Fast zwei Drittel der Bevölkerung von Annemasse arbeiten in der Schweiz. Nun fürchtet die französische Grenzstadt, dass die Zahl der Grenzgänger bei einer Annahme der 10-Millionen-Initiative der SVP noch weiter zunehmen könnte.Eva Hirschi (Text), Annemasse, Jordi Ruiz Cirera (Bilder), Annemasse03.06.2026, 05.30 Uhr9 LeseminutenWie fast jeden Abend steht Antoine auf seinem Nachhauseweg im Stau. «Dienstage und Donnerstage sind am schlimmsten», sagt der 45-Jährige, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will. Er arbeitet bei einem Schweizer Informatikunternehmen in Genf, ist aber Franzose und wohnt im französischen Dorf Cranves-Sales, etwas oberhalb der Stadt Annemasse. Für seinen 42 Kilometer langen Arbeitsweg nimmt er das Auto. «Ohne Verkehr hätte ich für diese Strecke ungefähr eine halbe Stunde. Jetzt, im Feierabendstau, ist es mehr als das Doppelte.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Rund 413 000 Personen überqueren täglich die Grenze, um in der Schweiz zu arbeiten, so die neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik. 41 Prozent allein in der Genferseeregion: Hier sind es 170 000 Grenzgänger. Und es könnten bald noch mehr sein: Mehrere Experten gehen davon aus, dass bei einer Annahme der 10-Millionen-Initiative der SVP die Arbeitgeber stärker auf Grenzgänger setzen werden. Aussenminister Ignazio Cassis rechnet sogar mit einer Verdoppelung der Anzahl Grenzgänger , wie er in einem Interview mit Tamedia sagte. Zwar will die Initiative die ständige Wohnbevölkerung limitieren. «Doch der Fachkräftemangel wird bleiben und somit auch die Nachfrage nach Arbeitskräften», sagt René Schwok, Honorarprofessor am Global Studies Institute der Universität Genf.Die mögliche Zunahme der Grenzgänger betreffe nicht nur Kantone wie Genf, Basel oder das Tessin, sondern auch Städte wie Bern und Zürich. «Die ausländischen Arbeitskräfte nehmen einen immer längeren Arbeitsweg in Kauf», so Schwok. Weil die SVP auch den Familiennachzug begrenzen möchte, könnte gar eine umgekehrte Bewegung stattfinden: «Um mit der Familie zusammenleben zu können, würden Arbeitskräfte womöglich in die Nachbarländer ziehen, ohne ihre Arbeit aufzugeben.» Was Schwok befürchtet: Nicht weniger Stau und überfüllte Züge, wie es die SVP fordert, sondern das Gegenteil dürfte eintreten.Die Bedingungen auf der anderen Seite der Grenze sind attraktiv: schweizerisch-französische Grenze bei Thônex-Vallard.170 000 Personen überqueren allein in der Genferseeregion täglich die Grenze, um in der Schweiz zu arbeiten: schweizerisch-französische Grenze bei Thônex-Vallard.Dabei haben Frankreich und die Schweiz bereits versucht, den Stau auf den Strassen zu mindern. 2019 wurde der grenzüberschreitende Bahn- und Tramverkehr ausgebaut. Das bekannteste Beispiel ist die S-Bahn Léman Express, die die Stadt Genf mit den umliegenden französischen Ortschaften verbindet. Doch die Kapazitätsgrenzen sind längst erreicht. Nach nur vier Jahren benutzen 80 000 Personen täglich den Léman Express – statt 50 000 wie ursprünglich geplant.An diesem Donnerstagabend um 17 Uhr quetscht sich Julie in den Léman Express. Auch sie will ihren vollen Namen nicht in der Zeitung sehen. Die Tür schliesst sich wenige Zentimeter vor ihrer Nase. Man wähnt sich eher in einer Metro in Tokio, so eng sind die Passagiere zusammengepfercht. Einen Sitzplatz ergattert Julie zu Stosszeiten fast nie. «So geht das jeden Tag», sagt die 37-jährige Frau, die für eine internationale Organisation in Genf arbeitet. Von ihrem Wohnort in Frankreich