Das Mädchen kniet auf dem Boden. Um sich herum hat es ein Bilderbuch in Leporello-Form wie einen Schutzzaun für eine Spielfläche aufgestellt, auf der es mit Glaskugeln spielt. In der Hand hält es einen Apfel, sein Blick aber richtet sich nicht auf den Betrachter, sondern geht zur Seite, dorthin, wo etwas jenseits des rechten Bildrands seine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Im Hintergrund sind eine Harlekin-Handpuppe, die Beine eines Hockers und ein Tier zu sehen, ein Hund vielleicht oder ein hölzerner Löwe.Max Slevogt war dreiunddreißig Jahre alt und noch immer ein Nachwuchstalent, als er die Tochter seines Kunsthändlers Paul Cassirer in ihrem Spielzimmer malte, in einem von Renoir und Manet geprägten, mit raschen Pinselstrichen ausgeführten Stil. Zuvor, im gleichen Jahr 1901, hatte ihn Cassirer überredet, aus München nach Berlin zu ziehen, zusammen mit Lovis Corinth, der wie Slevogt der Berliner Secession beitrat und ihrem Münchner Pendant den Rücken kehrte. Beide Maler waren bereits stark in den jüngsten Ausstellungen von Cassirers Kunstsalon in der Viktoriastraße nahe dem Potsdamer Platz vertreten gewesen, und im Dezember nach ihrem Umzug trafen sie dort auf die Werke eines Malers, der bis dahin im Deutschen Kaiserreich praktisch unbekannt gewesen war: Vincent van Gogh. Wenn man ein Datum für den Beginn der künstlerischen Moderne in Deutschland angeben will, dann war es dieser Moment: der endgültige Ausbruch aus den Formen der akademischen Malerei, der Aufbruch in eine neue Wahrnehmung, eine neue Welt.Im Salon Cassirer: Vincent van Gogh, Selbstporträt, 1887Van Gogh Museum, Amsterdam/Vincent van Gogh FoundationEinen Menschen kann man gut in seiner Umgebung darstellen, so wie die fünfjährige Suzanne Aimée Cassirer zwischen ihren Spielsachen in der elterlichen Wohnung. Aber wie porträtiert man einen Kunsthändler, durch dessen Geschäftsräume Tausende von Bildern und Skulpturen gegangen sind? Die Alte Nationalgalerie auf der Museumsinsel versucht es, indem sie die Kunst für den Händler sprechen lässt. Die Jubiläumsausstellung zu ihrem hundertfünfzigsten Geburtstag hat sie keinem einzelnen Künstler gewidmet, sondern dem Galeristen, der die Moderne in der Reichshauptstadt kommerziell durchsetzte. Zugleich gibt es einen weiteren Anlass, denn in diesem Jahr ist es hundert Jahre her, dass sich Paul Cassirer in einer Szene, die aus einem Stummfilm von Fritz Lang stammen könnte, das Leben nahm: Nach einem Notartermin, der seine Scheidung von der Schauspielerin Tilla Durieux besiegelte, und der Unterzeichnung seines Testaments schoss er sich mit einem Revolver in die Brust und starb zwei Tage später im Krankenhaus.Nach München statt nach Berlin: 1910 erwarb Hugo von Tschudi, der auf Betreiben Wilhelms II. gekündigte Direktor der Nationalgalerie, Édouard Manets „Le Déjeuner“ von 1868 für die Neue Pinakothek.Sibylle ForsterEs war das Ende eines Lebens, in dem sich ästhetischer und geschäftlicher Ehrgeiz untrennbar verbunden hatten. Im Jahr der Reichsgründung in Breslau geboren, zieht Cassirer als Schüler mit seiner Familie und vielen Verwandten nach Berlin, wo sein Vater, sein Onkel und zwei seiner Brüder eine international erfolgreiche Kabelfabrik gründen werden. Paul dagegen studiert Kunstgeschichte in München und veröffentlicht Gedichte und Prosa im „Simplicissimus“. 1898, nach der Rückkehr an die Spree, gründet er zusammen mit seinem Cousin Bruno die „Cassirer Kunst- und Verlagsanstalt“ mit Sitz im großbürgerlichen Tiergartenviertel. Kurz zuvor haben die beiden den Maler Max Liebermann kennengelernt, dem sie ihre erste Galerieausstellung widmen, zusammen mit Bildern von Degas und Skulpturen des Belgiers Constantin Meunier. Liebermann wiederum sorgt dafür, dass die Cassirers zu Sekretären der Berliner Secession ernannt wurden, deren Präsident er ist, und stellt den Kontakt zu Hugo von Tschudi her, dem Direktor der Nationalgalerie, den er beim Ankauf französischer Impressionisten berät. Der Kunstsalon der Cassirers wird, neben den jährlichen Ausstellungen der Secession, zum Schauraum der künstlerischen Avantgarde.1906 in Berlin ausgestellt: Claude Monets „Sommer“ gelangte durch Cassirer in die Alte Nationalgalerie.Jörg P. AndersDrei Jahre später trennen sich die Wege der Cousins: Bruno übernimmt den Verlag – in dem alsbald die Gesamtwerke von Tolstoi, Dostojewski und Heinrich Mann erscheinen –, Paul die Kunsthandlung. Zu diesem Zeitpunkt führt an Cassirers Salon schon kein Weg mehr vorbei. Durch seine Geschäftsbeziehung zu Paul Durand-Ruel, dem Pariser Galeristen und Mäzen der Impressionisten, bekommt er exklusiven Zugang zu Gemälden von Manet, Renoir, Monet, Degas und Cézanne, und durch seine Machtstellung in der Berliner Secession, in deren Vorstand er schließlich gewählt wird, hat er direkten Zugriff auf die Kunstszene der Hauptstadt. 