Er brachte den Impressionismus nach Deutschland: Der Galerist Paul Cassirer ist eine Schlüsselfigur der ModerneSeine Kunstpolitik war genial, sein Erfolg enorm: Eine Berliner Schau macht deutlich, wie gross Paul Cassirers Einfluss auf die Museen war.Jürgen Müller, Berlin05.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenSein Einfluss reichte weit in die Museen hinein: Paul Cassirer auf einer Aufnahme der frühen 1920er Jahre.Alte Nationalgalerie BerlinIm Winter 1899 präsentieren Paul und Bruno Cassirer in ihrem Berliner Kunstsalon Édouard Manets Gemälde «Das Frühstück im Freien». Schon damals galt das Bild als Inkunabel der Moderne. Als der französische Maler es 1863 dem Pariser Salon vorlegte, löste es einen Eklat aus. Die Verbindung nackter Frauen mit bekleideten Männern bei einem Picknick liess die Juroren an Prostitution denken. Das Bild wurde zurückgewiesen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ob Manet diese Reaktion bewusst provozierte, bleibt ungewiss. Vieles spricht jedoch dafür, denn er griff auf ein berühmtes Vorbild zurück, das den prüden Hütern des guten Geschmacks offenbar entging. Der nach Raffael entstandene Kupferstich «Das Urteil des Paris» zeigt, neben der Wahl der schönsten Göttin, in einer Nebenszene eine Nymphe und Flussgötter.Diese Figurengruppe übernimmt Manet in seiner Komposition nahezu wörtlich – allerdings mit einer entscheidenden Verschiebung. Er führt die Juroren geradezu vor, wenn er den Vorwurf der Sittenwidrigkeit vorauszusehen scheint und aus einem nackten Flussgott einen angezogenen Ausflügler macht. Zudem erkennen die scheinheiligen Experten nicht einmal ihr eigenes Idol Raffael.Édouard Manets Skandalbild «Das Frühstück im Freien» befindet sich heute im Musée d'Orsay in Paris.Musée d’OrsayMit der Berliner Ausstellung «Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus» in der Alten Nationalgalerie rückt – neben Manet –jener Mann in den Mittelpunkt, der dem französischen Impressionismus in Deutschland den Weg ebnete. Der 1871 in Breslau geborene und vor hundert Jahren gestorbene Galerist Paul Cassirer gehört zu den Schlüsselfiguren der Moderne. Für die Wertschätzung französischer Malerei in Deutschland war er der wichtigste Wegbereiter.Reigen der SpitzenwerkeDie Berliner Schau führt eindringlich vor Augen, wie bedeutend Galeristen sein können und wie weit ihr Einfluss bis in die Museen hineinreicht. Die in der Alten Nationalgalerie versammelten Werke gehörten allesamt zum Programm von Cassirers Galerie und beeindrucken durch ihre Qualität. Zu sehen sind Gemälde von Cézanne, Manet und Degas, Monet und Renoir, van Gogh und Munch sowie der deutschen Impressionisten.Zahlreiche prominente Leihgaben bereichern die Berliner Schau: Manets «Le Déjeuner» aus München, Renoirs «Lise mit dem Sonnenschirm» aus Essen und Monets «Pfirsichglas» aus Dresden sind in die Alte Nationalgalerie gekommen, um nur einige Klassiker zu nennen. Als Manets Skandalbild bei Cassirer gezeigt wurde, waren zugleich Werke von Degas, Puvis de Chavannes und, in grösserer Zahl, Max Slevogt zu sehen. Die dem französischen Impressionismus gewidmete Ausstellung besass programmatischen Charakter. Sie leistete der fortschrittlichen Malerei in Deutschland entscheidende Schützenhilfe.Édouard Manets «Le Déjeuner» (1868) aus München bildet ein Highlight der Berliner Ausstellung.Neue Pinakothek MünchenClaude Monets «Pfirsichglas» (um 186) aus Dresden ist jetzt in Berlin zu sehen.Elke Estel / GNMNach einem Streit zwischen Paul und seinem Cousin Bruno trennen sich ab 1901 ihre Wege. Paul führt den Kunstsalon weiter, während Bruno sich dem Verlag widmet. Der Erfolg des Galeristen ist enorm. Eine Ursache dafür liegt in den Kollektivausstellungen. Cassirer denkt in Gegenüberstellungen; Positionen sollen durch Kontraste präzise hervortreten. Hinzu kommt die hohe Taktung der Präsentationen. Bereits in der Eröffnungssaison 1898 waren es nicht weniger als sieben Ausstellungen, welche die europäische Avantgarde nach Berlin brachten.Aber es ist auch die Unterstützung durch Max Liebermann, den Max Beckmann in einem Brief aus dem Jahr 1909 als den «Petrus des cassirerschen Kunstsalons» bezeichnete, die den Erfolg der Galerie mitbegründet. Zugleich wird Cassirers geschickte Kunstpolitik sichtbar. Er förderte die deutschen Impressionisten nicht gegen, sondern im Resonanzraum der französischen Moderne. Gerade dadurch wird die Galerie zu einem Ort, an dem internationale Avantgarde und nationale Malerei einander nicht ausschliessen, sondern gegenseitig schärfen.1908 gründet