«Diese Jugendlichen feiern nicht miteinander. Sie bauen nichts auf. Sie verteidigen keine Idee. Sie zerstören»Nach dem Triumph von Paris Saint-Germain kam es am Wochenende in Frankreich zu heftigen Ausschreitungen. Die Psychologin Marie-Estelle Dupont sieht die Ursache in der geschwächten Rolle der Eltern, Lehrer und Richter.03.06.2026, 15.55 Uhr5 LeseminutenFranzösische Einsatzkräfte sichern in der Nacht zum Sonntag die Strassen rund um den Parc des Princes.Abdul Saboor / ReutersEs ist ein Déjà-vu: Schon vor einem Jahr hatte der Sieg des französischen Fussballvereins Paris Saint-Germain im Champions-League-Finale zu schweren Ausschreitungen geführt. Auch am Abend des 30. Mai kam es in zahlreichen Städten wieder zu Plünderungen, Brandstiftungen und Strassenschlachten mit der Polizei. Rund 890 Personen wurden festgenommen, zahlreiche Einsatzkräfte verletzt. Über die Gründe für die Gewalt wird in Frankreich seither heftig gestritten. Die Psychologin Marie-Estelle Dupont sucht sie keineswegs in den sozialen Missständen der Banlieues.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Madame Dupont, früher waren Fussballsiege ein Anlass zum Feiern. Heute fürchten viele Franzosen die Nacht danach. Warum?Mich macht das wirklich sehr traurig. Das ist nicht mehr das Frankreich meiner Kindheit. Viele Familien ziehen sich inzwischen aus dem öffentlichen Raum zurück, weil sie Gewalt fürchten. Und das nicht nur nach Fussballspielen. In Paris gerät heute jede Grossveranstaltung zum Sicherheitsrisiko.Wie erklären Sie sich den Zerstörungswillen der Jugendlichen?Ich glaube, wir haben über Jahrzehnte hinweg jene Institutionen geschwächt, die jungen Menschen Orientierung geben sollten: die Familie, die Schule, die Justiz. Die Idee, dass jede Form von Autorität verdächtig sei, hat Spuren hinterlassen. Dabei ist ein Verbot nicht in erster Linie eine Einschränkung, sondern ein Schutz. Wenn ich nicht alles zerstören darf, bedeutet das auch, dass der andere nicht alles zerstören darf, was mir gehört.Viele würden eher auf Armut, soziale Ausgrenzung oder Diskriminierung verweisen. Sie nicht?Diese Faktoren allein erklären die Entwicklung nicht. Es gibt arme Menschen, die keine Autos anzünden. Und es gibt wohlhabende Gesellschaften, die ebenfalls Gewalt hervorbringen. Entscheidend ist für mich eine andere Frage: Wie werden aus Kindern verantwortungsbewusste Erwachsene? Nehmen Sie die Schule. Dort wurde die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern immer stärker nivelliert. Wissen und Bildung haben an Bedeutung verloren. Die Freude am Denken und Lernen schwindet. Dabei bedeutet Bildung nicht nur, Fakten zu lernen. Sie schafft Distanz zu den eigenen Impulsen.Zur PersonPDPsychologin und GesellschaftskritikerinMarie-Estelle Dupont, 44, ist eine französische Psychologin, Psychotherapeutin und Autorin. Die Mutter von drei Kindern wurde einem breiteren Publikum während der Corona-Pandemie durch ihre kritischen Stellungnahmen bekannt. Heute moderiert sie im Radiosender Europe 1 die Sendung «Et si on en parlait», in der sie aktuelle Themen aus psychologischer Perspektive beleuchtet.Was meinen Sie damit?Wenn jemand nicht gelernt hat, seine Impulse zu beherrschen, bleibt er ihnen ausgeliefert. Wer weder über Wissen noch über Leistung Anerkennung findet, sucht sich diese auf anderen Wegen. Gewalt ist sicher einer davon. Dann zählt nicht mehr, was man schafft, sondern was man zerstört.Geht es nicht auch um ein Gemeinschaftserlebnis?Diese Jugendlichen feiern nicht miteinander. Sie bauen nichts auf. Sie verteidigen keine Idee. Sie zerstören. Aber Chaos sättigt nicht. Es braucht immer neue Anlässe. Deshalb wiederholt sich das Muster ständig.Sie machen Familie und Schule verantwortlich. Viele würden ja eher sagen, dass Frankreich vor allem ein Integrationsproblem hat.Auch das gehört dazu. Der Kommunitarismus, also die Tendenz, dass sich immer mehr Menschen über ihre Herkunfts- oder Religionsgemeinschaft statt über die Gesellschaft als Ganzes definieren, nimmt zu. Frankreich hat lange geglaubt, eine immer vielfältigere Gesellschaft könne auch ohne erfolgreiche Assimilation funktionieren. Ich halte das für einen Irrtum. Eine Gesellschaft braucht gemeinsame Bezugspunkte und Regeln, eine gemeinsame Vorstellung davon, was man einander schuldet. Wenn