«Der Präsident ist ein sehr kranker Mann»: Nicht erst seit Donald Trump wird über jedes Hämatom im Oval Office spekuliertDer mächtigste Mann der Welt kann sich keine Schwäche leisten. So soll Joe Bidens geistiger Abbau viele Jahre verschleiert worden sein. Doch schon früher kam es zu abenteuerlichen Vertuschungen gesundheitlicher Probleme im Weissen Haus.02.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenUm seine Gesundheit stehe es «extrem gut», sagt Trump. Eine Aufnahme seiner Hände vom August 2025 schien einen anderen Eindruck zu vermitteln.Brian Snyder / ReutersGrover Cleveland hatte seine zweite Amtszeit gerade angetreten, als er eines Morgens eine seltsame Stelle im Gaumen entdeckte. Eine Beule, oben links. Die Geschwulst ging nicht weg. Nach einigen Wochen liess sich der 24. Präsident der Vereinigten Staaten von seinem Hausarzt untersuchen. Dieser diagnostizierte einen bösartigen Tumor. Er riet dringend zu einer Operation.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Muss das ausgerechnet jetzt sein», dachte sich Cleveland. In jenem Sommer im Jahr 1893 war das Land in eine schwere Wirtschaftskrise gerutscht, später sprach man von der «Panik von 1893». Cleveland konnte es sich nicht leisten, die Wall Street weiter zu verunsichern. Die Öffentlichkeit, so beschloss er, sollte nichts von seinem Eingriff erfahren. Er gehe Fischen, liess er das amerikanische Volk wissen.Für den angeblichen Angelausflug begab er sich am 30. Juni am Hafen von New York auf die Luxusjacht Oneida, die einem befreundeten Banker gehörte. Zuvor waren die Ärzte, einer nach dem andern, heimlich an verschiedenen Docks auf das Boot geschleust worden.Dort hatte man den Salon komplett leer geräumt und desinfiziert. Einzig ein schwerer, am Mast befestigter Sessel stand in der Mitte des Raums. Auf diesem wurde der stark übergewichtige Präsident festgeschnallt. Dann versetze man ihn unter Narkose. Während die Jacht auf den Wellen des East River schaukelte, schnitten sich fünf Chirurgen durch Clevelands Mund.Er konnte kaum noch sprechenSie zogen ihm fünf Zähne, fast einen Drittel des weichen oberen Gaumens ging dem Patienten verloren, auch ein erheblicher Teil des linken Oberkiefers kam weg. Doch nach genau 90 Minuten war der mirakulöse Eingriff geglückt.Bloss konnte Cleveland danach kaum noch sprechen. Ein Beamter des Finanzministeriums, der ihn in seinem Ferienhaus besuchte, um Statistiken über die Wirtschaft zu liefern, schrieb später in sein Tagebuch, dass es dem Präsident überhaupt nicht gut gegangen sei. «Offensichtlich war sein Mund mit einer Art Verband gefüllt.»Tatsächlich klaffte eine riesige Wunde im Gaumen, die linke Gesichtshälfte drohte in sich zusammenzufallen. Doch einem Zahntechniker gelang es, dem Präsidenten eine massgefertigte Prothese aus vulkanisiertem Hartgummi einzusetzen. Damit war Cleveland wieder hergestellt, im August kehrte er nach Washington zurück, um vor dem Kongress zu sprechen. Reporter beschrieben ihn als «gut gebräunt» und «bei einwandfreier Gesundheit». Ein Journalist allerdings hatte seine Zweifel.Elisha Jay Edwards, der für die «Philadelphia Press» arbeitete, recherchierte. Er machte Clevelands Zahnarzt ausfindig und veröffentlichte Ende August eine Enthüllungsstory: «Der Präsident ist ein sehr kranker Mann», lautete der Titel. Doch niemand glaubte ihm.Die präsidiale UrangstDas Weisse Haus stritt alles ab. In einer Schmutzkampagne wurde Edwards diskreditiert, er verlor seine Stelle. Erst 24 Jahre später brach ein beteiligter Chirurg sein Schweigen und die Öffentlichkeit erfuhr von der Geheimoperation auf der Luxusjacht, die heute als besonders spektakuläres Beispiel dafür steht, wie weit amerikanische Präsidenten gehen, um eine gesundheitliche Krise zu vertuschen.Denn der mächtigste Mann der Welt kann sich keine Schwäche leisten. Oder zumindest glaubt er das. Er fürchtet das Signal, das er aussendet: Wie würde die Wirtschaft reagieren, fragte sich Cleveland. Dazu kommt die Sorge, sich angreifbar zu machen, als gebrechlich dazustehen. Vermutlich ist es die präsidiale Urangst, wegen gesundheitlicher Probleme für amtsunfähig erklärt zu werden.Woodrow Wilson gelang es, 17 Monate lang einen Schlaganfall zu verheimlichen, der ihn einseitig lähmte. Oder der sich so dynamisch gebende John F. Kennedy litt nicht nur an einer lebensgefährlichen chronischen Unterfunktion der Nebennierenrinde, sondern auch an einer schweren degenerativen Wirbelsäulenerkrankung, wegen derer er ein Stützkorsett tragen musste. Man spritzte ihm regelmässig Amphetamine und Steroide.Trumps «extreme Intelligenz»Heute will Donald Trump nichts auf seine mentale und physische Konstitution kommen lassen. Dass er sich jüngst für seinen inzwischen dritten medizinischen