1903 und nochmals 1912 lässt er die Galerie in der Viktoriastraße erheblich vergrößern. Der Kunstsalon wird zum Ersatz für ein Museum der Moderne, das es noch nicht gibt.Ein Panorama der europäischen Kunst um 1900An diesem Punkt setzt die Berliner Ausstellung an. Sie zeigt an ausgewählten Beispielen, welche Fülle von Meisterwerken durch Cassirers Hände ging. Und sie sortiert die Bilder nicht nach Künstlernamen, sondern chronologisch nach dem Jahr, in dem sie bei Cassirer gezeigt wurden. Manet folgt auf Liebermann, Pissarro auf Monet, Renoir auf Corinth, Cézanne auf Slevogt, dann beginnt der Reigen von vorn: Manet, Monet, Degas, dazu Leistikow und Munch, Meidner und Münter, schließlich Barlach und Beckmann. Kaum ein großer Name der Epoche fehlt, und es gibt kaum Neben- und Gelegenheitswerke, weshalb die Ausstellung auch ein Panorama der europäischen Kunst um 1900 ist, mit Leihgaben aus Paris, London, New York, Amsterdam und München und der Crème der Sammlung der Nationalgalerie. Dabei entstehen Korrespondenzen, die man noch nicht gesehen hat: Renoirs „Im Sommer“ spricht mit Slevogts Mädchenbild, Liebermanns „Landhaus in Hilversum“ mit Manets „Landhaus in Rueil“, Van Goghs Selbstporträt von 1887 mit Corinths Porträt des Bohèmedichters Peter Hille. Und alle gemeinsam reden vom Kunstsinn des Paul Cassirer.Im Jahr 1901 bei Paul Cassirer ausgestellt: Auguste Renoirs „Im Sommer“ von 1868Jörg P. AndersDie Ironie dieser Galeristenexistenz liegt darin, dass Cassirer dabei nicht reich wurde. „Durch Manet und Monet zu money“, witzelten die „Lustigen Blätter“, als sein Salon aufmachte, aber die Kunst, mit der er handelte, erzielte noch keine Spitzenpreise, selbst Monets „Frühstück im Grünen“, die nationale Ikone des Musée d’Orsay, hing in der Viktoriastraße, ohne einen Käufer zu finden. Der Mann, der die Moderne nach Deutschland brachte, besaß ein Ferienhaus an der Nordsee, aber keine Yacht und kein Rittergut, er legte einen Großteil des Profits wieder in Bildern an. Durch den Ersten Weltkrieg verlor er seine französischen Geschäftspartner, und in den stürmischen Jahren der Weimarer Republik übernahmen Alfred Flechtheim und Herwarth Walden, die Mäzene der Expressionisten, an seiner Stelle die Spitze im Kunsthandel. Als Cassirers Erben 1933 wegen ihrer jüdischen Herkunft aus Deutschland fliehen mussten, gingen seine Geschäftsunterlagen verloren, sodass es mehr als acht Jahrzehnte dauerte, bis Bernhard Echte und Walter Feilchenfeldt die Ausstellungen des Kunstsalons in einer sechsbändigen Edition rekonstruieren konnten. Ohne sie hätte es die Jubiläumsschau in der Nationalgalerie nicht gegeben.Am Ende der Ausstellung sieht man Cassirers Totenmaske. Sie stammt von Georg Kolbe, den er ebenfalls früh entdeckte und förderte. Was fehlt, ist die Zigarette, die fast auf jeder Fotografie von Cassirer erscheint. Mit ihr hat ihn auch Max Beckmann gezeichnet, 1915, in Uniform, denn Cassirer hatte sich freiwillig zum Sanitätsdienst des Heeres gemeldet. Seine Tochter Suzanne Aimée, das Mädchen auf Slevogts Gemälde, floh 1935 in die Vereinigten Staaten, seine Exfrau Tilla Durieux unterstützte Titos Partisanen. Beckmann überlebte im niederländischen Exil, Kolbe arrangierte sich mit den Nazis. Wann immer man in Deutschland über Kunst spricht, muss man von Geschichte reden. Das hört nicht auf.Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus. Alte Nationalgalerie Berlin, bis 27. September. Der Katalog kostet 50 Euro.
Paul Cassirer: Er brachte die moderne Kunst nach Deutschland
Paul Cassirer war der erste deutsche Galerist, der die Kunst von Manet, Monet, Renoir, Cézanne und van Gogh nach Berlin holte. Die Alte Nationalgalerie erinnert an ihn in einer mit Meisterwerken gespickten Ausstellung.







