Im Aztekenstadion wurden Maradona und Pelé einst Weltmeister. Aber von der dritten WM in der Arena halten die Anwohner wenigIn Mexiko-Stadt wird am Donnerstag zum dritten Mal eine Weltmeisterschaft eröffnet. Die Anwohner des legendären Stadions sind aufgebracht – weil der Tourismus und die Gentrifizierung das Leben in Mexikos Hauptstadt unerschwinglich machen.10.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEin legendäres Tor in einer legendären Arena: Pelé (links) jubelt im WM-Final 1970, nachdem er im Aztekenstadion das 1:0 erzielt hat. Die Brasilianer gewinnen gegen Italien 4:1.ImagoEin Schreibtisch aus Holz und ein anderthalb Meter breites Bett – viel mehr steht nicht in dem Hotelzimmer im Süden von Mexiko-Stadt, in dem die Fussballlegende Pelé die Nacht vor dem grossen Final der Weltmeisterschaft 1970 verbrachte. Statt Luxus wollte das brasilianische Team eine ruhige Unterkunft fernab vom Trubel der mexikanischen Hauptstadt. Pelés Zimmer kann man noch heute im Originalzustand im Konferenzcenter Conferencia Interamericana de Seguridad Social besuchen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die ruhige Nacht scheint dem grossen Fussballer gutgetan zu haben. Am nächsten Tag erzielte er vor 110 000 Zuschauern im Aztekenstadion das 1:0 gegen Italien. Die Azzurri zahlten an jenem Tag mit zunehmender Spieldauer den körperlichen Tribut für das 4:3 nach Verlängerung gegen Deutschland im Halbfinal wenige Tage zuvor – das berühmte «Spiel des Jahrhunderts» – und gingen in Brasiliens Offensivfeuerwerk 1:4 unter.Nach dem Sieg gegen Italien an der WM 1970 tragen seine Teamkollegen Pelé auf den Schultern.APWie Pelé auf den Schultern der begeisterten Fans über den Rasen des Aztekenstadions getragen wurde, gehört zu den grossen Momenten des Fussballs. Es war sein dritter Weltmeistertitel. Bis heute ist er der einzige Spieler, der das geschafft hat. Von seinen brasilianischen Weltmeister-Kollegen von 1958 und 1962 war keiner mehr dabei. Ausser Mario Zagalo, der jedoch 1970 nicht als Spieler, sondern als Trainer der Seleção zum dritten Mal Weltmeister wurde.Maradonas legendäre WM-ToreSechzehn Jahre später wurde das Aztekenstadion wieder Zeuge einmaliger Fussballmomente. Eigentlich sollte Kolumbien die WM 1986 ausrichten. Doch aufgrund des dort herrschenden Bürgerkriegs sprang Mexiko kurzfristig ein. Die Erinnerung an die tolle Atmosphäre der WM 1970 trug zu dieser Entscheidung bei. Im Hintergrund hatte der brasilianische Fifa-Präsident João Havelange zudem mit dem mexikanischen Medienmogul Emilio Azcárraga den Deal ausgehandelt.Und wieder wurde es eine an Höhepunkten reiche Weltmeisterschaft, mit dem Aztekenstadion im Mittelpunkt. Im Viertelfinalspiel vor 115 000 begeisterten Fans erzielte Argentiniens Fussballidol Diego Maradona innerhalb von vier Minuten gegen England die zwei wohl berühmtesten WM-Tore überhaupt. In der 51. Minute bugsierte er den Ball mit der Hand ins Tor der Engländer – mit «der Hand Gottes», wie Maradona später den Umstand erklärte, dass der Schiedsrichter ein Kopfballtor gesehen haben wollte.WM-Viertelfinal 1986 in Mexiko-Stadt: In der 51. Minute trifft der Argentinier Diego Maradona mit der «Hand Gottes» zum 1:0 gegen England.Getty Images / Hulton ArchiveKurz danach schnappte sich Maradona den Ball im Mittelfeld und dribbelte durch die halbe englische Mannschaft zum 2:0 – ein Tor, so schön, dass es zum besten aller WM-Treffer erklärt wurde. Jahre später sprach Maradona ob seiner Leistung an jenem Tag von einer Art Wiedergutmachung für den Falkland-Krieg, den Argentinien 1982 gegen England verloren hatte.Wenige Tage später wurde Maradona dann genau wie Pelé mit der WM-Trophäe in der Hand auf den Schultern der Fans über den Rasen des Aztekenstadions getragen. In einem spannenden Final hatte Argentinien Deutschland 3:2 bezwungen. Es war der Höhepunkt von Maradonas Karriere; danach folgten fast nur noch Skandale um Drogen, Steuerhinterziehung, Fress- und Sauforgien und uneheliche Kinder.Am Donnerstag, dem 11. Juni 2026, schreibt das Aztekenstadion nun erneut Geschichte. Mexiko eröffnet die gemeinsam mit Kanada und den USA ausgetragene WM mit dem Spiel gegen Südafrika. Das Stadion ist damit das erste, das drei WM-Eröffnungsspiele austrägt. Anders als an den Turnieren von 1970 und 1986 wird es jedoch nicht die Bühne für das Endspiel sein – dieses findet am 19. Juli im MetLife-Stadion in East Rutherford, New Jersey, statt.