Paul Cassirer seinen eigenen Verlag. Zu seinen Autoren zählen unter anderem Frank Wedekind, Ernst Toller, Heinrich Mann und Else Lasker-Schüler. In theoretischer Hinsicht stechen Georg Lukács und Ernst Bloch hervor, dessen heute weitgehend vergessener Text «Geist der Utopie» von 1918 wie eine Programmschrift für Cassirers Anspruch gelesen werden kann.Für Bloch ist die Welt unvollendet. Seinem Begriff der Modernität eignet etwas Utopisches. Er schickt uns auf die Suche nach neuen ästhetischen Möglichkeiten. In diesem Sinn führt Cassirers Berliner Programm vor, weshalb die Moderne nicht nur ein Stil, sondern eine Haltung ist – die Bereitschaft, das Bestehende zu befragen und den Anfang immer wieder neu zu wagen.Neue ästhetische SpielräumeOb Variétés, Tänzerinnen, Picknicks oder Zirkusaufführungen – der Impressionismus öffnet sich seiner eigenen Gegenwart und ihren Vergnügungen. Keiner hat dies treffender auf den Begriff gebracht als Charles Baudelaire. In seinem programmatischen Text «Der Maler des modernen Lebens» von 1863 bedarf es keiner grossen Männer und keiner klassischen Götter mehr, um Kunstwerke zu schaffen. Akademien werden entbehrlich. Kunst beginnt und endet im Alltag. Mode und Werbung gehören dazu.Flüchtigkeit des Augenblicks: Manets Gemälde «Die Familie Monet in ihrem Garten in Argenteuil» von 1874.Metropolitan Museum of ArtMit der Fotografie ist zudem ein Medium entstanden, das die Wirklichkeit einerseits umstandslos wiedergibt, uns andererseits aber auch für ihre Zeitlichkeit sensibilisiert. Der Schnappschuss führt eingefrorene Zeit mit besonderer Prägnanz vor Augen. Für die Malerei öffnen sich dadurch neue Spielräume der Gestaltung. Sie muss nicht länger bloss abbilden, sondern kann Wahrnehmung sichtbar machen: den spontanen Eindruck, die Bewegung, die Flüchtigkeit, das Werden.Eine solche Momentaufnahme ist Degas’ Gemälde der Zirkuskünstlerin «Miss La La» im Zirkus Fernando von 1879, das als weiterer Höhepunkt der Schau gelten kann. An einem Seil, das sie mit den Zähnen hält, wird die junge Frau zur Decke emporgezogen. Mit seinem künstlichen Licht und der unklaren Räumlichkeit vermag das Gemälde zu irritieren. Wir blicken zwar nachvollziehbar von unten nach oben, doch unser Raumgefühl gerät ins Wanken.Momentaufnahme aus dem Zirkus Fernando von 1879: Degas’ Gemälde der Zirkuskünstlerin «Miss La La».National Gallery LondonAus dem Frankfurter Städel ist mit den «Orchestermusikern» ein weiteres Bild von Degas zu sehen. Die Streicher erscheinen in ihrem Ernst als sichtbarer Gegenpol zu den feenhaft wirkenden Tänzerinnen; auch die Farbgebung unterstreicht diesen Gegensatz. Die Ausstellung zeigt, wie sich der Malerei mit dem Impressionismus neue ästhetische Spielräume eröffnen. Nicht das Sein, sondern das Werden steht im Zentrum dieser Kunst.Die «Orchestermusiker» von Degas als Gegenpol zu den feenhaften Tänzerinnen.Städel MuseumDas Entstehen des visuellen Eindrucks wird in Manets Gemälde «Die Familie Monet in ihrem Garten in Argenteuil» anschaulich erfahrbar. Die junge Frau sitzt mit ihrem kleinen Sohn entspannt auf dem Rasen und mustert uns. Monet pflückt eine Blume. Hühner laufen durchs Bild. Der Zauber des Gemäldes offenbart sich in den hingetupften roten Mohnblüten. Paradoxerweise ist es die Flüchtigkeit des Augenblicks, die nie vergehen will.Renoirs «Lise mit dem Sonnenschirm» von 1867 ist ein Fest der Malerei. Die junge Frau ist im Begriff, aus dem Schatten der Bäume ins Sonnenlicht zu treten; ihr an den Armen durchsichtiges weisses Kleid erstrahlt in hellem Glanz. Alles erscheint beiläufig und unangestrengt. Nur eine kleine rote Schleife im Haar ergänzt den zurückhaltenden Farbakkord aus Grün- und Weisstönen.Ein Fest der Malerei: Auguste Renoirs «Lise mit dem Sonnenschirm» von 1867.Jens Nober / Museum Folkwang, EssenIn der Ausstellung wird das Bild besonders hervorgehoben, befindet es sich doch in der Sichtachse des Raums. Wendet man Cassirers Prinzip der Kollektivausstellung und des Kontrastes auf die Schau in der Alten Nationalgalerie selbst an, kann man einiges lernen. Die Malerei der deutschen und französischen Impressionisten kommt nicht dauerhaft zur Deckung. Sicherlich gibt es Vorbilder und Übernahmen. Aber nach dem Tod Cassirers ging man in Deutschland einen anderen Weg – eigensinniger und weniger optimistisch. Die Ausstellung macht deutlich: Das Schöne ist flüchtig. Nur für einen Moment ist es da.Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus, Alte Nationalgalerie, Berlin, bis 27. September. Katalog: 50 Euro.Passend zum Artikel