T-Shirts, Tomaten, Solarmodule: Vor allem in Asien ist Zwangsarbeit weit verbreitetWer seinen Markt nicht ausreichend vor Gütern schützt, die von Zwangsarbeitern hergestellt werden, muss mit neuen Zöllen aus Washington rechnen. Doch saubere Lieferketten nachzuweisen, ist extrem schwierig.04.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenAuf Baumwollfeldern in ihrer Heimat Xinjiang werden viele Uiguren zur Arbeit gezwungen.ImagoWenn es darum geht, anderen Ländern neue Zölle abzupressen, kennt Donald Trumps Einfallsreichtum keine Grenzen. Im Februar schoss das Oberste Gericht der USA seine auf der Grundlage eines Notstandsgesetzes verabschiedeten Zölle ab. Jetzt versucht der amerikanische Präsident es auf anderem Weg.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Länder, die ihre Märkte nicht ausreichend gegen Waren abschirmen, die unter Einsatz von Zwangsarbeit hergestellt wurden, müssen mit neuen Zöllen durch Trump rechnen.Unternehmen und Regierungen werden deshalb künftig verstärkt nach Fernost blicken. Denn laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) ist Zwangsarbeit im Asien-Pazifik-Raum am verbreitetsten, wenn man die Zahl der Opfer von Zwangsarbeit zum Massstab nimmt.Im Mittelpunkt der Vorwürfe ausländischer Regierungen und NGO steht seit vielen Jahren China. Laut einem aktuellen Bericht der Vereinten Nationen setzten Staat und Unternehmen vor allem in Xinjiang und Tibet Zwangsarbeiter ein, beides Regionen mit nationalen Minderheiten. Um die fragwürdige Praxis zu verschleiern, greift die chinesische Regierung seit einigen Jahren zu einer besonders perfiden Methode.Zwangsarbeit unter dem Etikett der ArmutsbekämpfungUnter dem Label der Armutsbekämpfung zwingen die Behörden etwa muslimische Uiguren aus Xinjiang im Nordwesten Chinas, ihre Heimat zu verlassen. In Fabriken oft fern von ihren Dörfern und Städten müssen die Menschen für wenig Geld und unter permanenter Aufsicht arbeiten. Wer sich einem solchen «Arbeiter-Transfer» verweigert, muss mit Bestrafung rechnen. Der Ende Dezember abgelaufene Fünfjahresplan der Provinz Xinjiang führt 13,8 Millionen «erfolgreiche» Arbeiter-Transfers auf.«Die Arbeiter-Transfers sind Teil der Regierungspolitik, mit der die kulturelle Identität von Tibetern und Uiguren unter dem Schleier der Armutsbekämpfung umgearbeitet werden soll», schreiben die Vereinten Nationen.Doch auch in Xinjiang selbst müssen Millionen von Menschen unter erbärmlichsten Bedingungen und gegen ihren Willen arbeiten, unter anderem in Fabriken für Solarmodule, in der Lebensmittelverarbeitung oder auf Baumwollfeldern.Im Zentrum steht dabei Xinjiang Production and Construction Corps (XPCC). Das Unternehmen, das auch Gefängnisse betreibt, gehört der Kommunistischen Partei und ist in zahlreichen Branchen aktiv, unter anderem in der Lebensmittelproduktion, im Bergbau und in der Textilverarbeitung.Die Folge der breiten Aufstellung des Konzerns: Viele Produkte und Vorprodukte von XPCC finden sich in den weltweiten Lieferketten. Wer in Europa oder den USA eine Flasche Ketchup kauft, kann davon ausgehen, dass die Tomaten von XPCC gezogen und verarbeitet wurden.Für ausländische Firmen ist der Nachweis nahezu unmöglich, dass ihre Waren frei von Zwangsarbeit sind. So wird etwa von Zwangsarbeitern in Xinjiang geerntete Baumwolle meist mit Baumwolle aus anderen Ländern verschnitten. Dass im Laufe des Produktionsprozesses einer Jeans von H&M keine Zwangsarbeiter eingesetzt wurden, ist praktisch nicht nachweisbar.Zwangsarbeit auf FischkutternDie angekündigten höheren Zölle für Länder, die nicht genug gegen Zwangsarbeit unternehmen, könnten auch Südostasien treffen. Im Bürgerkriegsland Myanmar etwa zwingt das Militär seine Bevölkerung seit Jahrzehnten zur unbezahlten Arbeit an Infrastrukturprojekten.Abgesehen von Myanmar haben aber viele südostasiatische Länder in den vergangenen Jahren Fortschritte gemacht, wenn es um das Einhalten der Bestimmungen der ILO geht, besonders bei der Arbeitssicherheit. Ungern ratifizieren die Regierungen allerdings Resolutionen, laut denen sich Arbeiter organisieren dürfen. Schliesslich sind mehrere Länder Südostasiens autoritär regiert.Neben der Textilindustrie gibt es in Südostasien einen weiteren wichtigen Sektor, in dem Zwangsarbeit immer wieder vorkommt: die Fischerei und die Schifffahrt. Hier arbeiten viele Arbeitsmigranten, zum Beispiel aus Myanmar und Kambodscha, die auf thailändischen Fischkuttern anheuern. