PfadnavigationHomeKulturEhemalige First LadyJill Biden will mit einer Drogen-Anschlag-Theorie die Schwäche ihres Mannes erklärenStand: 09:35 UhrLesedauer: 7 MinutenJill und Joe Biden bei der Amtseinführung von Bidens Nachfolger Donald Trump im Januar 2025Quelle: picture alliance/Captital PicturesDie Ex-First Lady der USA verbreitet ganz eigene Spekulationen über die mutmaßliche Demenz ihres Mannes Joe Biden. Warum es zwei Gründe gibt, ihr nicht zu glauben. Und warum Joe Bidens Krebs das größere Rätsel ist.Nicht nur unter Anhängern von Donald Trump gilt es mittlerweile als ausgemacht, dass Joe Biden an Demenz (wahlweise auch Parkinson) erkrankt ist, dass es seinen Mitarbeitern im Weißen Haus gelang, dies vor dem amerikanischen Volk geheimzuhalten und dass die Wahrheit dann trotzdem ans Licht kam: in jener katastrophalen Debatte am 27. Juni 2024, in der Biden manchmal so stark nuschelte, dass er schlicht nicht zu verstehen war, manchmal offenkundigen Unsinn redete und manchmal einfach nur mit offenem Mund in der Gegend herumstand.Nach Auskunft von Jill Biden, seiner Frau, die seit bald 50 Jahren mit ihm verheiratet ist, war alles ganz anders. Wie Jill Biden in ihrem neuen Buch „View from the East Wing“ behauptet, hatte er sich vor der Debatte noch einmal hingelegt, wachte auf und sah triefäugig („bleary“) aus. Er fühle sich nicht wohl, sagte er; seine Stimme klang heiser. Im Aufzug sah er grau aus. Während des Fernsehduells dachte Jill Biden eine schreckliche Sekunde lang: Hat er vielleicht vor den Kameras einen Schlaganfall? So wie in diesem Moment, schreibt sie, habe sie ihren Mann noch nie erlebt. Sie fragte sich, ob ihm jemand Drogen verabreicht hatte. Vielleicht hatte er im Hotel Hustensaft mit Kodein – einem starken Opiat – oder Ambien geschluckt, eine Schlaftablette von der eher extremen Sorte? Lesen Sie auchJill Biden behauptet, dass sie bis auf den heutigen Tag nicht wisse, was zu diesem entsetzlichen Auftritt geführt hat. Sicher sei sie nur, dass es danach nicht Joe Biden war, der sich auf sie stützte, um vom Ort des Geschehens geführt zu werden, sondern umgekehrt: Sie habe hochhackige Schuhe getragen und die Unterstützung ihres Mannes gebraucht. Auch wenn die Journalisten es hinterher natürlich anders darstellten. Ganz sicher erinnert Jill Biden sich auch daran, was der Präsident ihr beim Abgang ins Ohr flüsterte: „I really fucked up, didn’t I?“ Das kann man wohl laut sagen.Lesen Sie auchIst Jill Biden eine glaubwürdige Zeugin? Gegen sie sprechen zwei Umstände: Erstens, dass sie ihren Mann offenbar vergöttert, wie ihr soeben erschienenes Buch „View from the East Wing“ beweist – das jetzt schon für Unruhe unter Demokraten sorgt, die es für eine unnötige Ablenkung von den Midterm Elections halten. Jill und Joe waren beide nicht mehr unerfahren, als sie sich 1975 kennenlernten: Joe Biden ein 30-jähriger Senator, der eine unvorstellbare Tragödie hinter sich hatte (seine Frau und kleine Tochter waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen; er war alleinerziehender Vater zweier kleiner Söhne), sie eine geschiedene Frau und immerhin schon 26. Vier Mal habe er um ihre Hand angehalten, schreibt Jill Biden, erst beim fünften Mal sagte sie ja. Aber geliebt habe sie ihn von Anfang an. Für seine beiden Söhne wurde sie dann mehr als eine Ersatzmutter. Zu den erschütterndsten Passagen in ihrem Buch gehören jene, die von Beau Biden handeln, Bidens ältestem Sohn, der im Mai 2015 an einem aggressiven Gehirntumor starb: Sie kam nach der Arbeit ins Krankenhaus und saß an seinem Sterbebett, ihr Mann, der Vizepräsident, kam um elf, um Mitternacht, um ein Uhr. Und naturgemäß durften sie öffentlich nicht von ihrer Trauer sprechen, das wäre im gnadenlosen Washington als Schwäche ausgelegt worden. Und Trauerbegleitung – „grief counseling“ – gab es schon gleich gar nicht. Dabei fraß sich die Trauer wie eine Säure durch die ganze Familie: Sie griff nicht nur den pater familias Joe Biden an, sondern auch die Enkel.Lesen Sie auchMindestens ebenso anrührend sind die Passagen über Hunter Biden. Im Milieu rechtsradikaler Medien und Podcasts wurde er zu einer finsteren Gestalt, die im Zentrum einer Verschwörung stand. Die banale Wahrheit ist wohl eher, dass Hunter Biden nach dem Tod seines älteren Bruders der Droge verfiel und sich dumm, rücksichtslos und eigennützig verhielt wie es Drogensüchtige meist an sich haben. Jill Biden stellte sich oft die Frage vieler Mütter von Abhängigen: „Wo ist er jetzt?