sei sie mit dem Auto wegen des vielen Verkehrs allerdings auch nicht schneller am Arbeitsplatz.Der Traum vom EigenheimJulie und Antoine erdulden diese Strapazen, denn in die Schweiz zu ziehen, war für beide keine Option. «Der Wohnungsmarkt in Genf ist überlastet, es ist extrem schwierig, eine bezahlbare Wohnung zu finden», sagt Julie. «In Annemasse hingegen kann ich Hauseigentümerin sein, davon hätte ich in der Schweiz nur träumen können.» Der Immobilienmarkt in der Grenzregion boomt. Beim Aussteigen in Annemasse preist noch im Bahnhof ein Werbebildschirm schicke Häuser und Wohnungen zum Kauf an, und auf dem Weg ins Stadtzentrum stösst man an gefühlt jeder dritten Strassenecke auf eine Immobilienagentur.Grenzgängerinnen und Grenzgänger nennen denn auch den Immobilienkauf als einen der häufigsten Gründe für das transnationale Pendeln. Doch auch sonst sind die Bedingungen auf der anderen Seite der Grenze attraktiv: Der Lohn ist meist doppelt, wenn nicht gar dreimal so hoch, zudem wird er in starken Schweizerfranken ausbezahlt, was die Kaufkraft zu Hause verstärkt. Gleichzeitig sind in Frankreich die Lebenshaltungskosten in Euro weit tiefer. Wegen der langanhaltenden Wohnungskrise in Genf ziehen längst auch Schweizerinnen und Schweizer ins benachbarte Frankreich, behalten aber ihre Arbeit im Heimatland.«Allein in unserer Stadt Annemasse arbeiten 63 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz – das ist enorm», sagt Gabriel Doublet. Der im März neu gewählte Bürgermeister der Mitte-rechts-Partei Horizons empfängt an diesem warmen Sommernachmittag im Rathaus der französischen Grenzstadt mit knapp 38 000 Einwohnern. Vor dem Fenster wehen eine grosse Frankreich- und eine grosse EU-Fahne. Der davorliegende Platz ist menschenleer. «Wir haben Angst, zu einer Schlafstadt zu werden, würde die 10-Millionen-Initiative angenommen», so Doublet.Dabei profitiert die gesamte französische Grenzregion von den Grenzgängern. Sie bringen viel Geld: Im Jahr 2025 waren es fast 400 Millionen – ein neuer Rekord. Und dies, obwohl anders als in den anderen Kantonen die Grenzgänger im Kanton Genf nicht am Wohnort, sondern in der Schweiz Steuern zahlen, in Form einer Quellensteuer. Der Kanton zahlt aber pauschal 3,5 Prozent der Bruttolohnsumme an die französischen Nachbargemeinden zurück.«Wir haben Angst, zu einer Schlafstadt zu werden»: Gabriel Doublet, Bürgermeister von Annemasse.Nach nur vier Jahren benutzen 80 000 Personen täglich den Léman Express – statt 50 000 wie ursprünglich geplant.Französische Infrastruktur unter DruckDiese finanziellen Ressourcen tragen massgeblich zum Reichtum der Region bei. Doch, moniert der Bürgermeister von Annemasse, dieses Geld müsse gleich wieder investiert werden: «Es braucht Busse, die die Menschen an den Bahnhof von Annemasse bringen, es braucht Wohnungen für die Zugezogenen, es braucht Bildungsstätten für die Jungen.» Annemasse habe 2024 gerade einmal knapp 14 Millionen Franken aus dem sogenannten Genfer Finanzausgleich erhalten. «Das reicht nirgends hin», sagt Doublet.In Zukunft wird es insbesondere noch mehr Schulen brauchen: Die Genfer Kantonsregierung hat 2025 beschlossen, dass Schülerinnen und Schüler von Grenzgängern dort zur Schule gehen müssen, wo sie wohnen. «Das war ein harter Schlag für die Grenzgänger. Zumal es in 86 Prozent der Fälle Schweizer Familien betrifft. Sie empfanden das als extrem hart – als würden sie aus ihrer Heimat rausgeworfen.»Doch nicht nur das fehlende Geld für den Ausbau der Infrastruktur und des Service public stört