KommentarFussballkrawalle: In Frankreich grassiert eine Kultur der VerantwortungslosigkeitSchon wieder verwandelt sich Paris nach einem Fussballspiel in ein Schlachtfeld. Staat und Politik wirken überfordert. Das bestätigt eine unheilvolle Diagnose des französischen Präsidenten.02.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenPSG-Fans feiern in der Nacht zu Sonntag den Sieg ihres Vereins im Parc des Princes.Valentina Camu / EPADer französische Fussballverein Paris Saint-Germain hat die Champions League gewonnen – mit dem zweiten Titel in Folge und triumphalen Siegen gegen Chelsea, Liverpool und Bayern München. Es hätte ein grosses Fest der Fans und ein seltener Moment nationaler Einigkeit werden können.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch stattdessen versanken Teile von Paris und anderen Städten des Landes wie schon nach dem Titelgewinn von 2025 im Chaos: Autos wurden angezündet, Bushaltestellen zertrümmert, Geschäfte geplündert, Polizisten angegriffen. Ein Motorradfahrer starb, nachdem er am Rande der «Feierlichkeiten» gegen einen Betonblock geprallt war. Ein 17-Jähriger liegt nach einer Messerattacke noch immer im Koma.Flammen vor dem Eiffelturm: Nach wichtigen Fussballspielen erlebt die Hauptstadt inzwischen regelmässig Gewaltexzesse.Thomas Padilla / AP«Narzissmus der Gewalt»Wer sind die Randalierer, und warum geraten sie ausgerechnet nach einem Sieg ihres eigenen Lieblingsvereins ausser Rand und Band? Nach einem Bericht des französischen Senats sind es zumeist männliche Jugendliche, die aus sozial benachteiligten und von Einwanderung geprägten Quartieren stammen. Viele sind strafrechtlich zuvor nie aufgefallen, verlieren unter dem Einfluss des Moments jedoch jede Hemmung.Zu den üblichen Erklärungsmustern gehört, dass diese jungen «casseurs» in einem Umfeld aufwachsen, das von Armut, hoher Arbeitslosigkeit und schwierigen Familienverhältnissen geprägt ist. Aber wirtschaftliche Not und persönlicher Frust erklären längst nicht mehr alles. In Zeiten sozialer Netzwerke wird Randale immer mehr auch zu einer Form der Selbstinszenierung: Sie erzeugt Aufmerksamkeit, spektakuläre Bilder, Nervenkitzel. Einen «Narzissmus der Gewalt» nennt das der liberale französische Essayist Hakim El Karoui.Bequem für viele Täter ist, dass sie die Verantwortung für ihr Handeln gerne auf andere abschieben: den «ungerechten» Staat, die Polizei, die angeblich rassistische Gesellschaft. Sie selbst sehen sich nicht selten als Opfer der Umstände. Das macht es leichter, die eigene Gewalt zu rechtfertigen.Wer aber setzt ihnen Grenzen? Die eigenen Familien offenbar immer weniger. Eltern müssten stärker Regeln setzen und sich dafür interessieren, was ihre Kinder online konsumieren. Doch viele scheinen entweder mit der Erziehung ihrer Söhne überfordert zu sein oder den Einfluss auf sie verloren zu haben.Auch die Autorität des Staates scheint viele dieser Jugendlichen kaum noch zu beeindrucken. Zwar nimmt die Polizei nach solchen Ausschreitungen Hunderte Personen fest, und die Justiz spricht Strafen aus. Doch die abschreckende Wirkung bleibt begrenzt. Zu viele Jugendliche haben offenbar den Eindruck, dass die Risiken überschaubar sind und die Konsequenzen selten von Dauer.Mit Wurfgeschossen und Feuerwerkskörpern griffen die Randalierer die Polizei an.Thomas Padilla / APBewusste EntscheidungNeben den Tätern, den überforderten Eltern und einem machtlos wirkenden Staat liegt ein Teil der Verantwortung schliesslich auch bei den Politikern und den Medien. In Frankreich folgt auf jeden Gewaltausbruch fast reflexhaft die Debatte über seine sozialen Ursachen. Das ist legitim. Problematisch wird es dort, wo die Erklärung zur Entlastung wird und die individuelle Verantwortung in den Hintergrund tritt.Armut, Ausgrenzung und Integrationsprobleme sind real. Aber sie entschuldigen nicht. Wer fremdes Eigentum zerstört oder Feuerwerkskörper auf Polizisten feuert, ist nicht das Produkt seiner sozialen Verhältnisse. Er trifft eine bewusste Entscheidung.Das eigentlich Beunruhigende ist, dass sich Frankreich an die Krawalle gewöhnt zu haben scheint. Vor gut zwei Jahren sprach Präsident Emmanuel Macron von einem Prozess der «Entzivilisierung». Gemeint hatte er eine Gesellschaft, in der Respekt vor Autorität und Regeln zunehmend erodiere. Die regelmässigen Ausschreitungen nach Fussballspielen, am Nationalfeiertag oder in der Silvesternacht wirken da schon fast wie eine Bestätigung dieser Diagnose.Feuerwehrleute löschen am Sonntag einen Brand.Julien Mattia / Le Pictorium / ImagoPassend zum Artikel