In Frankreich überwiegt nach den Krawallen in Paris und in mehreren anderen Städten politische Ratlosigkeit. Trotz eines Großaufgebots von 22.000 Polizisten gelang es am Samstag nicht, die Randalierer unter Kontrolle zu halten und Sachbeschädigungen zu verhindern. 178 Ordnungshüter wurden beim Einsatz verletzt, einige zum Teil schwer. Die Polizei nahm 890 mutmaßliche Gewalttäter fest, die nach dem Sieg des Pariser Fußballklubs PSG im Champions-League-Finale in mehreren Stadtteilen der Hauptstadt randaliert hatten. Es kam zu Brandstiftungen und schwerer Sachbeschädigung.Vor dem Pariser Strafgericht findet derzeit das Nachspiel statt. Die meisten Angeklagten sind männlich (98 Prozent), ein Drittel davon minderjährig. Nur eine Minderheit hat bereits ein Vorstrafenregister. Sie kommen überwiegend aus den Vorstädten, die Paris umgeben.Aus Sicht des Politikwissenschaftlers Fabien Jobard entspricht das der Soziologie des ursprünglichen PSG-Fanklubs. Die meisten Anhänger stammten aus Wohngebieten, die durch wiederkehrende Zusammenstöße der Bewohner mit der Polizei geprägt seien. Die Grenze zwischen einer festlichen Demonstration und dem Willen, sich mit der Polizei anzulegen, sei für diese jungen Männer fließend. „Bestimmte Minderheitengruppen nutzen solche Versammlungen, um ihre Unzufriedenheit und ihre Feindseligkeit gegenüber der Polizei zum Ausdruck zu bringen“, sagte Jobard.Bereits vor einem Jahr war es nach dem Sieg des PSG im Champions-League-Finale zu einem Gewaltausbruch gekommen. Schon damals versprach Präsident Emmanuel Macron, dass die Regierung derartige Gewaltexzesse nicht mehr dulden werde. „Wir haben die Nase voll“, sagte Macron dieses Mal bei der Begrüßung der siegreichen Mannschaft im Élysée-Palast und sprach von „inakzeptablen Gewaltszenen“.Zweifel an Abschreckungsfähigkeit der PolizeiPremierminister Sébastien Lecornu forderte am Dienstagabend in der Nationalversammlung, das Strafmaß für die Gewalttäter zu verschärfen und zudem den Schadenersatz für die Opfer der Sachbeschädigungen zu verbessern. Sozialhilfen wie Kindergeld der Täter müssten zur Verfügung gestellt werden, um die Opfer zu entschädigen.Für den Kriminologen Alain Bauer wird sich nichts ändern, solange die Einsatzdoktrin der Polizei nicht überarbeitet wird. Aus historischen, aber zunehmend unhaltbaren Gründen seien die Sicherheitskräfte angewiesen, bei ihren Einsätzen Verletzte um jeden Preis zu vermeiden. „Die zahlreichen Hindernisse beeinträchtigen die Fähigkeit der Polizei, gewalttätige Akteure abzuschrecken“, sagte Bauer. Er verwies darauf, dass während der Olympischen Sommerspiele in Paris ein Sondergesetz in Kraft gewesen sei, das der Polizei Handhabe gegen potentielle Gewalttäter ermöglichte. In Frankreich sei die Gewalt systemisch und „leider Teil unserer Kultur“, so der Kriminologe.Marine Le Pen bezeichnete die Gewalteruptionen als französische Besonderheit. „Nur in Frankreich löst der Sieg eines Fußballvereins Ausschreitungen aus“, sagte Le Pen. Sie bekundete ihre Solidarität mit den Sicherheitskräften und den Feuerwehrleuten. Aber eine Strategie, wie derartige Krawalle künftig zu unterbinden seien, legte sie nicht dar. Der Vorsitzende des Rassemblement National (RN), Jordan Bardella, sprach von „Szenen eines Bürgerkriegs“ und forderte höhere Strafen für die Gewalttäter. „Anscheinend muss keiner der Randalierer und Plünderer ins Gefängnis“, entrüstete er sich. Diese Milde sei eine Einladung für Wiederholungstäter. Er führte die Ausschreitungen auf unkontrollierte Einwanderung zurück.In der Linkspartei LFI wurde hingegen schwere Kritik an der Polizei geübt. Die LFI-Abgeordnete Clémence Guetté behauptete, die Sicherheitskräfte hätten die Unruhen durch Provokationen gegenüber friedlich feiernden Menschen angefacht. Politikwissenschaftler Jobard widersprach dem: Es habe keine provokativen Manöver seitens der Polizei oder eine unverhältnismäßige Gewaltanwendung gegeben.Verabreden, um „Bullen zu verprügeln“Wie die Polizeigewerkschaft Alliance mitteilte, hätten sich besonders gewaltbereite Täter über verschlüsselte Plattformen wie Telegram verabredet, „Bullen zu verprügeln“. Viele Täter hätten unter dem Einfluss von Rauschgift agiert. Yoann Maras, der Sprecher der Polizeigewerkschaft, sprach von zahlreichen leeren Flaschen Lachgas, die an den Tatorten sichergestellt wurden. Auch sei bei etlichen mutmaßlichen Tätern Kokainkonsum nachgewiesen worden.Die Polizeigewerkschaft verwies darauf, dass die Ordnungskräfte erschöpft seien, da die Gewalt „durch politische Untätigkeit banalisiert wird“. Das zielt auf die Diskrepanz zwischen der Ankündigung „unerbittlicher Strafen“ und der Realität von Freisprüchen, Geldstrafen und weniger als zehn Verurteilungen zu Freiheitsstrafen nach den Ausschreitungen nach dem Champions-League-Finale 2025. Damals gab es zwei Tote, knapp 200 Verletzte sowie 559 Festnahmen.Nicht nur Paris war dieses Jahr von den Ausschreitungen betroffen. Es kam zu Plünderungen und Sachbeschädigungen unter anderem in Lyon, Rennes, Straßburg, Clermont-Ferrand und Grenoble. Die Gewalteruptionen seien das Kennzeichen einer zutiefst gespalteten Gesellschaft, meint der Essayist Eric Delbecque. Es fehle inzwischen in Frankreich an verinnerlichten Normen, die von allen respektiert werden.
Gewalt nach PSG-Sieg: Was folgt auf die Ausschreitungen in Frankreich?
Premierminister Lecornu will Randalierer aus der Nacht nach dem Champions-League-Finale härter bestrafen. Rechte und linke Politiker deuten den Ursprung der Gewalt unterschiedlich.
PSG-Sieg 2026: 890 Arrestierte, Gewalt via Telegram koordiniert—22.000 Polizisten scheitern, keine Abschreckung. 2025 unter 10 Verurteilungen bei 559 Festnahmen. Governance-Versprechen folgenlos, Policy ineffektiv.