Check-up innerhalb von 13 Monaten ins Walter Reed National Military Medical Center begeben hatte, heizte allerdings die Gerüchte um seinen Gesundheitszustand weiter an.Denn nicht erst seit gestern wird in den Medien über Hämatome an den Händen, geschwollene Beine oder eine angebliche Schläfrigkeit des bald 80-Jährigen diskutiert. Vor allem aber wird seine mentale Fitness verhandelt.Seine Ergebnisse seien «extrem gut», gab hingegen der Präsident auf Truth Social an. Bei seinem Besuch in der Klinik will er in einem sehr anspruchsvollen kognitiven Test zum vierten Mal in Folge «die volle Punktzahl, 30 von 30» erreicht haben, was als «extreme Intelligenz» gelte. «Sind die Dummokraten wirklich überrascht?», fragte er hämisch.Auch der Arzt des Präsidenten, Sean Barbabella, beeilte sich, Trumps Werte als «ausgezeichnet» zu loben. Eine KI gestützte Analyse habe das Herzalter des Präsidenten auf 14 Jahre jünger geschätzt, fügte er hinzu.Wie allerdings das «Wall Street Journal» schreibt, würden in dem entsprechenden Memorandum des Weissen Hauses diverse Testergebnisse zu möglichen Herzkreislauf-Erkrankungen fehlen. Und was hingegen drinstehe, so zitierte die Zeitung einen unabhängigen Chirurgen aus Texas, sei für Trumps Alter «eigentlich zu gut, um wahr zu sein».Auch über die geschwollene Beine des Präsidenten wird gerne diskutiert. Eine Aufnahme vom Juli 2025.Alex Brandon / APDas Schweigekartell um Joe BidenRückblickend könnte man das allerdings auch über die Befunde von Joe Biden sagen. Schliesslich attestierten die Ärzte dem damaligen Präsidenten eine tadellose Gesundheit, bevor er seine Kandidatur zur Wiederwahl wegen offensichtlicher geistiger Defizite zurückziehen musste. Damit nicht genug, wurde ihm kurz darauf ein fortgeschrittener Prostatakrebs diagnostiziert, der offenbar bei früheren Check-ups nicht erkannt wurde. Oder man wollte es nicht so genau wissen.Wie aktiv Bidens gesundheitliche Probleme verschleiert worden sind, ist die Frage. Laut einem Enthüllungsbuch des CNN-Moderators Jake Tapper und dem Axios-Journalisten Alex Thompson begann Bidens geistige Erschöpfung schon 2015, nachdem sein Sohn an einem Hirntumor verstorben war.Einmal im Amt habe sich dann über die Jahre ein Schweigekartell um ihn gebildet: Eine kleine Gruppe von Beratern und seine Frau Jill Biden soll ein sogenanntes «Politbüro» geführt haben, das dem geschwächten Präsidenten viel Arbeit abnahm. Der Zugang zu ihm wurde offenbar auch eingeschränkt.Dennoch dürfte vielen Leuten im Weissen Haus der körperliche Abbau des Präsidenten nicht verborgen geblieben sein. «Doch sie alle schwiegen, in einer rückblickend faszinierenden Geschlossenheit», so schreibt die Washington-Korrespondentin der «Zeit», die selber mit sich rang: Bidens Gang habe gewirkt, «als würde er jeden Moment stolpern, sein Tagesablauf bestand nur aus einigen wenigen Terminen mit grosszügigen Pausen», erinnert sie sich. «Aber wie darüber seriös berichten?»Ist der Präsident «gemeingefährlich»?Bei Trump haben die Medien nun jede Zurückhaltung abgelegt. «Darf man Donald Trump für krank erklären?», fragte etwa die «Süddeutsche Zeitung» neulich und rief beim Psychologen John Gartner von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore an. Dieser war zwar «gerade in seinem Garten», wie die Zeitung berichtet, «aber er will jetzt trotzdem reden, ihm ist das Thema zu wichtig». Der gegenwärtige Präsident sei «gemeingefährlich», sagt er.Während sich andere Ärzte eine Ferndiagnose versagen, hält es Gartner im Gegenteil für «unethisch» zu schweigen. Die Bedrohung, die von Trump ausgehe, sei zu gross. Er beschränkt sich nicht auf das narzisstische Naturell des Präsidenten, das kaum von der Hand zu weisen ist: Immerhin will sich dieser vom Kennedy Center über den Reisepass bis zum Dollar-Schein überall verewigen.Vielmehr unterstellt Gartner Trump eine toxische Mischung aus extremem Narzissmus, antisozialem Verhalten, Aggressivität, Sadismus und Paranoia. Kurzum handle es sich um jene Störung, mit der der Psychoanalytiker Erich Fromm die Psychologie von Adolf Hitler definierte.«Der Präsident ist ein sehr kranker Mann», schrieb seinerzeit Elisha Jay Edwards über Grover Cleveland, doch niemand glaubte ihm. Im Fall von Donald Trump fehlt nicht der Glaube. Seinen Gegnern gilt es als ausgemacht, dass der Präsident schwer gestört sei.Allerdings dürfte dabei auch Wunschdenken mitschwingen. So wie man sich wünschte, dass Biden fit für den Job sei, wünscht man sich nun eine Herzschwäche herbei, die dem Schrecken der Trump-Präsidentschaft ein Ende bereiten würde. Oder man hofft eine Amtsenthebung wegen geistiger Umnachtung.Wie gesund es ist, sich solche Gedanken zu machen, steht auf einem andern Blatt.Passend zum Artikel