Jill Biden gibt erstes Interview: «Ich dachte, er habe einen Schlaganfall»Die frühere First Lady gilt als wichtigste Einflüsterin von Joe Biden. Nun spricht sie erstmals über den geistigen Abbau ihres Mannes – und die verhängnisvolle Fernsehdebatte, die den Wahlkampf 2024 auf den Kopf stellte.01.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenJill Biden gilt als unnachgiebige Beschützerin ihres Mannes. Bis heute streitet sie den geistigen Abbau ihres Mannes im Weissen Haus ab.Will Oliver / EPASeit ihrem Ausscheiden aus dem Weissen Haus vor knapp eineinhalb Jahren ist es um die Bidens ruhig geworden. Mit der Krebsdiagnose des früheren Präsidenten konfrontiert, haben sich Joe Biden und seine Frau ins Familienhaus in Wilmington, Delaware, zurückgezogen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch nun bricht die frühere First Lady ihr Schweigen: Jill Biden empfing den Fernsehsender CBS News bei sich zu Hause für ein Interview, das am Sonntag im amerikanischen Frühstücksfernsehen ausgestrahlt wurde. Es bildet den Auftakt einer Werbekampagne rund um ihre Memoiren «View from the East Wing». Das Buch kommt am Dienstag in die amerikanischen Buchläden.«Ja, er wurde langsamer. Er wurde älter»Gekleidet in einen hellblauen Strickpullover, mit Perlenohrringen und Herzchenkette, schildert die ehemalige Lehrerin im Interview ihre Sicht auf das turbulente Wahljahr 2024. Ein grosser Teil des zwanzigminütigen Gesprächs dreht sich dabei um die Frage, in welchem geistigen Zustand Joe Biden 2024 war, als er für eine zweite Amtszeit kandidierte.Jill Biden streitet ab, dass ihr Mann kognitiv abgebaut habe. «Er alterte, aber wir altern alle.» Als die Reporterin nachbohrt und darauf hinweist, dass auch andere Weggefährten einen drastischen geistigen Abbau bei ihm beobachtet hätten, hält die frühere First Lady dagegen: «Er war derselbe – die Essenz desselben Joe Biden –, aber ja, er wurde langsamer. Er wurde älter. Es ist ein sehr intensiver Job. Ich glaube, er lässt einen altern – und zwar schnell. Schau dir die anderen früheren Präsidenten an.»Die Schilderungen widersprechen Jill Bidens Verhalten direkt nach der DebatteErstmals äussert sich die 74-Jährige auch zu der verheerenden Fernsehdebatte im Juni 2024, bei der sich Biden vor einem Millionenpublikum immer wieder in wirren Antworten verheddert hatte. Der Auftritt hatte eine landesweite Debatte um seine Führungsfähigkeit befeuert und die Demokraten in Panik versetzt.Bereits vor der Debatte habe sie gemerkt, dass ihr Mann erschöpft gewesen sei. Doch anders als sonst habe er sich dann nicht zusammenraufen können. «Ich hatte Angst. Denn ich hatte Joe noch nie so gesehen, weder davor noch danach.» Sie wisse auch nicht, was in dem Moment mit ihrem Mann passiert sei. «Als ich zusah, dachte ich: Oh mein Gott, er hat einen Schlaganfall. Und das hat mich zu Tode geängstigt.»Während der Fernsehdebatte mit Trump im Juni 2024 verhedderte sich Joe Biden immer wieder in wirren Antworten.Brian Snyder / ReutersBei zwei weiteren Anlässen noch am gleichen Abend sei er wieder ganz normal gewesen. «Es ist mir unerklärlich.» Die Journalistin hakt nach: Was, wenn dieser geistige Aussetzer in einem Gespräch mit ausländischen Staatsoberhäuptern passiert wäre? «Ich weiss nicht, wie ich das beantworten soll», entgegnet die frühere First Lady.Auf die Frage, warum sie ihrem Mann nicht geraten habe, seine Kandidatur zurückzuziehen, antwortet sie: «Es musste allein seine Entscheidung sein. Er würde damit