Doublet. «Die Grenzgänger fehlen hier als Arbeitskräfte.» Gerade im Bereich der Sicherheit oder im Gesundheitswesen tut sich die Stadt mit der Rekrutierung schwer. Besonders frustrierend sei, dass Annemasse zwar über eine Pflegefachschule verfüge. «Wir investieren kolossale Summen, um die Menschen auszubilden – doch sobald sie ihr Diplom haben, arbeiten die meisten dann in Genf statt hier», so Doublet. Ein Blick ins Universitätsspital Genf (HUG) bestätigt dieses Bild: Jede zweite angestellte Pflegefachperson hat ihre Ausbildung in Frankreich absolviert.Es braucht kreative Lösungen, um in Annemasse Personal zu rekrutieren. In einem zentralistisch geführten Land wie Frankreich ist das gar nicht so einfach. An den Löhnen für Staatsangestellte kann auch der Bürgermeister nicht rütteln. «Wir versuchen es auf anderen Wegen, indem wir etwa eine attraktive Kinderbetreuung anbieten, eine Dienstwohnung oder für gewisse Stellen sogar eine Viertagewoche.» Auch sei die Kooperation mit den Kantonen Genf und Waadt sowie dem Bund wichtig. Den Léman Express zum Beispiel haben grösstenteils der Bund und der Kanton Genf finanziert.Dennoch findet der Bürgermeister, die Schweiz profitiere enorm von Frankreich: «Schauen Sie sich schon nur den grünen Gürtel rund um Genf an – der Kanton hat die Wohnungskrise einfach ins benachbarte Frankreich abgeschoben. Hier kam man mit dem Bauen gar nicht mehr nach und hat vor fünfzehn Jahren vieles zubetoniert. Jetzt aber reklamiert die Bevölkerung: Sie will auch Pärke und Grünflächen – zu Recht.»Lange Tradition der GrenzgängerDie Lebensqualität in Annemasse leidet – trotz dem Geld aus der Schweiz. Das sieht auch die 86-jährige Rolande Laine so, die im Schatten auf einer Bank sitzt, gegenüber dem leeren Schaufenster eines ehemaligen Geschäfts. An den Grenzgängern störe sie sich nicht, sagt sie – sie war selbst lange eine. Während achtzehn Jahren hat sie in Genf gearbeitet, zuerst in der Uhrenindustrie, später für Apotheken. «Ganz einfach aus dem Grund, weil es hier keine Arbeit mehr gab», sagt sie. Uhrenateliers und Firmen gingen reihenweise zu, in der Schweiz hingegen fand sie Arbeit.Damals war der Léman Express noch kein Thema, sie fuhr mit dem Auto zur Arbeit. Dass es jetzt diese schnellen Zugverbindungen gibt, findet sie zwar gut. Doch der Stadtbus, der früher bis zu ihr nach Hause fuhr, hat die Route geändert. «Ich muss die Einkäufe selbst den Hang hochtragen, das ist sehr mühsam», sagt sie und zeigt auf ihr Knie: «Ich habe Probleme mit dem Gehen.» Sie habe den Eindruck, die Stadt richte sich nur noch an den Grenzgängern aus und nicht mehr an den Personen, die noch hier lebten. «Uns vergisst man.»Wer in Annemasse arbeitet, hat immer mehr Mühe, am Ende des Monats die Rechnungen zu bezahlen.Die zweithöchsten Quadratmeterpreise in Frankreich: Schaufenster einer Immobilienagentur in Annemasse.In Annemasse hat sich eine Zweiklassengesellschaft gebildet. Auf der einen Seite die gut verdienenden Grenzgänger, auf der anderen Seite die vor Ort arbeitende Bevölkerung, die immer mehr Mühe hat, am Ende des Monats die Rechnungen zu bezahlen. Insbesondere die Immobilienpreise schiessen durch die Decke. «Wir haben die zweithöchsten Quadratmeterpreise in Frankreich – zwischen Paris und Saint-Tropez», sagt der Bürgermeister. Die hohen Mieten widerspiegeln sich in den Preisen für die Konsumenten: Restaurants sind im Vergleich zum französischen Umland klar teurer.Von der Extravaganz des angesagten Badeorts an der Côte d’Azur ist in Annemasse nichts zu spüren. Rund