Ukrainische Drohnen verwandeln die russische Hauptroute zur Krim in eine Todeszone – dadurch spitzt sich die Benzinkrise auf der besetzten Halbinsel zuIm Ukraine-Krieg hat eine neue Phase begonnen: Während an den Fronten Stillstand herrscht, intensivieren beide Seiten den Luftkrieg auf strategische Ziele. Den überraschendsten Erfolg erringen dabei die ukrainischen Drohnentruppen.04.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenNach einem ukrainischen Drohnenangriff steigt über der Skyline von St. Petersburg dunkler Rauch auf.APLichterloh brennende Häuser in Kiew, schwarze Rauchsäulen am Horizont von St. Petersburg: Die Bilder der vergangenen Tage illustrieren drastisch, wie sehr sich der russisch-ukrainische Krieg in eine militärische Abnützungsschlacht auf Hunderte von Kilometern Distanz verwandelt hat.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Aussicht auf Durchbrüche an den Fronten im Donbass haben derzeit beide Seiten nicht – laut den militärischen Karten verschiedener Analysegruppen brachten die Russen im Mai weniger als 20 Quadratkilometer unter ihre Kontrolle. Das ist der geringste Wert seit rund zweieinhalb Jahren. Statt mit taktischen Geplänkeln im Bodenkrieg suchen beide Seiten deshalb eine Entscheidung mit Schlägen gegen strategische Ziele weit hinter der Front.Russland hat, wie angedroht, die ukrainische Hauptstadt Kiew zum neuen Hauptziel seiner Luftangriffe gemacht. Kiew erlitt in der Nacht auf Dienstag den dritten Grossangriff seit Mitte Mai, wobei mehrere Rüstungsbetriebe, aber auch zivile Einrichtungen getroffen wurden. Nach Angaben der Stadtbehörden kamen sieben Personen ums Leben. Russland nutzt die derzeit grösste Schwachstelle der Ukraine konsequent aus – den eklatanten Mangel an Munition für die Flugabwehr, vor allem Patriot-Lenkwaffen. Gegen Russlands ballistische Raketen oder die mit Hyperschallgeschwindigkeit fliegenden Zirkon-Marschflugkörper ist die ukrainische Hauptstadt deshalb so schlecht geschützt wie schon lange nicht mehr.Nach dem jüngsten russischen Grossangriff herrschte am Dienstagmorgen in Teilen Kiews ein infernalischer Anblick.Alina Smutko / ReutersPropagandacoup in Putins HeimatstadtDie Ukraine antwortete in der Nacht auf Mittwoch mit einem Luftangriff auf St. Petersburg, Russlands zweitgrösste Stadt. Langstreckendrohnen verursachten Brände am dortigen Erdölterminal und trafen ein Kriegsschiff in der nahen Marinebasis Kronstadt. Über den militärischen Nutzen hinaus erzielten die Ukrainer einen Propagandacoup. Denn ausgerechnet zum Auftakt des St. Petersburger Wirtschaftsforums, dem Präsident Wladimir Putin traditionell beiwohnt, zeigten die dunklen Rauchschwaden am Himmel, wie sehr der Krieg auch in den Alltag der Menschen und Firmen in den Grossstädten eindringt.Auf einschneidende Weise spürt dies bereits jetzt die Bevölkerung grenznaher Regionen und der von Russland annektierten Halbinsel Krim. Dort spitzt sich die im Mai ausgebrochene Versorgungskrise immer weiter zu. Die Behörden auf der Krim begannen schon vor ein paar Tagen mit der Rationierung von Benzin, mussten in der Hafenstadt Sewastopol für den Mittwoch aber sogar einen zeitweisen Verkaufsstopp anordnen. Zuvor hatten sich lange Schlangen an den Tankstellen gebildet.Für gewisse Treibstoffe gelten seit kurzem auch in anderen Regionen Beschränkungen. Um Hamsterkäufen vorzubeugen, gilt in der südwestrussischen Grenzprovinz Belgorod und sogar an manchen Tankstellen im Grossraum Moskau die Regel, dass Benzin nicht mehr in Reservekanister abgefüllt werden darf.Vor den Tankstellen auf der russisch besetzten Halbinsel Krim bilden sich lange Schlangen, weil der Nachschub mit Benzin stockt.Alexey Pavlishak / ReutersDer Benzinmangel auf der Krim ist die Folge systematischer ukrainischer Drohnenangriffe auf die Fernstrasse E-58, die von Russland durch die besetzte Südukraine