Die «Hölle von Monterrey»: Die mexikanische WM-Spielstätte hat einst «La Ola» gross gemacht. Nun warten Smog, Wassermangel und Hitze auf die BesucherNahe der Grenze zu den USA boomt die Industrie – und lockt Hunderttausende von Migranten an. Doch die Umweltprobleme in der Wüstenregion sind riesig.04.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDas BBVA-Stadion liegt am Fusse des Bergrückens Cerro de la Silla.Hector Vivas / GettyDie Fussballfans der nordmexikanischen Stadt Monterrey gelten als besonders begeisterungsfähig: Im Jahr 1984 erfanden sie während des Spiels ihrer Nationalmannschaft gegen Argentinien im Estadio Universitario «La Ola» – die Welle der Begeisterung. So erzählt man es sich zumindest in der Stadt. Doch selbst die frenetischen Fans konnten zwei Jahre später ihrer mit Real Madrids Stürmerstar Hugo Sánchez angetretenen Mannschaft nicht helfen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Viertelfinal der WM 1986 kämpfte Mexiko nicht nur gegen die Deutschen: Die Arena war nicht überdacht, die Sonne brannte gnadenlos. Und so entwickelte sich an jenem Nachmittag ein zähes Mittelfeldgeplänkel. Nach einem 0:0 in der regulären Spielzeit setzten sich die Deutschen im Penaltyschiessen mit 4:1 durch. Der «Spiegel» bezeichnete das Estadio Universitario darauf als «Glutofen», der deutsche Verteidiger Thomas Berthold sprach von der «Hölle von Monterrey».Bereits vier Tage zuvor hatte die Mannschaft des Teamchefs Franz Beckenbauer hier bei 34 Grad im Schatten und 57 Prozent Luftfeuchtigkeit in den Achtelfinals gegen die hingebungsvoll verteidigenden Marokkaner anrennen müssen. Erst in der 88. Minute erlöste Lothar Matthäus die «deutschen Panzer», wie die britische Presse sie ob ihres robusten Rumpelfussballs nannte, mit einem Freistosstor.Jahre voller RekordtemperaturenMonterrey ist bei der diesjährigen Fussball-WM, die nächste Woche startet, wieder Austragungsort. Doch gerade die Monate Juni und Juli sind hier besonders heiss. Und sie werden noch heisser: Obwohl die Durchschnittstemperatur dieser Monate rund 33 Grad beträgt, litt die Stadt in den vergangenen Jahren unter Rekordtemperaturen von bis zu 50 Grad. Dazu kommt ein Wind, der einem die Hitze wie ein Föhn ins Gesicht bläst. Im Juni 2023 starben mehr als einhundert Personen an den Folgen der Hitze.Die Forschergruppe World Weather Attribution hat kürzlich vor den Gefahren der Hitze an der WM 2026 gewarnt. Im Fall von Monterrey hat die Fifa vorsorglich die hier stattfindenden Vorrundenspiele – Schweden gegen Tunesien (14. Juni), Tunesien gegen Japan (20. Juni), Südafrika gegen Südkorea (24. Juni) – sowie ein K.-o.-Spiel der Runde der letzten 32 auf den Abend gelegt. In letzterem Spiel trifft am 29. Juni der Erstplatzierte der Gruppe F (Niederlande, Schweden, Japan, Tunesien) auf den Zweitplatzierten der Gruppe C (Brasilien, Marokko, Haiti, Schottland).In Monterrey laufen die Arbeiten für die WM – hier die Konstruktion einer Strassenbahn – auf Hochtouren.Daniel Becerril / ReutersEin Blick auf die BBVA-Arena. Das Stadion gehört zu den eindrücklichsten Spielstätten der WM.Rodrigo Oropeza / GettyGespielt wird in der 2015 eingeweihten BBVA-Arena. Das Stadion bietet Platz für 53 500 Fans. Das im östlichen Vorort Guadalupe gebaute Stadion gehört zu den eindrücklichsten dieser WM, mit seiner Aluminiumhülle erinnert es an die Münchner Allianz-Arena. Wie stimmungsvoll es dort zugeht, zeigte sich Ende März beim interkontinentalen Play-off zwischen Irak und Bolivien. Trotz magerer Fussballkost feuerten die Fans – unter ihnen viele Bolivianer und Iraker – ausgelassen ihre Teams an.Doch das eigentliche Spektakel offenbart sich im Innenraum. Das Dach wurde wie ein gigantisches Fenster entworfen, das den Bergrücken Cerro de la Silla einrahmt. Dieser gehört zur Sierra-Madre-Bergkette, die Monterrey auf drei Seiten umgibt. Nach Südosten öffnet sich das Tal zu einer wüstenartigen Ebene, die bis zum 300 Kilometer entfernten Golf von Mexiko reicht. Von dort kommen die Regenwolken, die sich vor allem im August und September über den Bergen von Monterrey entleeren. Dann verwandelt sich das Flussbett des sonst trockenen Santa Catarina, der durch das Stadtzentrum fliesst, in einen reissenden Fluss.Die Schlucht von La Huasteca im Vorort Santa Catarina: ein Paradies mitten im trockenen Norden von Mexiko.Oscar Parez / ImagoDie Schlucht La Huasteca in Santa Catarina soll die