Olivia Dean: Die Sängerin macht aus dem Soul ein reines VergnügenMit eingängigen Songs und einer herzerwärmenden Stimme hat die britische Diva in kurzer Zeit das europäische und das amerikanische Publikum erobert. Am Konzert im Zürcher Hallenstadion liess sie überdies ihren Charme spielen.21.05.2026, 13.27 Uhr4 LeseminutenOlivia Deans Texte wühlen selten in den Tiefen der Seele. Grundsätzlich ist sie zuversichtlich gestimmt. Zürich, 20. Mai 2026.Lola Mansell«The Art Of Loving, performed by Olivia Dean» steht anfangs in Handschrift auf dem gewölbten, ausladenden Vorhang geschrieben wie im Vorspann eines Films. Wer jetzt grosses Kino erwartet und Emotionen à la Hollywood, hat sich zwar geirrt. Aber die Enttäuschung wird sich in Grenzen halten. Denn so wie sich der Vorhang öffnet im Zürcher Hallenstadion, erweist sich die Bühne als nostalgische Traumwelt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das liegt vor allem an der 27-jährigen britischen Sängerin Olivia Dean in ihrem bunt-gleissenden Kleid. Kaum intoniert sie erste tragende Töne mit ihrer schmeichelnden Stimme, versetzt sie die mehrheitlich weiblichen Fans im ausverkauften Hallenstadion in schrille Euphorie. Auch die Begleitband macht den Eindruck, als wäre sie aus den Glanzzeiten von Motown und Las Vegas cineastisch in die Zürcher Gegenwart gezaubert worden.Überschäumende KlängeGanz so üppig wie bei ihren Kolleginnen Raye oder Laufey, die im Hallenstadion kürzlich mit Big Band und Streicherensemble aufgetreten sind, ist die Besetzung zwar nicht. Das Quartett von Schlagzeuger, Bassist, Gitarrist und Keyboarder sorgt zusammen mit den drei Bläsern in adretten Anzügen und den Background-Sängerinnen im kleinen Schwarzen dennoch für einen überschäumenden Instrumentalsound, der verkalkte Gemüter aufweicht, schmerzende Herzen tröstet (und die Halle sofort an ihre akustischen Grenzen bringt).Dass sich Olivia Dean in den letzten ein, zwei Jahren als Shooting-Star des Neo-Souls hat positionieren können, erstaunt nicht angesichts ihrer Talente und ihres Repertoires. Gleich in ihren ersten Songs, die mal an Bill Withers, mal an Dusty Springfield anklingen, charmiert sie mit ihrem samtenen Gesang, der locker und beschwingt durch die eingängigen Melodien gleitet. Eingebettet in dreistimmige Arrangements, schwellen die einfachen, schlüssigen Refrains dann doch zu nachdrücklichen Botschaften an wie in «Nice To Each Other». Und erst recht in «So Easy (To Fall In Love)».Olivia Deans Texte wühlen selten in den Tiefen der Seele. Wo andere aus offenen Wunden intimer Frustration ein vokales Fieber entfachen, da folgen ihre Worte und Melodien allenfalls den Narben vergangener Geschichten. Grundsätzlich ist sie aber zuversichtlich gestimmt und drückt ihren Optimismus in einfachen Formulierungen aus: «I could be the icing on your cake, the cherry on the top» - ich könnte der Zuckerguss auf deinem Kuchen sein oder die Kirsch ganz zuoberst, singt sie in «So Easy (To Fall In Love)». Und: «I’m the perferct mix of Saturday night and the rest of your life» – sie sei die perfekte Partnerin für die Party am Samstag und für den Rest des Lebens.Dem Titel ihres neuen Albums «The Art Of Loving», entsprechend, sinniert Olivia Dean in den Ansagen dann auch sozusagen philosophisch über das Thema Liebe: Man soll sich selber lieben, man soll in der Liebe immer die beste Version des Geliebten im Kopf behalten; auch Freundschaften seien eine Art Liebe, man soll sich öffnen für die Liebe, wir alle hätten Liebe verdient. «Recht hat sie, recht hat sie, recht hat sie», denkt man sich zwar. Aber ganz neu wirkt ihre Weisheit nicht.Abgesehen davon: Sie hat natürlich leicht reden von Liebe und Selbstliebe – sie als makellose Verkörperung einer jener makellosen Diven, deren Archetypen das Hollywood der vierziger und fünfziger Jahre geschaffen hat. Dabei wirkt sie stets sehr kontrolliert und kein bisschen verrucht. Wenn sie tanzt, wird sie zum lustigen Mädchen, und wenn sie sanft gestikuliert mit ihren langen Armen, spielt sie scheinbar die Hauptrolle in einer Parfum-Reklame.Olivia Deans Auftritt mag mit der Zeit etwas harmlos wirken. Das Tempo und der Mood ihrer Songs, in denen Soul oft mit Folk vermischt und über hüpfende Latin-Beats ausgebreitet wird, sind oft ähnlich und lassen Dynamik und Spannung vermissen. Umso besser, dass sie dann nach einer guten Stunde mit der einnehmenden Ballade «Loud» über einen enttäuschenden, übergriffigen Lover doch noch einen dunklen Kontrast setzt. Und zuletzt entwickelt sich die Band plötzlich zum mitreissenden Funk-Vehikel, das das Konzert mit Covers wie «Move On Up» (Curtis Mayfield) und Olivia-Dean-Hits wie «Man I Need» in fröhlicher Party-Atmosphäre ausklingen lässt.No more DramaDie Soultradition war bisher von viel Hitze und Drama durchdrungen. In den Anfängen hat sie die religiösen Energien der Gospelmusik in weltliche Elegien übersetzt. Soulrebellen wie Marvin Gaye haben den Befreiungskampf der afroamerikanischen Minderheit hymnisch untermalt mit ihrer Musik. Später schwitzte der Neo Soul im sinnlichen Rausch eines D’Angelo. Und nachdem die Britin Amy Winehouse ihre ganze herzzerreissende Junkie-Tragödie in den Soul hat einfliessen lassen, konnte man diese Musik kaum mehr hören ohne zu tränen.Amy Winehouse ist mit 27 Jahren gestorben. Olivia Dean ist jetzt gerade so alt, nimmt jetzt aber erst recht Fahrt auf für eine Karriere, die den Soul für einmal befreit von zu viel Schmerz und Pathos. In ihrer Spielart erweist sich das Genre als Feel-Good-Sound, als Easy Listening – kurzum: als reines Vergnügen.Passend zum Artikel