Einen großen Kaffee, ein belegtes Brötchen, eine Flasche Apfelschorle und dazu noch einen Schokoriegel – mit dieser Bestellung sind Kunden die Lieblinge jedes Tankstellenpächters. Auch bei Friedrich Haag, der in Stuttgart zwei Stationen der Kette „Ran“ betreibt. „Deutlich mehr als 80 Prozent der Erlöse erwirtschafte ich mit dem Shop-Geschäft“, sagt der 37 Jahre alte Einzelhandelskaufmann, der für die FDP bis vor Kurzem auch im Stuttgarter Landtag saß. Die Tankstelle im Stadtteil Wangen an einer belebten Straße hat eine Verkaufsfläche von 400 Quadratmetern. Ohne die wäre es für Haag schwierig, über die Runden zu kommen.Ende April zählte der Zentralverband des Tankstellengewerbes (ZTG) mindestens 15.006 Verkaufsstellen mit Otto- und Dieselkraftstoff in Deutschland. Er schätzt für das Jahr 2025 einen Branchenumsatz von rund 90 Milliarden Euro. Davon sind 70 Milliarden Euro Kraftstoffumsatz, 20 Milliarden Euro-Shop- und Serviceumsatz. Eine offizielle Branchenstatistik existiert nicht.Spritpreis dürfte wieder steigenDie wirtschaftliche Situation 2026 sei angespannt, sagt Elmar Kühn, Hauptgeschäftsführer von Uniti, dem Bundesverband Energie Mittelstand, der nach eigener Aussage 90 Prozent des mittelständischen Energiehandels in Deutschland vertritt. „Dazu trägt die andauernde Krise in der Golfregion bei, die nur wenig Planbarkeit bei der Rohstoffversorgung zulässt.“ Um die daraus resultierenden Preissteigerungen an den Zapfsäulen abzumildern, hatte die Bundesregierung die sogenannte Zwölf-Uhr-Regel eingeführt. Sie besagt, dass die Spritpreise nur noch einmal am Tag – nämlich um zwölf Uhr mittags – angehoben werden dürfen. Preissenkungen sind hingegen weiterhin jederzeit erlaubt. Das Gesetz soll für mehr Preistransparenz und Planbarkeit sorgen. Ferner sorgte der Tankrabatt für Entlastung. Wenn der Rabatt an diesem Dienstag ausläuft, geht es mit dem Spritpreis wieder nach oben.Der Kraftstoffmarktexperte des ADAC, Christian Laberer, sagt: „Es ist zu befürchten, dass die Preise in etwa um diese Summe nach oben gehen werden.“ ZTG-Geschäftsführer Jürgen Ziegner hält Preise „oberhalb der Zwei-Euro-Marke binnen Tagen“ für realistisch. „Allgemein geraten gerade die Pächter in den großen Markennetzen, die Kraftstoffe nur als Handelsvertreter gegen Provision verkaufen, massiv unter Druck.“Hinter den Ran-Tankstellen steht die Südramol-Gruppe, ein süddeutsches Familienunternehmen mit Sitz im bayerischen Burgau, das 43 Verkaufsstellen in Bayern und Baden-Württemberg hat. Pächter Friedrich Haag sagt: „Wenn ich Glück habe, reicht die Provision für den Kraftstoff gerade für die Deckung der Stromkosten.“ Mit rund 2400 Standorten ist Aral größter Tankstellenanbieter im deutschen Markt. Dessen Vorstandschef Achim Bothe sagt: „Wir sehen bei allen aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen insgesamt gute Zukunftsperspektiven für Tankstellen. Mit Blick auf sinkenden Kraftstoffverbrauch, politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen und den Zuwachs der Elektromobilität werden sich Tankstellennetze aber verändern müssen, wir gehen deshalb von einer weiteren Konsolidierung des Marktes aus.“ Steigende Kosten für Energie und Personal, insbesondere die Steigerungen beim Mindestlohn, forderten die Betreiber von Tankstellen heraus.Aral ist größter Anbieter von Coffee to go in DeutschlandDie Tankstellen haben vor allem im ländlichen Raum zum Teil die Rolle des Nahversorgers übernommen. Haag betreibt in seinen Stationen auch eine Lotto-Annahmestelle und nimmt für einen Paketdienst entsprechende Pakete entgegen. Aral-Vorstandschef Bothe verweist darauf, dass die Kooperation mit dem Einzelhändler Rewe inzwischen rund 900 Shops umfasst. „Meistverkaufte Produkte im Shop sind neben Tabakwaren und Backwaren vor allem Kalt- und Heißgetränke.“ Mit rund 30 Millionen verkauften Kaffees im Jahr sei Aral größter Anbieter für Coffee to go in Deutschland.Kaffee zählt nach Angaben von Experten zu den mit Abstand profitabelsten Artikeln im Tankstellenshop. Während die Marge beim Kraftstoff nur bei wenigen Cent liegt, erzielen Tankstellen beim Kaffeeverkauf einen Rohertrag von rund 60 Prozent. Je Becher bleibt also ein Großteil des Verkaufspreises als Gewinn beim Pächter hängen. Wie viel das für Haag ausmacht, verrät er nicht. In seine Station in Stuttgart-Wangen kommen täglich rund 1600 Kunden. Rund die Hälfte davon tankt Kraftstoff, sagt der Siebenunddreißigjährige. Er biete aber noch keine Lademöglichkeit für Elektroautos an.Uniti-Hauptgeschäftsführer Kühn sagt: „Die Elektromobilität stellt an vielen Stationen weiterhin kein tragfähiges Geschäftsmodell dar, obwohl die Unternehmen hier fortgesetzt investieren und mittlerweile rund 10.000 Schnellladepunkte an Tankstellen installiert haben.“ So habe die durchschnittliche Zahl der Ladevorgänge je Ladepunkt am Tag gemäß der eigenen Jahreserhebung für 2025 bei 3,12 gelegen, höher als 2024 (1,9), aber weit unterhalb dessen, was betriebswirtschaftlich wünschenswert wäre.„Wir haben keine Schwierigkeiten, neue Pächter zu finden“Shell betreibt eigenen Angaben zufolge rund 2000 Stationen, wo täglich etwa eine Million Kunden haltmachen, um zu tanken, zu laden oder im Shop einzukaufen. Die Nachfolgefrage scheint kein großes Problem zu sein. „Wir haben keine Schwierigkeiten, neue Pächter zu finden. Mit mehr als der Hälfte unserer Partner arbeiten wir seit mehr als zehn Jahren zusammen“, sagt eine Sprecherin. Aral-Chef Bothe sagt hingegen, dass die Suche nach Tankstellenpartnern ein großes Thema sei. „Wir versuchen, über Nachwuchsförderprogramme und kontinuierliche Begleitung zu unterstützen.“ Die steigenden Kosten für Energie und Personal seien aber herausfordernd.Für Pächter Friedrich Haag war es von Anfang an klar, mal eine Tankstelle zu betreiben. Er hat eine entsprechende Ausbildung gemacht und war schon immer davon angetan, mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun zu haben. „Vom Obdachlosen, der eine Brezel haben will, bis zum Millionär, der mit dem Porsche oder Ferrari kommt.“