für den Rest seines Lebens leben müssen.»Die Schilderungen zu dem Abend stehen im Widerspruch zu Jill Bidens Verhalten nach der Debatte. Damals rief sie nicht etwa besorgt nach Ärzten, sondern umarmte ihren Mann und gratulierte ihm zu seinem «grossartigen» Auftritt und dazu, dass er «jede Frage beantwortet» und «alle Fakten gekannt» habe.In einer Reaktion auf das Interview wies auch Präsident Donald Trump auf diese Diskrepanz hin. «Jede gute Frau» wäre ihrem Mann zu Hilfe geeilt, wenn sie tatsächlich geglaubt hätte, dass er gerade einen Schlaganfall habe, schrieb er auf seiner Plattform Truth Social.«Ich wollte, dass er Hunter begnadigt»Die 74-Jährige rechtfertigt im Interview auch den kontroversen Entscheid von Joe Biden, entgegen früheren Beteuerungen seinen Sohn Hunter doch noch zu begnadigen. Diesem drohten jahrelange Haftstrafen wegen Verstössen gegen das Schusswaffengesetz und wegen Steuerbetrug.Hunter Biden wurde 2024 von einem Geschworenengericht für schuldig befunden, gegen das Waffengesetz verstossen zu haben.David Swanson / ReutersDoch nach Trumps Wahlsieg sei klar gewesen, dass die neue Regierung Hunter ins Visier nehmen würde, sagt die frühere First Lady. Sie hätten nicht zulassen können, dass ihr Sohn für etwas ins Gefängnis gehen müsse, wofür noch nie jemand ins Gefängnis gekommen sei. «Ich habe das wirklich unterstützt; ich wollte, dass er Hunter begnadigt.»Doch Biden ging in den letzten Tagen seiner Amtszeit noch einen Schritt weiter: Präventiv begnadigte er auch noch seine gesamte Familie für einen Zeitraum von elf Jahren, und zwar pauschal für jegliche Bundesstrafverfolgung. Auch ranghohe Regierungsangestellte wie Anthony Fauci wurden von ihm präventiv begnadigt.Damit brach Biden mit seinem Ruf als «Hüter der Institutionen» und seinen Beteuerungen, er respektiere die Unabhängigkeit der amerikanischen Justiz. Das wirft einen Schatten auf die gesamte Bewertung seiner Präsidentschaft. Vor allem aber schuf Biden damit einen Präzedenzfall in der amerikanischen Geschichte, den nun auch Trump und künftige Präsidenten ausnutzen könnten. «Wir wussten, dass die Regierung Trump es auf sie abgesehen haben würde», rechtfertigte Jill Biden nun diesen Schritt.Das Interview erscheint zu einem für die Demokraten heiklen ZeitpunktDie frühere First Lady spricht auch über die Krebsdiagnose ihres Mannes und schildert, wie sie «schockiert» war, davon zu erfahren. Bei dem heute 83-Jährigen war im Mai 2025 Prostatakrebs festgestellt worden, der bereits metastasiert hatte. Auf die Frage, ob die Ärzte im Weissen Haus den Krebs früher hätten entdecken müssen, sagt sie heute: «Wir hatten eine grossartige Versorgung im Weissen Haus - aber irgendwie wurde das übersehen.»Für die Demokraten ist das Interview der First Lady, gepaart mit dem am Dienstag erscheinenden Buch, ein Ärgernis. Es lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit auf den blamablen Wahlkampf 2024, der mit der Niederlage der Partei endete – und das just zu einem Zeitpunkt, an dem die Partei nach vorne schauen und bei den Kongresswahlen am 3. November abräumen will.Mehrere Demokraten und strategische Berater der Partei kritisierten das Interview und die nun anstehende Buchtour. «Wir haben viel Schwung auf unserer Seite», sagte Joe Bidens frühere Mitarbeiterin Meghan Hays gegenüber «Politico». «Doch wenn wir wieder in Diskussionen über das Alter und die Wahl 2024 hineingezogen werden, ist das für die Demokraten nie eine gute Ausgangslage.»Passend zum Artikel