“ Zusammen mit seinen Töchtern versuchten sie und Joe Biden zwei Mal, den verlorenen Sohn zusammen mit einem professionellen Berater zur Rede zu stellen. Beim ersten Mal tauchte er nicht auf, beim zweiten Mal ergriff er die Flucht. Nachdem Hunter Biden es mit Hilfe seiner zweiten Ehefrau geschafft hatte, von der Droge loszukommen, wurde er von einem Geschworenengericht verurteilt, weil er sich unter Drogeneinfluss eine Waffe gekauft hatte (ja, es gibt in Amerika Einschränkungen des Rechts auf Waffenbesitz). Jill Biden zeichnet nach, wie sie diesen Prozess erlebte – es ist eindrucksvoll. Eigentlich war sie mit ihrem Mann auf Staatsbesuch in Frankreich, um der Landung in der Normandie zu gedenken. Zwischen netten Gesprächen mit dem Ehepaar Macron flog sie rasch zurück nach Wilmington, Delaware, um mitzuerleben, wie ihr Ziehsohn vor Gericht angeklagt wurde. Über Joe Bidens Entscheidung, seinen Sohn im allerletzten Moment zu begnadigen, schreibt Jill Biden, er habe mit sich gerungen, wollte Hunter Biden dann aber nicht der Rache seines Nachfolgers preisgeben: „Die Ratgeber protestierten, aber Joe bestand darauf, dass seine Familie nicht für sein Leben als Politiker bestraft werden sollte.“Fragwürdige ZeuginEine fragwürdige Zeugin, was die geistige Gesundheit ihres Gatten betrifft, ist Jill Biden allerdings noch aus einem zweiten Grund: Sie macht aus ihrer Verachtung, ja Abscheu vor Donald Trump keinen Hehl. Meistens verweigert sie ihm den Namen; sie nennt ihn in ihrem Buch nur „der Vorgänger“ bzw. „der Nachfolger“. Einem Kapitel merkt man an, dass es zwischen zusammengebissenen Zähnen quasi hervorgeknirscht wurde. Es handelt vom titelgebenden „East Wing“, dem von Trump in Trümmer gelegten Ostflügel des Weißen Hauses. Jill Biden wird die letzte First Lady sein, die dort residierte. Nichts ist von ihm geblieben als ein Bild, das Karen Pence gemalt hat, die Frau von Trumps ehemaligem Vizepräsidenten. Es hängt jetzt im Haus der Bidens in Delaware.Gibt es auch Gründe, Jill Bidens Zeugnis zu trauen? Sogar mehrere. Es existieren Filmaufnahmen, die den Ex-Präsidenten nach jenem blamablen Fernsehduell zeigen; dort wirkt er zwar nicht wie ein junger Mann, aber auch nicht wie ein seniler Trottel. Leute aus Trumps Umfeld haben ausgesagt, wie überrascht sie von Joe Biden bei der Amtsübergabe im Weißen Haus waren: Der abgewählte Präsident sprach zwar leise, aber er wirkte keineswegs geistig verwirrt. Auch für sein Schlurfen, das häufig von einem schmerzverzerrten Gesicht begleitet wurde, nennt Jill Biden eine unschuldige Erklärung: Joe Biden hatte sich den Fuß gebrochen, und der Bruch war schlecht verheilt. Lesen Sie auchDas eigentliche medizinische Geheimnis ist für Jill Biden nicht, warum ihr Mann bei jenem Fernsehduell so kläglich und furchtbar versagte. Es ist ein ganz anderes: Nach dem Ausscheiden aus dem Amt wurde bei Joe Biden Prostatakrebs diagnostiziert, der schon ins Knochengewebe hinein gestreut hatte. Wie ist es möglich, dass niemand das rechtzeitig bemerkt hat, obwohl der amerikanische Präsident doch von einem Rudel von Ärzten geradezu umstellt ist? Er hat sich einer Strahlen- und Hormontherapie unterzogen, und jetzt heißt es, dass seine natürliche Lebenserwartung nicht verkürzt sei. Unterdessen hat Trump sich schon dem dritten oder vierten Demenztest unterzogen, den er für einen Intelligenztest hält, schläft häufig in der Öffentlichkeit ein und hat gelegentlich seltsame blaue Flecken an den Händen. Könnte es sein, fragt man sich bei der Lektüre von „View from the East Wing“, dass Jill Bidens Mann den amtierenden Präsidenten am Ende überlebt?„Breathe“ – das ist eines der häufigsten Wörter, die sie in „View from the East Wing“ verwendet: Ruhig bleiben. Ein- und ausatmen. Nicht die Nerven verlieren. Jill Biden kommt aus einer Generation, in der es noch zum guten Ton gehörte, nie die Fassung zu verlieren: Gerade am Rande des Abgrunds kommt es auf Haltung an. Ihr Buch zeugt von konservativen Tugenden, die man bei der Gegenseite heute schmerzlich vermisst.Jill Biden: View from the East Wing. A Memoir. Gallery Books, New York 2026. 288 S., ca. 22 $.