Putins geopolitische Gruselbahn: Was in St. Petersburg als «Fenster nach Westen» begann, ist zum Davos der Verfemten degradiertIn St. Petersburg läuft in diesen Tagen das Wirtschaftsforum, einst als «Davos des Ostens» ins Leben gerufen. Mittlerweile feiert Russlands Präsident Wladimir Putin hier genüsslich die Abkehr vom Westen. Flankiert wird er dabei von westlichen Randfiguren. Wer zeigt sich an der Ostseebucht und warum?04.06.2026, 13.53 Uhr6 LeseminutenSein Bild ist überall: Wladimir Putin hat Politiker, Influencer, Moderatoren zum Wirtschaftsforum in St. Petersburg geladen.Dmitri Lovetsky / APVor bald 30 Jahren war es gestartet, das jährliche Wirtschaftsforum von St. Petersburg, genannt SPIEF. Es war über Jahrzehnte hinweg eine Art Premiumprodukt für den russischen Markt. «Davos des Ostens» nannten Beobachter und Teilnehmer die Veranstaltung gern. Internationale Investoren schauten vorbei, Präsidenten aus dem Westen schüttelten dem Kremlherrscher Wladimir Putin öffentlichkeitswirksam die Hand. Nicht selten wurden neue Projekte unterschrieben. So untermauerte Russland das Image von einem modernen und zuverlässigen Partner.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit Russlands Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 inszeniert Moskau in St. Petersburg seine «Wende nach Osten». Nun sind vor allem Delegationen aus China, Indien, einigen afrikanischen Staaten, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Iran mit dabei. Saudiarabien ist der diesjährige Ehrengast, das Königreich ist mit einer riesigen Delegation von Ministern und Spitzenmanagern angereist. Das Motto der Veranstaltung: «Pragmatischer Dialog – Der Weg in eine stabile Zukunft». Seit Kriegsbeginn versteht es der Kreml bestens, die Illusion wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Normalität aufrechtzuerhalten. Er hat auch Helfer aus dem Westen dafür. Influencer, Politiker, Verleger, die auch in St. Petersburg so tun, als sei Russland das friedfertigste Land der Welt, als das das Regime Putin sein Land gern darstellt. Ein Blick auf die Gästeliste:Andrew und Tristan TateDie Gesichter der «Manosphere» sind in Russland gern gesehen: Andrew (links) und Tristan Tate (rechts).PDDas Video, das die britisch-amerikanischen Brüder Andrew und Tristan Tate in ihren sozialen Netzwerken teilen, zeigen sie beim Empfang in St. Petersburg. Es gibt Brot und Salz, es gibt Musik und herumtänzelnde Frauen in russischer Tracht. Die beiden wirken verloren in der organisierten Feierstimmung und versuchen ebenfalls eine Bewegung, die einen Tanz imitieren soll. Es ist ein bizarres Zeugnis einer Inszenierung dieser hochwillkommener Gäste.Andrew Tate ist eine der einflussreichsten Figuren der sogenannten «Manosphere», jenes digitalen Milieus, das eine aggressive Männlichkeitsideologie verbreitet. Sein jüngerer Bruder und er sind berüchtigt für ihre frauenfeindlichen Social-Media-Eskapaden. Im Dezember 2022 wurden die Tates in Rumänien verhaftet. Die Vorwürfe: Menschenhandel, Vergewaltigung und die Bildung einer kriminellen Vereinigung. Der Fall zog sich jahrelang durch die Instanzen. Ende Februar 2025 hob die rumänische Staatsanwaltschaft das Ausreiseverbot für die beiden Brüder auf.In Russland werden sie als unverblümte Freigeister gefeiert. Sie passen gut ins russische Narrativ von einem moralisch verfallenen Westen, in dem Zensur vorherrsche und die Freiheiten eines Jeden eingeschränkt seien. Russland dagegen, so sehen es auch die Tates, sei die letzte Bastion echter Männlichkeit.Candace OwensSie spricht in St. Petersburg über Familienwerte: Die Black-Maga-Ikone Candace Owens.Donat Sorokin / Tass via ImagoDie 37-jährige Amerikanerin gilt als Meisterin kalkulierter Provokation. In St. Petersburg sitzt sie auf dem Podium zu Familienwerten. Putin macht sich stets lustig über westliche Bezeichnungen wie «Elternteil 1 und Elternteil 2», er fordert von russischen Frauen mehr Kinder, am besten gleich acht, wie er immer wieder sagt. Russland hat die «internationale LGBT-Bewegung» – ohne je zu erklären, was unter dieser angeblichen Bewegung zu verstehen ist – als «extremistisch» verboten. Jedes Reden darüber in der Öffentlichkeit ist bereits eine Straftat. Bücher über sexuelle Aufklärung, vor allem, wenn dort nicht-heteronormative Beziehungen auch nur angedeutet werden, werden aus den Buchläden verbannt. In Schulen lernen Jugendliche, was ihre Aufgaben seien: Die Knaben sollen die Heimat verteidigen, die Mädchen Kinder gebären. Abtreibungen werden immer mehr untersagt.Owens spricht von Russland als «Heilsbringer traditioneller, christlicher Werte». In den USA gilt sie als Black-Maga-Ikone. Auf ihrem Blog Degree180 spottete sie vor elf Jahren noch über die «völlig verrückten Eskapaden der republikanischen Tea-Party-Bewegung». Durch ein weiteres Projekt, mit dem sie digitale Gewalt gegen Frauen bekämpfen wollte, wendete sie sich immer mehr dem rechtskonservativen Spektrum zu und erklärte später: «Ich wurde über Nacht zur