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Berichte über schlechte Arbeitsbedingungen, zu spät gezahlte Löhne und Lohnabzüge, die an sogenannte Vermittler gehen.Anders als die ILO setzen südostasiatische Länder weniger auf Standards und Prävention in der Branche. Sie sehen Menschenhandel und Ausbeutung nicht als strukturelle Probleme, sondern als das Werk von kriminellen Gruppierungen, die von den Strafverfolgungsbehörden belangt werden müssen.Neue Zölle könnten die Fischereibranche empfindlich treffen. Länder wie Thailand, Indonesien und Vietnam exportieren jährlich Fisch und Meeresfrüchte im Wert von mehreren Milliarden Dollar in die USA.Menschenhandel, Kinderarbeit, sexuelle AusbeutungBei der Zahl der Opfer von Zwangsarbeit stechen Indien, Bangladesh und Pakistan nur schon aufgrund der Grösse der Bevölkerung hervor. Menschenhandel, Kinderarbeit und sexuelle Ausbeutung sind in vielen Branchen der informellen Wirtschaft ein Problem. Frauen und Mädchen werden zur Prostitution gezwungen, Kinder von organisierten Banden auf die Strassen zum Betteln geschickt. Aber auch Landarbeiter, Bergleute, Näherinnen und Hausangestellte sind betroffen.Besonders Arbeitsmigranten und Angehörige der unteren Kasten sind von Zwangsarbeit bedroht. Laut Schätzungen sind mehr als 80 Prozent der Opfer in Indien Dalits – früher als Unberührbare bezeichnet. In ländlichen Regionen werden sie dazu verpflichtet, Arbeiten ohne Lohn zu verrichten. Auch sind es vor allem Dalits, die Latrinen säubern müssen und oft ohne Schutzausrüstung in die Kanalisation geschickt werden. Hunderte sterben dort jedes Jahr an giftigen Dämpfen.Viele Bauern sind bei grossen Landbesitzern verschuldet, manche bereits seit Generationen. Oft sind sie gezwungen, kostenlose Arbeit zu leisten, um ihre Schulden abzuzahlen. Jedes Jahr nehmen sich Tausende Bauern und Landarbeiter in Indien aus Verzweiflung das Leben, weil sie überschuldet sind. Da Dürre und andere Folgen des Klimawandels den Bauern zusetzen, sehen viele keine Möglichkeit mehr, der Schuldknechtschaft zu entkommen.Gesetze gegen Kinderarbeit werden kaum durchgesetztÜberall in Südasien werden Kinder zum Arbeiten eingesetzt. Zwar gibt es in Indien und den Nachbarstaaten Gesetze gegen die Ausbeutung von Kindern, doch ist es oft schwer, sie durchzusetzen. In der Teppichindustrie etwa wird viel in Heimarbeit hergestellt, so dass Kontrollen schwierig sind. Oft fehlt den Behörden aber auch der Wille, effektive Massnahmen zu ergreifen.Arbeitsmigranten aus Südasien stellen den Grossteil der Bauarbeiter, Wachleute und Haushaltsangestellten in den reichen Golfstaaten. Allein aus Indien stammen 9 Millionen Menschen, die am Golf arbeiten. Sie geniessen als Ausländer wenig Schutz oder Rechte und sind kaum in Gewerkschaften organisiert. Viele werden Opfer skrupelloser Arbeitsvermittler, die überhöhte Gebühren verlangen und falsche Versprechungen über die Höhe der Löhne und die Art der Arbeit machen.Unter dem traditionellen Kafala-System, das trotz Reformen in vielen Golfstaaten weiter existiert, wird ihnen von ihren Arbeitgebern der Reisepass abgenommen, so dass sie weder ausreisen noch den Job wechseln können. Viele sind gezwungen, zunächst die Gebühren der Vermittler abzubezahlen, bevor sie ihr Gehalt ausbezahlt erhalten. Oft werden ihnen Löhne vorenthalten, um sie in Abhängigkeit zu halten. So geraten viele Arbeitsmigranten in eine Form der Lohnsklaverei.Passend zum Artikel
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