diese Grundlagen verschwinden, bleibt nur noch die Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe.Was läuft falsch bei der Integration?Bestimmte Familien vermitteln ihren Kindern nicht mehr, dass sie Teil einer nationalen Gemeinschaft sind. Stattdessen werden oft sogar Ressentiments gegenüber dem Land gepflegt, in dem sie leben. Wenn junge Menschen weder eine Bindung an ihr Land noch an das Gemeinwohl entwickeln, kann selbst ein identitätsstiftendes Ereignis wie ein Fussballspiel in Gewalt umschlagen.Wer leidet am meisten unter dieser Entwicklung?Sicher nicht die Wohlhabenden. Die können wegziehen oder ausweichen. Besonders betroffen sind die Mittelschichten. Und viele Menschen mit Migrationshintergrund, die sich über Jahrzehnte ein bescheidenes Leben in den Vororten aufgebaut haben. Sie fühlen sich als Geiseln einer Entwicklung, die sie selbst nicht gewollt haben.Sie haben neben Familie und Schule auch die Justiz erwähnt . . .Ja, auch dort hat sich ein verhängnisvolles Denken durchgesetzt. Man hat lange geglaubt, nicht zu bestrafen bedeute, jemandem eine Chance zu geben. Ich halte das für einen Irrtum. Wer nie mit Konsequenzen konfrontiert wird, lernt nichts aus seinem Verhalten. Im schlimmsten Fall verurteilt man ihn dazu, seine Gewalt immer wieder zu wiederholen – und produziert zugleich neue Opfer.Welche Rolle spielen die sozialen Netzwerke?Sie sind nicht die Ursache, aber mit Sicherheit ein Verstärker. Wer Chaos anrichtet, existiert durch den Blick der anderen. Es ist doch viel weniger interessant, etwas zu zerstören, wenn niemand dabei zusieht. Die sozialen Netzwerke belohnen die Inszenierung von Gewalt. Je spektakulärer die Bilder, desto grösser die Resonanz. Man präsentiert den Schaden so, wie andere ihre Erfolge präsentieren.Auf der anderen Seite gab es schon immer Rowdytum und Vandalismus.Aber nicht in dieser Form. Die Kleinkriminalität früherer Jahrzehnte hatte oft etwas Rebellisches oder Suchendes. Heute sehe ich eher eine Regression. Die Gewalt erscheint grundloser, roher und selbstgenügsamer.Warum verlaufen solche Krawalle in Frankreich gewalttätiger als in anderen Ländern?Seit Jahren setzt sich in Frankreich immer stärker ein Denken nach dem Motto durch: Jeder gegen jeden. Wer nicht zu den Verlierern gehören will, muss sich als der Stärkste oder Schlaueste behaupten. Gleichzeitig verlieren jene Berufe an Ansehen, die mit Menschen arbeiten und soziale Bindungen schützen: Pflegekräfte, Lehrer, Polizisten, Richter, Psychologen. Der amerikanische Historiker Christopher Lasch schrieb einmal, der Narziss habe den ehrbaren Menschen ersetzt. Das ist heute aktueller denn je.Was hält die Gesellschaft denn noch zusammen?Eine Gesellschaft, die jeden höheren Massstab verliert, reduziert den Menschen auf Konsum, Erfolg und Selbstverwirklichung. Dann entsteht ein permanenter Wettbewerb darum, wer mehr besitzt oder wer sich besser durchsetzen kann. Eine Gesellschaft wird aber zusammengehalten durch Dinge, die weit über das Individuum hinausweisen: durch Kultur, Geschichte, moralische Verpflichtungen, gemeinsame Symbole. Wenn all das verschwindet, fühlt sich am Ende niemand mehr für den anderen verantwortlich.Was sagen die jüngsten Ausschreitungen über den Zustand des französischen Staates aus?Sie zeigen einen Staat, der gleichzeitig allgegenwärtig und ohnmächtig geworden ist. Er reguliert immer mehr Bereiche des Lebens, kreiert immer mehr Vorschriften und scheitert gleichzeitig an seinen Kernaufgaben. Es gelingt ihm immer weniger, Sicherheit, Ordnung und Bildung zu gewährleisten.Welche Lehre sollte Frankreich aus diesen Ereignissen ziehen?Eine Zivilisation schützt sich vor Gewalt, indem sie ihre Kinder erzieht und ihnen Regeln vermittelt. Victor Hugo hat einmal gesagt, man müsse Schulen öffnen, um Gefängnisse schliessen zu können. Dieser Gedanke hat nichts von seiner Gültigkeit verloren. Das Bildungsniveau muss wieder steigen. Die Autorität der Lehrer muss gestärkt werden. Die Justiz sollte konsequenter handeln. Eltern müssen stärker in die Verantwortung genommen werden. Und Familien, die ihre Erziehungsaufgabe wahrnehmen, sollten unterstützt statt ständig untergraben werden. Solange wir uns weigern, die Ursachen der Gewalt zu benennen, werden wir dieselben Debatten immer wieder führen.Passend zum Artikel