Mit Musik ist die Welt nicht zu retten. Aber Elina Dunis Wiegenlieder können immerhin Trost spendenDie eigenwillige albanisch-schweizerische Sängerin Elina Duni verbindet in ihren Songs gesangliche Intimität mit stilistischer Weltoffenheit. Darin spiegeln sich persönliche Erfahrungen.05.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenElina Duni will mit ihren Songs Brücken schaffen.Day MartinsMusik kann manchmal wie eine Behausung sein, wie ein Dach über dem Kopf oder ein warmes Bett. Sie erzeugt heimatliche Gefühle mit ihren Klängen. Und bisweilen berührt sie einen im Innersten durch einen wiegenden Rhythmus und eine sanfte Melodie. Man wird nochmals zu einem Kind, dem Zuversicht und Hoffnung gehören.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Elina Dunis Gesang lebt von solchen Liedern. Eine Gitarre schraffiert mit leichten Akkorden eine Form vor, in deren Intimität sich dann ihre glasklare, warme Stimme verbreitet. Die Schweizer Künstlerin albanischer Herkunft singt mit einer Ruhe und einem vokalen Aplomb, die auf Zuhörer tröstend wirken – ganz gleich, ob es sich um eine elegische Klage handelt oder um ein fröhliches Volkslied. So ähnlich singen doch die Mütter an der Wiege ihrer Neugeborenen?Das polyglotte SingenDer Eindruck kommt nicht von ungefähr. Vor zwei Jahren bekam Elina Duni von der Genfer Université des Cultures den Auftrag, Wiegenlieder aus aller Welt neu zu arrangieren. Die 45-jährige Sängerin war von dieser Aufgabe so fasziniert, dass diese auch die Arbeit an ihrem neuen Album «Reaching for the Moon» inspiriert habe. Sie hat es zusammen mit dem britischen Gitarristen Rob Luft eingespielt, ihrem Duo- und Lebenspartner.Tatsächlich finden sich auf dem Album drei Wiegenlieder: «Leili Lullaby» der persischen Sängerin Mahsa Vahdat, «Les Berceaux» von Gabriel Fauré und Krzysztof Komedas «Sleep Safe and Warm». Die Titel sind charakteristisch für Dunis stilistische und sprachliche Beweglichkeit. Neben Albanisch spricht und singt sie längst auch auf Deutsch, Französisch, Italienisch, Englisch.Das sprachliche Können wiederum hat viel mit ihrem nomadisierenden Lebensstil zu tun. Während der Corona-Krise lebte sie monatelang in Ägypten, später wohnte sie mit ihrem Partner Rob Luft für zweieinhalb Jahre in London. Unterdessen ist sie in die Schweiz zurückgekehrt, wo sie zwischen Genf, Basel und Zürich pendelt. Da passt es auch, dass das Gespräch mit ihr in einem Zürcher Bahnhofsrestaurant stattfindet – kurz bevor sie für ein Konzert nach Innsbruck fährt.Gerne möchte man nun in Erfahrung bringen, welche Lieder die Sängerin in der Wiege zu hören bekam. Aber eine klare Antwort darauf gibt es nicht. Die Grosseltern hätten bisweilen gesungen, die Eltern hingegen vielmehr geschrieben. Als Tochter eines Filmregisseur-Vaters und einer Schriftstellerin-Mutter träumt Elina Duni bis heute von einem eigenen Roman; seit ihrer Kindheit habe sie überdies Gedichte verfasst. Sie habe auch viel gelesen, doch bedeutender als die Bücher sei für sie zunächst das Fernsehen gewesen: «Ich habe immer wieder vor dem Fernseher getanzt und die Lieder der Kindersendungen mitgesungen.»DissidentenfamilieDie Familie Duni gehörte in Albanien zur gehobenen Dissidenz – vom Regime nicht wirklich verfolgt, aber doch schikaniert, weil der intellektuelle Grossvater die diktatorische Macht öffentlich zu kritisieren gewagt hatte; er wurde zum Zigarettenverkauf verdammt. Die Eltern unterhielten Beziehungen zu verschiedenen albanischen Künstlern. Einer entdeckte und förderte dann das Gesangstalent der kleinen Elina. Sie machte mit bei einem Gesangswettbewerb und war schwer enttäuscht, als sie bloss den dritten Platz belegte. Dennoch sei sie in Albanien bald als eine Art Kinderstar