auf die Krim führt. Täglich kursieren in den sozialen Netzwerken neue Bilder von rauchenden oder ausgebrannten Militärlastwagen und Tankfahrzeugen, die entlang dieser Route getroffen wurden. Der französische Analytiker Clément Molin hat 230 solche Vorfälle in diesem Frühling gezählt. Es handelt sich um ein neues und überraschendes Phänomen, denn bis vor kurzem hatten der ukrainischen Armee noch die Waffen für eine solche Kampagne gefehlt.Wichtigste Versorgungsroute seit 2022Als die russischen Invasionstruppen im Februar 2022 in die Ukraine einfielen, konnten sie in kurzer Zeit ein wichtiges militärisches Ziel erreichen, die Schaffung einer Landverbindung zwischen Russland und der relativ isolierten Halbinsel Krim. Diese war nach der Annexion von 2014 vom russischen Festland zunächst nur per Schiff erreichbar gewesen, ab 2018 auch über eine Eisenbahn- und Strassenbrücke. Die nach der Invasion geschaffene Landverbindung entwickelte sich rasch zur wichtigsten Versorgungsroute für die Krim, zumal diese Fernstrasse rund 100 Kilometer hinter der Front verläuft und damit lange Zeit als recht sicher galt.Diese Distanz war viel zu gross für die «First Person View»-Drohnen, welche die Ukraine im frontnahen Gebiet seit langem erfolgreich einsetzt. Die ukrainischen Langstreckendrohnen wiederum, die zur Bombardierung von Erdölanlagen wie jener in St. Petersburg dienen, eignen sich nicht für Angriffe auf fahrende Ziele.Inzwischen hat die Ukraine diese Lücke in ihrem Arsenal dank neuartigen Drohnen gestopft. Ab Mitte April häuften sich plötzlich die Berichte über Angriffe auf Ziele in 80 bis 150 Kilometern Entfernung von der Front. Dabei fiel auch die ausgezeichnete Videoverbindung mancher dieser Fluggeräte auf, welche den Piloten die Steuerung stark erleichtert.Zum Einsatz kommen auf dieser Distanz einerseits Drohnen des Typs FP-2, eine Entwicklung des einheimischen Herstellers Fire Point. Mit ihrem bis zu 200 Kilogramm schweren Sprengsatz eignen sie sich eher für Angriffe auf grössere Objekte wie Militäranlagen. Schlagzeilen machen anderseits die kleineren, leichteren und preisgünstigeren Drohnen des Typs Hornet. Sie entstanden aus einer Partnerschaft der Ukraine mit der amerikanischen Techfirma Perennial Autonomy des früheren Google-Chefs Eric Schmidt.Eine Hornet-Drohne auf dem Startkatapult.PDDie Hornet-Drohnen sollen nicht nur im Verbund untereinander die Kommunikation per Internet oder Funk über hohe Distanzen sicherstellen, sondern auch über Mittel der künstlichen Intelligenz bei der Zielerfassung verfügen. Das scheint ihnen zu ermöglichen, längere Zeit über Nachschubrouten zu kreisen und dann bei Erkennen eines bestimmten Fahrzeugtyps in den Sturzflug überzugehen. Die neue Drohne wird offensichtlich bereits in hohen Stückzahlen produziert.Die Krim-Brücke kommt nicht infrageDie Fernstrasse E-58 hat sich dadurch in kurzer Zeit in eine Todeszone verwandelt. Laut russischen Quellen weigern sich zivile Lastwagenfahrer, die Route weiter zu befahren. Auch Versicherungen gebe es für solche Transporte nicht mehr.Zur Versorgung der Krim mit Treibstoffen bleibt damit kurzfristig nur der Transport via Fähre aus Russland. Aber nach mehreren ukrainischen Angriffen auf Fährschiffe mangelt es an Kapazitäten. Benzintransporte über die Krim-Brücke hat Russland schon vor Jahren untersagt – aus Sicherheitsgründen, nachdem der ukrainische Geheimdienst auf der Brücke eine Autobombe neben einem fahrenden Kesselwagenzug gezündet hatte.Die militärischen Folgen der ukrainischen Drohnenangriffe auf die russischen Versorgungslinien bleiben abzuwarten. Russlands Armee dürfte dafür sorgen, Priorität bei der Treibstoffzuteilung zu erhalten. Aber falls es gelingt, beispielsweise Munitionstransporte systematisch zu treffen, könnten die russischen Truppen entlang der Südfront in die Defensive geraten.Passend zum Artikel