Von diesem Mittwoch bis Samstag wird sich Russland wieder als Wirtschaftswunderland präsentieren. „Pragmatischer Dialog: Der Weg zu einer stabilen Zukunft“ lautet das diesjährige Motto des Internationalen Wirtschaftsforums oder SPIEF, zu dem Präsident Wladimir Putin wie stets Anfang Juni nach Sankt Petersburg lädt. Der erste Teil des Mottos steht dafür, dass auch westliche Akteure weiter in Russland Geschäfte machen, trotz Zigtausender Toter in der Ukraine, Sanktionen und landestypischer Risiken wie Enteignungen.Als deutsche Gäste sollen unter anderem Politiker aus der AfD anreisen sowie Putin-Apologeten wie der Journalist Hubert Seipel, dessen Bücher der russische Milliardär Alexej Mordaschow einst mit mindestens 600.000 Euro „gesponsort“ hat. Der zweite Teil des Mottos weist auf das Kreml-Ideal der Dauerherrschaft. Damit den 73 Jahre alten Putin kein Covid-19 bedroht, ist für den Besuch seines Auftritts am Freitag neben einer Sondereinladung auch ein negativer PCR-Test erforderlich.Die Zuhörer brauchen einen negativen Covidtest: Putin im vergangenen Jahr auf seinem Petersburger Wirtschaftsforum.ReutersDabei ist die Stimmung sogar in der Elite trübe. „Russische Wirtschaft: Strukturelle Änderungen zur Rückkehr auf den Wachstumspfad“ lautet eines der Themen des SPIEF. Seit Mai ist Russland von diesem Pfad offiziell abgekommen. Die Regierung geht in ihrer neuen Prognose von mindestens zwei Jahren Stagnation aus, mit hohem Leitzins, starkem Rubel, niedrigen Ölpreisen. Für 2026 hat sie die Wachstumsprognose von 1,3 Prozent aus dem vergangenen September auf 0,4 Prozent gesenkt; für 2027 nimmt sie statt 2,8 Prozent Wachstum nun 1,4 Prozent an, für 2028 statt 2,5 Prozent 1,9.Die Inflation steigt, die Investitionen sinkenWirtschaftsentwicklungsminister Maxim Reschetnikow sprach während eines Empfangs durch Putin im Mai von einem „zyklischen Entwicklungsmuster“ und sagte, auf das Wachstum von 2023 und 2024 folgten „Stabilisierung“ und „strukturelle Anpassungen“. Doch waren jene Jahre von rasant steigenden Staatsausgaben für den Krieg geprägt: 2021 hatte Russland 3 Prozent der Wirtschaftsleistung für sein Militär ausgegeben, 2025 waren es 8 Prozent.Gegen eine „Stabilisierung“ sprechen die steigende Inflation, die jetzt für 2026 auf 5,2 Prozent statt wie zuvor auf 4 Prozent prognostiziert wird, und sinkende Investitionen. Diese sollen 2026 nicht, wie zuvor angenommen, um 0,5 Prozent, sondern um 1,5 Prozent zurückgehen, nachdem sie schon 2025 um 2,3 Prozent gefallen waren. Russlands Wirtschaft kollabiere nicht, genese aber auch nicht, analysierte das exilrussische Wirtschaftsportal The Bell.Ein Problem ist die Arbeitskräfteknappheit. Putin sprach sie gegenüber Reschetnikow an, aber positiv: Sie führe dazu, dass die Löhne weiter stiegen. Doch außerhalb des Rüstungssektors können Unternehmen nicht mit dessen hohen Löhnen mithalten und kaum Kredite aufnehmen. Die Zentralbank kann den Leitzins von derzeit 14,5 Prozent nur behutsam senken, um die Inflation zu dämpfen. Die Sanktionen und Rückzüge westlicher Konzerne führen dazu, dass Unternehmen ihre Herstellungskapazitäten schwerlich modernisieren können. Jüngste Produktionszahlen weisen laut The Bell auf eine „Deindustrialisierung“ ziviler Wirtschaftsbereiche. So werden weniger Autos, Baumaterialien, Glas und Fahrstühle hergestellt als früher.Nach einem ukrainischen Drohnenangriff: beschädigtes Wohnhochhaus in MoskauEPAAll das hängt mit dem Krieg zusammen, den Putins Funktionäre nicht als Problem benennen können. Tabuisiert werden auch die Schäden durch ukrainische Drohnenschläge, insbesondere an Raffinerien. Es gelten Ausfuhrverbote für Benzin und Diesel, gerade ist eins für Kerosin hinzugekommen. Beschränkungen des mobilen Internets und die Blockierung des Messengers Telegram sorgen