Der Kaffee spült die Kioske wegKoffeinschübe aus dem Kartonbecher erobern jetzt auch die Zürcher Tramhäuschen. Man nimmt’s zur Kenntnis, aber nicht ohne Nostalgie.Urs Bühler04.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenIllustration Benedikt RugarAls wir Kaffee noch für ein scheussliches Gebräu hielten, waren Kioske die Inseln unserer kleinen Alltagsfreuden. Die Auslage war voller erschwinglicher Verheissungen für unsere Kindergaumen, von Föifermocken über Coci-Fröschli bis zu Carambar, und erbaulicher Lektüre in Heftform, wie «Mad» oder «Mickey Mouse». Hier konnten wir chröömle, unser Sackgeld verputzen, bis uns die Ohren wackelten und später der Bauch schmerzte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Kiosk im schmucken Tramwartehäuschen am Zürcher Kreuzplatz weckte jahrzehntelang solche Erinnerungen und galt manchen als Kult. Beileibe keine Schönheit, war er aus der Zeit gefallen und bis zuletzt von Understatement beseelt, das für diese Stadt nicht mehr typisch ist. Zum Inventar gehörte nebst dem einen oder anderen Clochard eine knallrote Lotto-Station, zum kunterbunten Sortiment ein grosser, gut gefüllter Zeitungsständer.Der Geruch von frisch Gedrucktem mischte sich in harzig-würzige Tabaknoten und den Duft von Bonbons, die muntere Kioskfrau hatte ein gutes Wort für alle übrig. Bei einem Schwatz vor einem Jahr zeigte sie sich mit dem Geschäftsgang zufrieden, deutete aber an, die Stadt habe nun leider andere Pläne hier.Auch am Kreuzplatz gibt’s jetzt Coffee to go, rechts daneben wird meditiert.Urs BühlerJa, das Erfolgsmodell der Kioske ist ins Wanken gekommen. Trendbewusste Raucherinnen decken sich in Vape-Shops ein, dem Nachwuchs versucht die Politik das Schleckzeug mit allen erdenklichen Mitteln madig zu machen, und immer mehr Erwachsene lassen Zeitungen oder Magazine links liegen.Und die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) satteln auf hippere Angebote um: Man gehe «neue Wege», schreiben sie dazu stolz in einem Communiqué, und wolle «die Haltestellen qualitativ aufwerten». In vier ihrer Haltestellen haben sich nun , meist anstelle von Kiosken, Kaffeeanbieter eingemietet: am Triemli, am Heim-, am Parade- und eben am Kreuzplatz.Mit ihrem Lieblingsargument der «qualitativen Aufwertung» haben die Stadtbehörden schon so manchen Unfug eingeleitet. Das 108-jährige Bijou von einem Wartehäuschen am Kreuzplatz ist hübsch aufgefrischt. Der historische Portikus, inspiriert von antiken Tempeln, beherbergt seit April eine Theke mit grellgrüner Front, die dazu passt wie ein Laubfrosch ins Löwengehege. Klar, man kann das auch als spannenden Kontrast sehen. Statt Lottoscheine auszufüllen oder die Postille ihres Herzens zu kaufen, frönt die Kundschaft nun jedenfalls der neuen Zürcher Passion: Kaffee zum Mitnehmen, Pardon, Coffee to go.Dieses täglich geöffnete Kaffeefenster wird betrieben von Miró, einem lokalen Kleinbetrieb mit eigener Rösterei, der es dank einer Partnerschaft mit Swiss sogar über die Wolken geschafft hat. Er hat in Zürich den von Expats beflügelten Trend zu Specialty Coffee mitgeprägt. Der Begriff steht für hochwertige Produkte mit ausgeklügelter Herkunftsbezeichnung, von gewaschenem äthiopischem Heirloom mit einem Anflug von Bergamotte und Heidelbeere bis zu kolumbianischem Geisha, anaerob fermentiert. Die eingefleischte Anhängerschaft liebt ausgeprägte Säuren und steht auf Filterkaffee, der auch am Kreuzplatz im Angebot ist (ab Fr. 5.50).Dahinter steckt eine Entwicklung, die im Grunde erfreulich ist: Zürich hat sich von der Hochburg des wässrigen Kafi crème zum Hort der vielfältigen Kaffeekultur gemausert. Das tröstet allerdings nicht ganz darüber hinweg, dass viele Koffeinstationen wie jene im NZZ-Redaktionssitz das Nespresso-Einerlei dominiert. Zudem legt man in dieser Stadt mittlerweile für einen schlichten Espresso vielerorts mindestens so viel aus wie einst für hundert Föifermocken.Und der Hype um Coffee to go, den in Zürich die Eglisauer Firma Vicafé lancierte, steht in seltsamem Gegensatz zur Entschleunigung, die Baristas mit tätowierten Unterarmen an glänzenden Siebträgermaschinen zu zelebrieren pflegen. Das Ergebnis wird nun meist im Wegwerfbecher mitgenommen und dem Wahnsinn des beschleunigten Alltags zugeführt.Dabei schlürft man doch in Italien, dem Sehnsuchtsort der Liebhaber starken Kaffees, diesen bevorzugt al banco – am Tresen – und aus Porzellan. Immerhin, auch hinter der Theke am Kreuzplatz, die an diesem Nachmittag fast verwaist ist, verstecken sich hinter den Bechern ein paar Tässchen. Eines davon erhalten wir auf Wunsch und ohne Aufpreis für den Espresso (ab Fr. 4.50) – säuerlich, komplex, eher dünn, die (brasilianischen) Bohnen nicht hoffnungslos überröstet wie bei Starbucks vis-à-vis.Wir trinken auf einem der zwei alten Bänkchen in der Wartehalle. Auf dem anderen hat sich im Schneidersitz ein bärtiger Mann mit gesenktem Haupt niedergelassen. Ganz in sich versunken, erinnert er an einen Fakir. Befindet er sich wohl im Sitzstreik gegen das neue Angebot? Eher scheint er neben seiner Bierdose zu meditieren. Und vielleicht, wer weiss, beamt er seinen Geist dabei zurück in alte Zeiten.MiròKreuzplatz, 8008 Zürich.Für diese Kolumne wird unangemeldet und anonym getestet und am Ende die Rechnung stets beglichen. Der Fokus liegt auf Lokalen in Zürich und der Region, mit gelegentlichen Abstechern in andere Landesteile.Die Sammlung aller NZZ-Restaurantkritiken der letzten fünf Jahre finden Sie hier.Passend zum Artikel