Die Ukraine eröffnet im Asowschen Meer überraschend eine neue Front und verschärft die Benzinkrise in RusslandUkrainische Drohnen jagen russische Versorgungsschiffe und verstärken so die Blockade der Halbinsel Krim. Zugleich räumt Moskau erstmals ein, dass die Erdölgrossmacht Russland nicht mehr genug Treibstoff hat.13.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEine ukrainische Fire-Point-Drohne filmt ihren Sturzflug auf einen russischen Frachter im Asowschen Meer.Commander of Unmanned Aerial Systems / HandoutSeit zwei Monaten machen die Ukrainer mit ihren neuartigen Mittelstreckendrohnen die wichtigsten Verbindungsstrassen zur russisch besetzten Halbinsel Krim unsicher. Nun weiten sie diese Kampagne aus, indem sie auch den Seeweg über das Asowsche Meer östlich der Krim ins Visier nehmen: Vergangene Woche lancierten sie eine Serie von Angriffen auf russische Transportschiffe, deren Ausmass täglich zunimmt. Allein am Wochenende meldete das Kommando der Drohnentruppen Angriffe auf 42 russische Frachtschiffe, mehrheitlich Tanker und einige Fähren. Insgesamt seien im Laufe der Woche 90 Schiffe getroffen worden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Als Beleg publiziert das ukrainische Militär täglich neue Videos, aufgenommen von den Kamikazedrohnen, bevor diese auf die Schiffe herabstürzen. Wie gravierend die Schäden sind, lässt sich nicht immer überprüfen. Es gibt aber auch Videos von Augenzeugen, die den Einschlag von Drohnen, brennende Tanker oder beschädigte Kommandobrücken zeigen. Zudem sind auf Satellitenbildern Rauchsäulen brennender Schiffe im Asowschen Meer zu erkennen. Dass die Ukraine dort eine neue «Front» eröffnet hat, steht deshalb ausser Zweifel.Die russischen Regionalbehörden meldeten am Wochenende fünf Angriffe in der Bucht von Taganrog, bei denen ein Seemann ums Leben gekommen sei. Diese geografische Angabe ist bemerkenswert, weil die Bucht den östlichsten Ausläufer des Asowschen Meeres bildet. Die ukrainischen Mittelstreckendrohnen müssen bis dorthin mehr als 200 Kilometer zurücklegen. Noch vor wenigen Monaten hätten den Ukrainern die Mittel gefehlt, um auf diese Distanz jede Nacht Dutzende von Fluggeräten einzusetzen. Nun haben sie gute Chancen, eine weitere wichtige Nachschubroute der Russen zu unterbinden.Schiffsverkehr kommt zum ErliegenInnerhalb weniger Tage ist der Schiffsverkehr über das Asowsche Meer und weiter durch die Meerenge von Kertsch ins Schwarze Meer völlig eingebrochen, wie selbst kriegsbegeisterte russische Nationalisten einräumen. Damit schwindet die Möglichkeit der Besetzer, die faktisch unter einer ukrainischen Blockade stehende Halbinsel Krim zuverlässig zu versorgen. Gute Alternativen fehlen: Die Route durch die besetzte Südukraine ist wegen der allgegenwärtigen Drohnen zur Todeszone geworden; russische Lastwagenfahrer gehen dort auf der 400 Kilometer langen Strecke ein grosses Risiko ein. Zugleich ist die Brücke über die Meerenge von Kertsch aus Sicherheitsgründen für den Schwerverkehr gesperrt.Auf der Krim herrscht seit dem Juni der Notstand. Die als Ferienziele beliebten Strandorte sind nahezu ausgestorben. Strom gibt es nur noch zeitweise, in Sewastopol sechs Stunden pro Tag. Wer mit etwas Glück eine funktionierende Tankstelle findet, bezahlt dort mittlerweile vier- bis siebenmal so viel wie noch im Frühling. Die Immobilienpreise in der einstigen Perle am Schwarzen Meer sollen um 40 Prozent abgesackt sein. Die Ohnmacht angesichts der ukrainischen Blockade löst bei russischen Nationalisten tiefe Frustration aus. Populäre Militärblogger rieten dem Chef der russischen Kriegsmarine, Admiral Alexander Moisejew, er solle sich erschiessen, wenn er unfähig sei, die Versorgung der Krim übers Meer militärisch abzusichern.Wichtige internationale HandelsrouteDie ukrainische Führung bezweckt mit der Operation im Asowschen Meer aber zweifellos mehr als nur die Abschnürung der strategisch wichtigen Halbinsel. Durch dieses Gewässer verlaufen auch internationale