um den Bahnhof sind anonyme Wohnblöcke in die Höhe geschossen, das Stadtzentrum ist mit grossflächigen Baustellen übersät, es gibt nur wenig Grün. An diesem Freitagnachmittag reihen sich zahlreiche Kleiderständer in den Strassen unweit des Rathauses aneinander, die Markthändler preisen ihre Ware an, mitunter auch auf Arabisch. Einige Frauen mit Kopftüchern schieben die aufgehängten Kleiderbügel zur Seite auf der Suche nach einem Kleid – 10 Euro kosten sie, egal welches Modell oder welche Farbe.Ahmed Akroh ist gerade dabei, seine Stände zusammen mit seinem 19-jährigen Sohn Adam abzuräumen. Auf die Grenzgänger angesprochen, strahlt er: «Mehr Leute bedeuten mehr Kundschaft, das ist immer gut», sagt er. Selbst Schweizerinnen und Schweizer kauften bei ihm Kleidung, erklärt er stolz. Doch dann verdunkelt sich seine Miene, seine Stimme wird ernst: «Was ich Ihnen jetzt sage, sage ich nicht als Verkäufer, sondern als normale Person: Auch ich fahre in die Schweiz, um mir ein Zubrot zu verdienen.» Am Wochenende arbeite er am Flughafen Genf – ein Knochenjob. Doch dieser sei nötig, um die steigenden Mieten zu bezahlen.In seinem Quartier wohnen auch Grenzgänger. «Unter ihnen hat es Kaderleute von Genfer Privatbanken, die verdienen locker bis zu 15 000 Franken pro Monat.» Er habe es gut mit seinen Nachbarn, doch er spüre, dass die Ungleichheit der Stadt nicht guttue. Das Gefälle ist gross: Annemasse liegt bei der sozialen Ungleichheit in Frankreich an vierter Stelle. Die Armutsquote lag 2023 bei 24 Prozent – das ist mehr als doppelt so hoch wie im Rest des Département Haute-Savoie und auch höher als der Landesdurchschnitt (knapp 16 Prozent).Ein Job in Annemasse, ein Job in Genf: Ahmed Akroh mit seinem Sohn Adam.Strassenmarkt im Zentrum von Annemasse.Ausgehen in GenfDie junge Generation scheint sich an den Grenzgängern jedoch nicht zu stören. «Für unser Leben hier ändert das nichts, die meisten sind doch Grenzgänger», sagt Illyas. Er sitzt mit seinem Kollegen Sami auf einer Bank im Stadtzentrum, seine Kolleginnen Mélissa und Lisa stehen daneben. Sie sind gerade aus dem Gymnasium gekommen, jetzt steht das Wochenende an. Die jungen Frauen sind stark geschminkt. «Wir gehen nachher nach Genf – wie eigentlich immer für den Ausgang», sagen sie. Klar gäbe es auch Ausgehmöglichkeiten in Annemasse, «aber Genf ist schöner und cooler, und es gibt den See». Dort hängen die Jugendlichen gerne herum, insbesondere an lauen Sommertagen wie heute.Bald steht für die Jugendlichen die Berufswahl an. Illyas weiss noch nicht, welchen Beruf er wählen wird. Mélissa will in einer Immobilienagentur arbeiten, Lisa will Psychologin werden. Sami sagt: «Hauptsache, ich werde reich», und lacht. Wo die vier denn einmal arbeiten möchten? Die Antwort kommt unisono: «In der Schweiz.»Die Lebensqualität leidet – trotz dem Geld aus der Schweiz: Bahnhof von Annemasse.«NZZ Live»-Veranstaltung: Die Abstimmung zur 10-Millionen-Schweiz – was steht auf dem Spiel?In einer Live-Diskussion beleuchten NZZ-Experten die Kernpunkte der Abstimmung und ordnen mögliche Auswirkungen auf die Zukunft der Schweiz ein.Montag, 8. Juni 2026, 19.30 Uhr, Bernhard-Theater, ZürichTickets und weitere Informationen finden Sie hier
Grenzgänger zwischen Genf und Annemasse: Profit für die Schweiz, Druck für Frankreich
Fast zwei Drittel der Bevölkerung von Annemasse arbeiten in der Schweiz. Nun fürchtet die französische Grenzstadt, dass die Zahl der Grenzgänger bei einer Annahme der 10-Millionen-Initiative der SVP noch weiter zunehmen könnte.











