An der CSU-Basis herrscht weiterhin massiver Ärger über den politischen Kurs und Stil von Markus Söder. Das geht aus einem vierseitigen Brief des Kreisverbands Bad Tölz-Wolfratshausen an den Parteivorsitzenden hervor. Das Schreiben mit dem Datum vom 26. Mai, über das der Stern berichtete, liegt auch der SZ vor. Das Papier entstand offensichtlich im Nachgang zu einer Sitzung des Kreisvorstands und kommt einer Generalabrechnung mit der Parteiführung gleich. Ob es von den Beteiligten autorisiert wurde, ist allerdings unklar.Auslöser ist Söders umstrittene Analyse nach der Kommunalwahl im März, die mit teils dramatischen Verlusten für die CSU endete. Der Parteichef hatte die Ursache unter anderem in einer falschen Auswahl der Kandidaten gesehen, was an der Basis auf heftige Kritik gestoßen war und immer noch für Unruhe sorgt – auch im Kreisverband Bad Tölz-Wolfratshausen: Die Bewertung des Wahlergebnisses sei ein „Schlag ins Gesicht eines jeden Parteimitglieds“, heißt es in dem Schreiben. Das schlechte Abschneiden werde schöngeredet, die Parteispitze dagegen lehne jegliche Verantwortung dafür ab.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Man verwahre sich auch gegen die Darstellung, dass man etwa mit dem langjährigen Bürgermeister von Kochel am See und CSU-Landtagsabgeordneten Thomas Holz den falschen Kandidaten für die Landratswahl aufgestellt habe. Vielmehr habe Holz im Wahlkampf 421 Termine absolviert, 10 000 Kilometer zurückgelegt und 309 Social-Media-Posts veröffentlicht. Auch was die drei anderen verlorenen Bürgermeisterposten betreffe, verwahre man sich gegen Behauptungen der Parteispitze, man habe die falschen Kandidaten aufgestellt.Die Ursachen für die Wahlniederlage liegen nach Einschätzung des Kreisverbands Bad Tölz-Wolfratshausen woanders: „Es herrscht in vielen Bereichen eine massive Anti-CSU-Stimmung.“ Diese werde offensichtlich durch das „teils als überheblich empfundene Auftreten von Verantwortlichen“ erzeugt. Selbst eingefleischte CSU-Mitglieder wendeten sich inzwischen von der Partei ab. Diese Entwicklung werde dadurch gefördert, dass das Ergebnis der Kommunalwahlen als gut und die CSU als „Nr. 1“ verkauft werde, obwohl es das schlechteste Abschneiden seit 1957 sei.Auch einen Schuldigen dafür hat der Kreisverband ausgemacht: Parteichef Markus Söder. Gerade die Stammwählerschaft der CSU wünsche sich einen „klassischen Landesvater“ und weniger „Döner und Instagram“. Die Wähler hätten offensichtlich das Gefühl, dass es „zu sehr um Show“ gehe.Basisumfrage in der CSU:„Das mögen die Leute vor Ort nicht, diese Breitbeinigkeit“Kommt CSU-Chef Markus Söder ernsthaft ins Rutschen? Oder ist die Kritik an ihm eher vereinzelt? An der Parteibasis gibt es ganz unterschiedliche Stimmen. Eine Umfrage.Ein zentraler Kritikpunkt der Basis in Bad Tölz-Wolfratshausen ist auch der Umgang der Partei mit den Freien Wählern: Im Landtag arbeite man mit ihnen eng zusammen, während sie auf der kommunalen Ebene die größten Gegner seien. So schafften es die Freien Wähler, sich mit unbeliebten Entscheidungen, wie der Streichung des Kinderstartgelds oder der Verschiebung der Beamtenbesoldung, nicht in Verbindung zu bringen. „Dieses ungute Spiel der Freien Wähler ist nicht länger hinnehmbar“, heißt es in dem Schreiben weiter.Dem Kreisvorstand mangelt es auch an einer großen Linie der CSU bei wichtigen gesellschaftlichen Themen wie der Renten- und Pflegereform oder der Gesundheitsversorgung. Stattdessen werde von der Basis eine „gewisse Sprunghaftigkeit“ moniert, etwa bei den Themen Atomkraft oder Verbrenner-Aus.Zwar werde man sich weiter für die Partei engagieren, hierfür brauche es aber „keinerlei Bevormundung von irgendwelchen angeblichen Expert/innen aus der Landesleitung“. Statt pauschaler Schuldzuweisungen erwartet man sich Dank für die Kandidaten, die nicht nur „Herzblut, Engagement und privates Geld, sondern vor allem auch Zeit für die CSU“ investiert hätten. Schließlich müssten sie spätestens Ende 2027 wieder motiviert werden, einen engagierten Landtagswahlkampf auf die Beine zustellen.MeinungBayern:Wer so auf Stärke setzt wie Markus Söder, darf sich Schwäche nicht erlaubenOb der Brandbrief mit der bisher wohl schärfsten Kritik an Söder aus den eigenen Reihen lediglich ein Entwurf war oder auch so abgeschickt wurde, geht daraus nicht hervor. Namentliche Unterschriften fehlen. Thomas Holz, der Chef des Kreisverbands, versuchte den Inhalt am Mittwoch zu relativieren: Bei dem Papier handele es sich „lediglich um eine interne Stoffsammlung bzw. Arbeitsgrundlage für eine weitere Diskussion“ innerhalb dieses Gremiums. Es sei weder autorisiert noch freigegeben und daher kein beschlossenes oder offizielles Dokument des Kreisvorstands. „Es war und ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt“, teilte er mit. Grundsätzlich sei es sehr problematisch, wenn interne Arbeitsunterlagen und Diskussionspapiere ohne Zustimmung der Beteiligten an die Öffentlichkeit gelangten.Allerdings trägt das fertig formatierte Schreiben einen CSU-Briefkopf und die Anschrift Söders in der CSU-Parteizentrale. Es zirkuliert offensichtlich bereits seit mehreren Tagen in der Partei – und dürfte inzwischen zumindest auf indirektem Weg seinen Adressaten erreicht haben.Der Kreisverband Bad Tölz-Wolfratshausen gehört seit jeher zum Stammland der CSU. Hier hat unter anderem auch der frühere Ministerpräsident Edmund Stoiber seine politische Heimat. Als Direktkandidat erzielte er 2003 bei der Landtagswahl 73,5 Prozent der Erststimmen. In den vergangenen Jahren verlor die CSU aber auch im bayerischen Oberland stark an Boden. Bei den Kommunalwahlen im März wurden gleich drei CSU-Bürgermeister abgewählt: Thomas Gründl in Bad Heilbrunn, Michael Müller in Geretsried und Klaus Rauchenberger in der Jachenau. Sie wurden allesamt von parteifreien Kandidaten ersetzt.