Handelsströme. Unter anderem wickelt Russland fast ein Viertel seiner Getreideexporte über diese Route ab. An der Bucht von Taganrog liegt die Mündung des Don, und dieser Fluss ist über einen Kanal mit der Wolga verbunden, dem längsten Strom im europäischen Teil Russlands. Das Asowsche Meer bildet somit den Übergang zwischen der bedeutendsten innerrussischen Wasserstrasse und internationalen Gewässern.Ein brennendes russisches Frachtschiff im Asowschen Meer.X / NoelreportsEs ist eine böse Überraschung für Russland, dass es die Kontrolle über dieses Meer zu verlieren droht. Aus völkerrechtlicher Sicht gehört gut die Hälfte der Küstenlinie der Ukraine. Doch Moskau betrachtet das Asowsche Meer seit der Invasion von 2022 als russisches Binnengewässer. Bereits ab 2018 hatte der Kreml völkerrechtswidrig den Ukrainern die freie Schifffahrt von und zu ihren Häfen verweigert. Nun kommt die Retourkutsche – ein weiterer Misserfolg in einer langen Reihe von strategischen Rückschlägen, die sich Russland mit diesem Krieg eingehandelt hat.Wie die Agentur Reuters in Handelskreisen erfuhr, hat Russland aus Sicherheitsgründen am Freitagabend die Durchfahrt vom Don ins Asowsche Meer auf unbestimmte Zeit gesperrt. Mit einer baldigen Entspannung ist nicht zu rechnen, weil Russlands Flugabwehr mit den ukrainischen Drohnen überfordert ist. Gewisse Resultate zeigt zwar neuerdings der Einsatz von starken Störsendern, welche die via Satelliteninternet gesteuerten Drohnen vom Kurs abbringen können. Aber auch diese russischen Geräte werden zum Ziel ukrainischer Drohnenangriffe.Krise erfasst das ganze Land – die Regierung gibt Problem zuWährend der Kreml die Notlage auf der Krim vermutlich als zweitrangig betrachtet, kann er die Unterbrechung der Exportroute über das Asowsche Meer aus wirtschaftlichen Gründen nicht auf die leichte Schulter nehmen. Erst recht gilt dies für die Treibstoffkrise, die mittlerweile fast das gesamte Land erfasst hat. Sie sorgt in der Bevölkerung für erheblichen Unmut.Lange hatte Moskau die Warteschlangen an den Tankstellen herabgespielt. Noch Ende Juni behauptete Putin in einem Fernsehauftritt: «Alles läuft bei uns stabil und mit einer grossen Sicherheitsreserve.» Der für den Energiesektor zuständige Vizeministerpräsident Alexander Nowak tat die Probleme Anfang Juli als marginale Störungen in der Logistikkette ab. Benzin und Diesel gebe es ausreichend. Dies klang wie Hohn in den Ohren jener, die stundenlang vor Tankstellen warteten. Unterdessen hat die Regierung ihre Tonlage geändert. Nowak räumte am Freitag ein, dass es einen Treibstoff-Engpass in Russland gebe. Anders als früher gab er auch den Grund zu – die Schäden an Erdölraffinerien infolge ukrainischer Drohnenangriffe.Ukrainische Drohnen fliegen erstmals bis SibirienDer rhetorische Rückzieher spiegelt die Tatsache, dass die Treibstoffkrise vorerst nicht abebbt, sondern sich im Gegenteil ausweitet. Ein bedeutender militärischer Erfolg ist den Ukrainern vor ein paar Tagen mit einem Drohnenangriff auf die Raffinerie der westsibirischen Stadt Omsk gelungen. Es handelt sich um Russlands grösste Anlage zur Gewinnung von Benzin, Diesel und Kerosin. Zugleich ist es das erste Mal, dass ukrainische Langstreckendrohnen bis nach Sibirien vordrangen. Mit einer Distanz von mehr als 2500 Kilometern stellten die Drohnentruppen einen neuen Rekord auf.Mit dem jüngsten Angriff, der einen Grossbrand auslöste, haben die Ukrainer nun die zehn grössten Raffinerien Russlands alle mindestens einmal durch Kamikazedrohnen beschädigt. Experten schätzen, dass die funktionstüchtigen Anlagen nur noch 65 Prozent der Nachfrage decken. Kurz nach dem Angriff in Omsk hat die Regierung das für Benzin bestehende Exportverbot auch auf Diesel ausgeweitet. Bei Benzin ist Russland – demütigend für einen Petrostaat – zunehmend auf Importe angewiesen, unter anderem aus Weissrussland, Kasachstan und Indien. Damit allein lässt sich der Engpass aber auf absehbare Zeit nicht beheben.Passend zum Artikel