinigten Gender-Pay-Gap, also in jener Lohndifferenz, die Brüche im Lebenslauf nicht berücksichtigt. Möglicherweise schafft Deutschland die beitragsfreie Mitversicherung aber ab und eliminiert so ein Hindernis, das dem Ideal «Gleicher Lohn für gleiche Arbeit» im Wege steht. Das wäre mehr als nur eine «bürokratiearme» Massnahme.Passend zum Artikel