beste Trinkwasserqualität Lateinamerikas bieten.Oscar Parez / ImagoDer Santa-Catarina-Fluss fliesst auch durch die Schlucht von La Huasteca. Vom hier vorhandenen Grundwasser, das die beste Trinkwasserqualität ganz Lateinamerikas haben soll, profitieren vor allem die angrenzenden Nobelviertel des Vorortes San Pedro Garza García. Im restlichen Grossraum Monterrey ist in den vergangenen Jahren hingegen ein grosser Streit um das Wasser entbrannt.Wirtschaftsboom lockt Migranten anDie Folgen des Klimawandels verschärfen die Trockenheit in Nordmexiko, während das Wachstum von Industrie und Wirtschaft den Druck auf die ohnehin knappen Wasserressourcen erhöht. Die Region nahe der amerikanischen Grenze profitiert vom Nordamerikanischen Freihandelsabkommen, das Mexiko zur verlängerten Werkbank der USA und Kanadas macht, also zur Produktionsstätte vieler wichtiger Produkte. Das Wirtschaftswachstum im Gliedstaat Nuevo León, dessen Hauptstadt Monterrey ist, ist derzeit doppelt so hoch wie der landesweite Durchschnitt.Das lockt in letzter Zeit jedes Jahr 150 000 Personen auf der Suche nach Arbeit hierher – und stellt die Infrastruktur vor riesige Probleme. Der Wohnraum ist knapp, der öffentliche Verkehr oft prekär. Angesichts des hohen Stromverbrauchs der Industrie leiden die Bewohner unter Blackouts. Besonders im Sommer, wenn Klimaanlagen das Stromnetz zusätzlich überlasten und Transformatoren vor der Hitze kapitulieren.Ein Blick auf das Wohnviertel Independencia, dahinter die Bergkette, die Monterrey umgibt.Daniel Becerril / ReutersSie warten auf Wasser. María Mercedes Reta Facundo und ihr Sohn.Thomas MilzWährend derzeit 5,7 Millionen Menschen im Grossraum Monterrey leben, sollen es 2030 bis zu 6,8 Millionen sein. Prognosen gehen von einem um 40 Prozent höheren Wasserverbrauch für Bevölkerung und Unternehmen aus. Zudem ist Mexiko seit 1944 aufgrund eines bilateralen Vertrages verpflichtet, Wasser aus der Region in den Süden der USA umzuleiten. In den Sommern 2022 und 2023 mussten bereits weite Teile Monterreys über Monate mit Rationierungen leben. Dass Getränkehersteller gleichzeitig Millionen Liter Grundwasser abpumpen durften, führte zu Protesten.María Mercedes Reta Facundo lebt mit ihrer Familie in García, einem Vorort von Monterrey, der zu den am schnellsten wachsenden Gemeinden Mexikos zählt. Verglichen mit den extrem trockenen Vorjahren habe sich die Versorgung mittlerweile verbessert, sagt sie. Seit 2010 hat sich die Einwohnerzahl von García verdreifacht, ohne dass die Infrastruktur mitwachsen konnte.Anders als in höher gelegenen Siedlungen habe man derzeit Wasser, sagt sie. «Allerdings ist das Wasser meist braun und stinkt, und wenn man duscht, bekommt man Hautausschläge.» Um für Rationierungen gewappnet zu sein, hat die Familie einen 600 Liter grossen Tank im Vorgarten. Doch weil der schwache Wasserdruck nicht ausreicht, um ihn zu befüllen, kauft sie sich in 20-Liter-Behälter abgefülltes Wasser für den täglichen Gebrauch.«Die Grundwasserleiter trocknen hier immer weiter aus, und man muss immer tiefer bohren, um an Grundwasser zu gelangen», sagt der Anwalt Jaime Noyola, der früher für die lokalen Wasserwerke gearbeitet hat und heute gerichtlich für das Recht auf Wasser kämpft. Weitere Probleme seien der zu kleine Durchmesser der Leitungen sowie das Fehlen von Pumpstationen, sagt er. Die Wasserwerke würden zudem den Leitungsdruck herunterfahren, um den Verbrauch zu reduzieren.Der Anwalt Jaime Noyola kämpft für das Recht auf Wasser. Er sagt: «Man muss immer tiefer bohren, um an Grundwasser zu gelangen.»Thomas MilzEin Getränkeverkaufsstand auf den Strassen von Monterrey.Daniel Becerril / ReutersAuch aus der Luft droht der Bevölkerung Gefahr. Rund um Monterrey stossen Schornsteine gefährliche Emissionen wie Schwefeldioxid und Stickoxide aus. Dazu kommen die Abgase von Millionen von Autos sowie der Staub aus den Steinbrüchen in den Bergen oberhalb der Stadt. «Morgens hören wir die Sprengungen», erzählt María Mercedes Reta Facundo. Viele Anwohner hätten Allergien und Atemwegsbeschwerden, erzählt sie. Monterrey zählt regelmässig zu den Städten mit der höchsten Feinstaubbelastung Nordamerikas.«Die Priorität hier in Monterrey sollte nicht die WM sein, sondern bessere Lebensbedingungen für die Bürger», sagt Reta Facundo. Laut Noyola wird Monterreys Zivilgesellschaft die WM zum Anlass nehmen, um dafür zu protestieren.Passend zum Artikel