Der stellvertretende CSU-Vorsitzende Manfred Weber hat den Kurs seiner Partei unter dem Vorsitz von Markus Söder deutlich infrage gestellt. In einem Schreiben an alle CSU-Mandatsträger, das der SZ vorliegt, forderte der Europapolitiker am Wochenende „eine neue Vision und Idee“ für die CSU. Der gesellschaftliche Zusammenhalt in Bayern gehe verloren, warnte er und appellierte: „Wir sind als CSU wieder gefordert.“ Man müsse mehr über die großen Fragen wie Krieg und Frieden, Gemeinwohl und Zusammenhalt debattieren. „Wir brauchen wieder eine kraftvolle Bayernerzählung, die das Miteinander in den Mittelpunkt denkt.“ Zuerst hatte der Münchner Merkur über den Brief berichtet.Webers Schreiben liest sich in Teilen wie eine Abrechnung mit der programmatischen Ausrichtung unter CSU-Chef Söder, auch wenn er diesen nicht namentlich nennt – im Gegensatz zu den früheren CSU-Granden Franz Josef Strauß, Edmund Stoiber und Theo Waigel. Erkennbar wird die Abgrenzung zum Beispiel daran, was der Chef der Europäischen Volkspartei (EVP) über Söders wichtigstes Vorzeigeprojekt, die milliardenschwere Hightech-Agenda für Forschung und Innovation, denkt: „Daher reicht es in Bayern nicht aus, allein eine Hightech-Agenda 2.0 aufzulegen – so wichtig, richtig und auch erfolgreich sie ist. Wir brauchen eine Debatte über unsere Kultur. Mit der Kernfrage: Was hält uns heute zusammen?“SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Kritisch sieht Weber auch „Wohltaten“ wie die Ausweitung der Mütterrente, die Söder in der neuen Bundesregierung durchgedrückt hat. „Wir können uns Zustimmung nicht erkaufen, wir müssen sie mit Ideen verdienen.“ Dieses Konzept komme zum Ende.Der CSU-Vize bemängelt auch den Umgang seiner Partei mit der militärischen Aufrüstung, die aus seiner Sicht in eine europäische Verteidigungsunion münden sollte. „Der vergangene CSU-Parteitag hat genau das gefordert – leider nur unter ‚Verschiedenes‘ – ohne Debatte oder Aussprache, was ich sehr bedaure“, schreibt Weber und schießt dann gegen eine Söder-Idee: „Das Absingen von Hymnen bei Abiturfeiern ist wichtig, aber die Frage unserer zukunftsfähigen Verteidigungs- und Rüstungsfähigkeit sagt mehr über gelebten Patriotismus.“Niederlagen in der Stichwahl:„Die CSU kann mit diesem Ergebnis nicht leben“Wie angeschlagen ist Markus Söder nach den Kommunalwahlen? Und was bedeuten die herben CSU-Verluste für die Machtverhältnisse in Bayern? Der Parteienforscher Michael Weigl sieht „ein echtes Warnsignal“ und erklärt, warum Hubert Aiwanger trotz des Erfolgs aufpassen muss.Weber fordert deshalb einen Sonderparteitag der CSU, um offen über Fragen wie Verteidigung oder die Zukunft des Freihandels zu diskutieren. Er sieht sich damit in einer Linie mit CSU-Übervater Franz Josef Strauß. Dessen Reden„waren keine Show, waren streckenweise nicht mal unterhaltsam“, so Weber. „Er mutete seiner Partei einiges an politisch schwerer Kost zu. Sind wir heute dazu auch noch bereit?“ Auch diese Zeilen lassen sich kaum anders verstehen als eine Kritik am singenden, tanzenden und essenden Auftreten Söders in den vergangenen Jahren.Spannend ist vor allem auch der Zeitpunkt des Weber-Briefs. Er soll bereits am Freitag den ersten CSU-Politikern zugestellt worden sein, also nur einen Tag nach Söders Regierungserklärung im bayerischen Landtag. Der CSU-Chef und Ministerpräsident hatte dort eine betont staatsmännische Rede zur Lage Bayerns gehalten und auch Selbstkritik geübt. „Auch ich habe in der Vergangenheit auch hier und gegenüber anderen deutliche Worte gewählt“, sagte er und versprach einen moderateren Ton. Die Zeiten seien angesichts all der internationalen Krisen und Kriege zu ernst. Auch seine Social-Media-Aktivitäten, wo Söder jahrelang sein Essen fotografiert hatte, hat er inzwischen der neuen Ernsthaftigkeit angepasst. Webers Text, so ist zu hören, sei da bereits fertig gewesen.Bayerns Kabinett reist nach Brüssel:Söders neue Charme-OffensiveIlse Aigner als Bundespräsidentin und Manfred Weber als „entscheidende Persönlichkeit“ in Brüssel? Warum der CSU-Chef die Bühne neuerdings offensiv mit seinen Rivalen teilt.Der Europapolitiker ist derzeit nicht der einzige CSU-Mann, der sich mit kritischen Gedanken zu Wort meldet. Bereits vergangene Woche forderte der CSU-Landtagsabgeordnete und Co-Vorsitzende der CSU-Grundsatzkommission Gerhard Hopp in einem Gastbeitrag in der FAZ: „Was jetzt gebraucht wird, ist ein anderer Stil: weniger Empörung, mehr Ernsthaftigkeit. Weniger Inszenierung, mehr Substanz.“ Wen Hopp damit meinte, dürften nicht nur in der CSU alle genau verstanden haben.Söder steht seit dem schlechten Abschneiden vieler CSU-Kandidaten bei der Kommunalwahl im März unter internem Druck. Am Tag nach der verlustreichen Stichwahl lud er die Schuld vor allem bei den Wahlkämpfern vor Ort ab, ruderte aber ein paar Stunden später zurück. Seitdem gärt es in der Partei.