gehandelt worden. Sie habe diese Jahre genossen, die Aufmerksamkeit, ihre vielen Freundschaften und das Spielen auf der Strasse.Albanien war für das Mädchen das schönste Land der Welt. Mehr kannte es ja auch nicht. Das aber änderte sich 1991 schlagartig. Mit zehn Jahren fand sich Elina Duni plötzlich in einer putzigen Schweizer Kleinstadt wieder. Die Lehrer glaubten hier stets ein mitleidiges Lächeln aufsetzen zu müssen, wenn sie mit dem Mädchen aus dem armen Albanien in einer Sprache kommunizierten, das es nicht verstand. Ganz zu schweigen von den Mitschülerinnen und Mitschülern, die das Interesse an der schweigsamen Fremden rasch verloren. «Ich lernte etwas kennen, das ich unterdessen immer wieder brauche für mich, das man in Albanien aber nie zulässt: Einsamkeit!»Elina Duni lässt sich auf ihrem neuen Album nur von ihrem Partner Rob Luft begleiten.Andrey GordasevichWas war geschehen? Nach der Trennung vom Vater hatte sich die Mutter auf einer Reise in einen Schweizer verliebt. So kam sie mit ihrer Tochter zuerst nach Luzern. Später aber zog die Familie weiter nach Genf, wo es der Tochter gleich viel besser gefiel: «Hier fand ich Freundinnen aus Portugal, aus arabischen Ländern, aus Frankreich.» Deshalb sei ihr die Integration hier viel leichtergefallen. Auch Französisch habe sie in kurzer Zeit gelernt.Die positiven Erfahrungen in der durchmischten sozialen Umgebung sind in die weltläufige und polystilistische Musikalität eingegangen, die Dunis Musik heute prägt. Ihre professionelle Ausbildung aber erhielt Duni an der Jazzschule Bern. «Jazz empfand ich immer als eine sehr sensuelle und offene Ausdrucksweise, was mir bis heute entspricht.» Dass ihr die Jazzimprovisation wichtig ist, beweist auf dem neuen Album der Scatgesang über den Ornette-Coleman-Klassiker «Lonely Woman». Live versuche sie überdies, ihre Lieder frei und spontan zu gestalten.Als sie nach dem Studium albanische Volkslieder zu singen begann, ging es ihr weniger um nostalgische Gefühle oder kulturelle Identität als um stilistische Vielfalt und um die Abgrenzung von andern Jazzsängerinnen. Sie sei aus einer gewissen Distanz an das albanische Liedgut herangetreten, das jahrzehntelang vom kommunistischen Regime missbraucht worden sei. Die Jazzästhetik aber half ihr, die Melodien neu zu gestalten und von propagandistischem Ballast zu befreien. «Dank dir haben wir diese Songs kennengelernt», versicherten ihr junge Albaner. «Du hast uns diese Lieder zurückgegeben», sagten ihr ehemalige Regimegegner.Geschichten erzählenDie albanische Kultur hat Elina Duni nicht nur musikalisch bereichert, sondern auch ideell inspiriert. Als Sängerin wolle sie Brücken bauen und Geschichten erzählen, sagt sie. «Geschichten erzählen – das ist das Wichtigste, auch wenn man nicht alles versteht.» Und woher weiss sie das? Aus der albanischen Geschichte! «Es gab lange keine albanische Schriftkultur. Dass sich Albanien gegen die osmanische Übermacht behaupten konnte, lag letztlich an den Legenden und Märchen, die sich die Albaner über Generationen weitererzählten.»Aber beim Albanischen ist Elina Duni nicht stehengeblieben. Mit ihrer üppigen Stimme, die über die Harmonien und den Rhythmus hinwegschwebt, hat sie einerseits ihren ganz persönlichen Gesangsstil entwickelt. Zusammen mit Rob Luft aber befindet sie sich auf einer kosmopolitischen Mission, die sie in verschiedenste Musiktraditionen führt. Und so breitet sich ihr Repertoire aus wie zwei Hände, bereit zur Umarmung.Passend zum Artikel
Elina Duni: Wiegenlieder für die ganze Welt
Die eigenwillige albanisch-schweizerische Sängerin Elina Duni verbindet in ihren Songs gesangliche Intimität mit stilistischer Weltoffenheit. Darin spiegeln sich persönliche Erfahrungen.