Konservativen. Ich erkannte, dass die Liberalen die eigentlichen Rassisten sind, dass die Liberalen die eigentlichen Trolle sind.»Die konservativen amerikanischen Medien empfingen die junge, redegewandte, afroamerikanische Frau mit offenen Armen. Owens behauptete, Rassismus in den USA sei ein Mythos, und war ein Glücksfall für die Maga-Bewegung. Mit ihren Kommentaren wurde sie zur hochdotierten Moderatorin. Sie vertritt krude Theorien gegen den Westen und wettert gegen vermeintlich globalistische Eliten. Russland ist in ihren Augen ein «wunderbares, freies Land».Steven SeagalIn Russland ist Steven Seagal immer noch ein gefeierter Action-Held: Der Amerikaner mit russischem Pass nennt Putin seinen «Bruder».Kirill Kukhmar / ImagoDer gealterte Action-Held Seagal fehlt bei kaum einer offiziösen Veranstaltung in Russland. Er ist praktisch das Abziehbild für die Erzählung des Regimes, wonach Russland seine Idole, und seien sie aus dem Westen, nicht aufgibt. Wenn denn diese Idole ihm nutzen. Seagal bewundert Putin, er sagte bereits 2014 – nach Russlands Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim und dem Krieg im Donbass –, der russische Präsident sei einer der grössten lebenden Führer der Welt. «Zu 100 Prozent» stehe er hinter Putin, erklärt Seagal immer wieder. Russland sei seine «Heimat» und Putin sein «Bruder». Der russische Präsident dankte ihm mit einem russischen Pass: Per offiziellem Dekret Putins ist der amerikanische Kampfsportler seit 2016 russischer Staatsbürger.Die Krim-Annexion verteidigt Seagal als «vernünftig», für den Krieg in der Ukraine gibt er dem Westen die Schuld. Als offizieller «Sonderbeauftragter» besucht er hin und wieder Gefängnisse in der von Russland besetzten Ostukraine. In St. Petersburg sitzt er auf Panels zur Kultur und dürfte – einmal mehr – über den Verfall Hollywoods und die «Woke-Kultur» schwadronieren.Hubert SeipelIn Deutschland abgestürzt, in Russland willkommen: Der Fernsehjournalist Hubert Seipel soll für sein Putin-Buch mehrere Hunderttausend Euro von einem kremlloyalen russischen Multimilliardär kassiert haben.ImagoDer deutsche Dokumentarfilmer und Journalist reist seit 1992 nach Russland. Dem staatsnahen russischen Online-Medium lenta.ru sagt er beim Forum in St. Petersburg, er habe seine Sicht auf Russland nun «vollkommen verändert». Was er damit meint, wird nicht näher erläutert. Seipel sieht sich seit Jahren als Erklärer der «rationalen Sichtweise Moskaus» und wirft dem Westen vor, «russlandfeindlich» zu sein.Der Fernsehjournalist ist mit seinem Buch und vor allem mit seinen Fersehdokus über Putin in Deutschland bekannt geworden. Jahrelang galt er als praktisch einziger deutscher Journalist mit einem ungewöhnlichen Zugang zum russischen Staatschef. Ein internationales Investigativ-Netzwerk hatte Ende 2023 schliesslich nachgewiesen, dass Seipel über Jahre hinweg heimlich mindestens 600 000 Euro vom kremlloyalen Multimillionär Alexei Mordaschow erhalten habe – angeblich als Unterstützung für das Schreiben des Putin-Buches. Es folgte der Total-Absturz von Seipels Karriere in Deutschland.In St. Petersburg verkauft das russische Regime den «deutschen Freund» als den «wahren, unabhängigen Denker» Deutschlands. Dieser halte «westlichen Mainstreams» und den Sanktionen gegen Russland zum Trotz dem Kreml die Treue, wie Russlands Propagandisten schreiben.Die AfD-DelegationEr ist der Delegationsleiter in St. Petersburg: der aussenpolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion Markus Frohnmaier.Sean Gallup / GettyZu viert sind sie zum Forum nach St. Petersburg gereist: die AfD-Politiker Markus Frohnmaier, Steffen Kotré, Jörg Urban und Petr Bystron. Frohnmaier, der aussenpolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, traf sich als Delegationsleiter mit Alexei Miller, dem Chef des russischen Energieriesen Gazprom. Sie hätten die Wiederaufnahme der Nordstream-Pipeline besprochen, heisst es in russischen Staatsmedien.Die AfD-Delegation wird in der Stadt an der Newa freundlich empfangen, die staatlichen russischen Fernsehsender bezeichnen sie als «die Stimmen der Vernunft» aus Deutschland. Die Partei verkauft ihren Besuch als «Suche nach dem Dialog» und inszeniert sich in St. Petersburg bewusst als Gegenpol zur offiziellen Berliner Aussenpolitik. Russland freut sich und lässt die Vier im Staats-TV vermeintlich «deutsche Interessen» vertreten. Frohnmaier und Co. werden nicht müde zu betonen, dass die deutsche Wirtschaft durch die Russland-Sanktionen zugrunde gehe. Das billige russische Gas und Öl soll ihrer Meinung nach sofort wieder in Richtung Deutschland fliessen.Passend zum Artikel
Putins Wirtschaftsforum: Vom «Ost-Davos» zur Isolation
In St. Petersburg läuft in diesen Tagen das Wirtschaftsforum, einst als «Davos des Ostens» ins Leben gerufen. Mittlerweile feiert Russlands Präsident Wladimir Putin hier genüsslich die Abkehr vom Westen. Flankiert wird er dabei von westlichen Randfiguren. Wer zeigt sich an der Ostseebucht und warum?