für Unmut und wirtschaftliche Schäden, die ebenfalls nicht beziffert werden.Russlands Unternehmen können auch nicht darauf zählen, für Schäden durch Drohnenangriffe kompensiert zu werden. Wollen sie sich selbst davor schützen, müssen sie auch dafür aufkommen. Laut dem Wirtschaftsportal RBK dürfen Privatunternehmer jetzt Artilleriegeschütze und Mittel der elektronischen Kampfführung erwerben, um Drohnen abzuwehren.Der Rüstungssektor saugt den Markt ausEntsprechend wächst in Russland alles, was mit Rüstung zusammenhängt: Hier ist der Staat der Abnehmer, priorisiert Hersteller, vergünstigt Kredite. Auf diese Weise sauge der Rüstungssektor den Markt aus, während der schrumpfende zivile Sektor mit dem Arbeitskräftemangel, höheren Löhnen, teuren Krediten und sinkenden Umsätzen zu kämpfen habe, so The Bell.Schaulaufen in Sankt Petersburg: Besucher des Forums im vergangenen JahrdpaAber auch für das Militär wird es schwieriger, neue Soldaten zu rekrutieren. Davon zeugt ein neues Gesetz, das Rekruten, die sich von Anfang Mai an zum Kriegsdienst verpflichten, Schulden bis zu einer Höhe von umgerechnet knapp 120.000 Euro erlässt. Das Lockmittel ist erprobt, eine Vorgängerregelung betraf bis zum 1. Dezember 2024 aufgenommene Kredite. Die Rekrutierung erschwert aber auch, dass die mit Donald Trumps Rückkehr ins US-Präsidentenamt verbundenen Hoffnungen auf ein baldiges Kriegsende verflogen sind.Der Krieg sprengt auch Russlands Budget. Fast 40 Prozent sind darin für 2026 für Verteidigung und Sicherheit vorgesehen, mehr als 201 Milliarden Euro. Das reicht aber nicht: Die Zeitung „Financial Times“ berichtet, Finanzminister Anton Siluanow habe im Februar in einem Brief an das Kabinett geschätzt, in diesem Jahr dürften die Kriegsausgaben mindestens um 24 Milliarden Euro höher liegen als geplant, in einem „Negativszenario“ um 48 Milliarden Euro.Die Regierung solle daher für andere Felder vorgesehene Mittel zurückstellen: 34,7 Milliarden Euro für dieses Jahr, 64,6 Milliarden Euro für 2027, 85 Milliarden Euro für 2028. Siluanow sagte der Zeitung „Kommersant“, veränderte „Makrobedingungen“ machten es nötig, die Ressourcen auf „prioritäre Richtungen“ wie Militär und Sozialausgaben zu konzentrieren. The Bell vermutet, die Mehrkosten könnten an Entschädigungen liegen, weil immer mehr Soldaten getötet und verwundet würden. Aber auch Raketen, wie sie die Invasoren aktuell insbesondere auf Kiew abfeuern, kosten Millionenbeträge.Auch der Irankrieg hilft nicht genugFür 2026 hatte Moskau ein Haushaltsdefizit von insgesamt 45,5 Milliarden Euro vorgesehen. Doch schon für die ersten vier Monate dieses Jahres beläuft sich das Minus auf 70,6 Milliarden Euro, das entspricht 2,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Auch der Irankrieg hilft nicht hinreichend, obwohl die Preise für Rohöl gestiegen sind und die USA Sanktionen gegen auf dem Seeweg transportiertes russisches Öl ausgesetzt haben. Doch im April betrugen die (stets addiert angegeben) Öl- und Gaseinnahmen 10,3 Milliarden Euro, nur 2,5 Prozent mehr als eingeplant und 21 Prozent weniger als im Vorjahresmonat.Der starke Kurs des Rubels zum Dollar schmälert die Einnahmen, und die Ölunternehmen führen zwar Steuern ab, doch der Staat gibt einen Teil davon sofort an sie zurück, damit sie die höheren Treibstoffpreise nicht voll an die Inlandskunden weitergeben. Zugleich rechnet die Regierung aufgrund des Irankriegs damit, dass die Weltwirtschaft weniger wächst und sich die Nachfrage nach russischen Energieträgern abschwächt.
Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg: In Russland wächst nur die Rüstung
In Sankt Petersburg wird Putin ein Wirtschaftswunderland präsentieren – auch aus Deutschland sind Gäste dabei. Doch das Wachstum schwindet und der Treibstoff ist knapp.