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenWeniger Zuschauer, mehr HospitalityDas Aztekenstadion hält noch einen weiteren Rekord. So sahen hier an den Olympischen Spielen 1968 im Spiel um Platz drei 105 000 Zuschauer das Duell zwischen Mexiko und Japan – die bis heute gültige Bestmarke für ein olympisches Fussballturnier. An der nun startenden WM wird man derartige Kulissen jedoch nicht sehen. Nach aufwendigen Umbauarbeiten bietet die nun nach einer Bank benannte Arena Platz für 87 500 Zuschauer; dafür wurde der Hospitality-Bereich vergrössert. Trotzdem ist das Stadion immer noch das grösste in Lateinamerika.Wurde im März nach umfangreichen Umbauarbeiten wieder eröffnet: das Aztekenstadion in Mexiko-StadtThomas Milz / NZZBei der Eröffnung der renovierten Arena Ende März resultierte zwischen Mexiko und Portugal ein tristes 0:0. Die Schlagzeilen galten einem betrunkenen mexikanischen Fan, der aus dem VIP-Bereich zu Tode stürzte. Vor dem Stadion protestierten währenddessen aufgebrachte Anwohner gegen die Weltmeisterschaft. Die Politik habe den Umbau des Stadions und der Zufahrtswege über die Interessen der Anwohner gestellt, so der Vorwurf angesichts der jahrelangen Umbauarbeiten.Nun sollen an den Spieltagen weite Teile des Südens von Mexiko-Stadt abgesperrt werden, um die Zu- und Abfahrt zu erleichtern – sehr zum Unmut der Anwohner. Nach dem Eröffnungsspiel zwischen dem Gastgeber und Südafrika wird das Aztekenstadion der Austragungsort für das Duell zwischen Usbekistan und Kolumbien (17. Juni) sein. Und am 24. Juni trifft Mexiko hier auf Tschechien. Zudem wird in der modernisierten Arena ein Sechzehntelfinal am 30. Juni und ein Achtelfinal am 5. Juni ausgetragen. In der entscheidenden Phase des Turniers werden hier also keine Spiele mehr stattfinden.Trotz horrenden Ticketpreisen und hohen Logistikkosten der über drei Länder verteilten WM will sich Mexiko-Stadt als Hotspot für Fans aus aller Welt anbieten. So werden 18 Fanfeste in der Metropole stattfinden, das grösste auf dem historischen Zócalo-Platz im Herzen der Stadt. «Wir wollen, dass sich die ganze Stadt in eine grosse Tribüne verwandelt», sagte die Bürgermeisterin Clara Brugada. Vor einigen Tagen gab es jedoch erneut Proteste vor dem Aztekenstadion gegen die Gentrifizierung und den zunehmenden Tourismus in der Stadt.So zieht Mexiko-Stadt seit einigen Jahren immer mehr Ausländer an, darunter digitale Nomaden aus aller Welt. Angelockt werden sie auch durch die mittlerweile stark verbesserte Sicherheitslage in der Stadt. Zehntausende von Überwachungskameras und eine starke Polizeipräsenz haben die Kriminalitätsrate deutlich gesenkt. Dazu lockt die auf 2200 Meter Höhe gelegene Stadt mit einem angenehmen Klima.Stadtviertel wie Roma Norte, Colonia Polanco oder auch der Vorort Coyoacán, in dem das Museum der Malerin Frida Kahlo steht, sind zu beliebten Wohnvierteln von Ausländern und Zielen von Touristen geworden. Hier hat sich zudem eine ausgezeichnete Gastronomie entwickelt. Die Kehrseite ist der Immobilienboom, der Wohnungspreise und Mieten in die Höhe getrieben hat. Für viele Einheimische ist Mexiko-Stadt kaum noch erschwinglich. Zuletzt war es in den von Ausländern beliebten Vierteln zu Protesten mit Ausländer-raus-Rufen gekommen.Hier nächtigte Pelé, bevor er in Mexiko-Stadt 1970 zum dritten Mal Fussball-Weltmeister wurde.Sashenka Gutierrez / EPAProteste sind in Mexiko-Stadt nichts Ungewöhnliches, nahezu täglich behindern sie den ohnehin chaotischen Verkehr. Das dürfte sich während der WM weiter verschärfen. So wollen unter anderem Lehrer, die eine bessere Bezahlung fordern, die weltweite Aufmerksamkeit für ihr Anliegen ausnutzen. Anfang Juni versuchten sie die Fanzone auf dem Zócalo-Platz zu stürmen, es kam zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Weitere Proteste gegen die hohen Lebenskosten wurden bereits angekündigt.Auch die WM-Touristen werden die hohen Kosten zu spüren bekommen. Erhebungen haben ergeben, dass in keiner anderen WM-Stadt die Hotelpreise auf die WM hin derart explodiert sind wie hier. In einigen Fällen wurde eine Verzehnfachung oder mehr der Übernachtungspreise ermittelt. In Luxushotels nahe dem Stadtzentrum wurden Zimmer gar für mehr als das Zwanzigfache vermietet. Dort wohnt man dann fürstlicher als einst König Pelé in seinem schlichten Zimmer vor dem Final 1970.Passend zum Artikel