Moskaus Imperium bröckelt im Süden: Armenien wählt zwischen Russland und EuropaArmenien strebt in die EU, doch Russland will es in seinem Machtbereich halten. Nun hat die Bevölkerung des Kaukasus-Landes die Wahl – nicht nur über seine künftige Regierung, sondern auch über seinen Kurs zwischen den Blöcken.03.06.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenArmeniens Hauptstadt Erewan mit dem Berg Ararat im Hintergrund. Jahrzehntelang war Armenien Russlands wichtigster Partner im Südkaukasus, aber nun will das Land die Abhängigkeit verringern.Karen Minasyan / AFPFür einen Staatsführer, der zwei Kriege verloren hat und nun auch noch das Risiko einer russischen Wirtschaftsblockade eingeht, tritt Nikol Paschinjan bemerkenswert selbstsicher auf. Armeniens Ministerpräsident steht auf der Ladefläche eines Pick-ups, leicht nach vorne gebückt, als wolle er jede und jeden Einzelnen auf diesem Platz in einem Erewaner Aussenquartier mit den Augen fixieren und in seinen Bann ziehen. Wie aus einem Maschinengewehr rattert er seine Wahlkampfslogans über Frieden, Brot für die Armen und bessere Schulen herunter. Wenn er über seine Gegner herzieht, durchbohrt er mit dem Zeigefinger die Luft wie mit einem Dolch.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Armenien ist ein kurioser Sonderfall. Ringsum befinden sich lauter unfreie Staaten – Iran im Süden, die Petrodiktatur Aserbaidschan im Osten, die autoritäre Türkei im Westen und das moskauhörige Georgien im Norden. In einem Radius von tausend Kilometern findet sich kein einziges Land, wo die Bevölkerung einigermassen demokratisch über ihre Zukunft bestimmen könnte. Aber genau dies geschieht in Armenien.Am kommenden Sonntag entscheiden die 2,5 Millionen armenischen Wahlberechtigten nicht nur über die künftigen Machtverhältnisse in ihrem Land, sondern auch über dessen internationale Ausrichtung. Auf dem Spiel steht zum einen, ob Paschinjan seine umstrittene Friedenspolitik gegenüber dem Erzfeind Aserbaidschan weiterführen kann. Zum anderen ist die Wahl ein Referendum darüber, ob Armenien aus dem Machtbereich Russlands ausbrechen oder sich wieder stärker an Moskau anlehnen soll.Der armenische Ministerpräsident Nikol Paschinjan besucht ein Aussenviertel von Erewan. Die Ziffer 16 verweist auf die Nummer seiner Wahlliste, und die zum Herz geformten Hände sind das Markenzeichen seiner Kampagne.Alexander Patrin / ImagoEinmischung der GrossmächteNeunzehn Gruppierungen treten an, von denen wohl drei bis fünf den Sprung ins Parlament schaffen und über die nächste Regierung entscheiden werden. Gekämpft wird verbissen und längst nicht nur mit fairen Mitteln – das gilt auch für die auswärtigen Akteure, die sich unverblümt einmischen.«Es ist die erste ‹geopolitisierte› Wahl in der Geschichte Armeniens», sagt Tigran Grigorjan vom Regional Center for Democracy and Security, einem regierungsunabhängigen Erewaner Think-Tank. Grigorjan meint damit, dass ein scharfer Gegensatz zwischen prowestlichen und prorussischen Parteien besteht, aber auch die äusseren Mächte klare Präferenzen für die eine oder andere Partei zeigen.Der amerikanische Präsident Donald Trump gab vergangene Woche eine enthusiastische Wahlempfehlung für Paschinjans Partei ab und dichtete sogar sein Kürzel Maga um – in «Make Armenia great again». Trump ist vor allem daran interessiert, das nach ihm benannte Projekt einer Verkehrsverbindung zwischen Aserbaidschan und dessen Exklave Nachitschewan über armenisches Gebiet zu verwirklichen. Es wäre ein bedeutender Schritt, um den jahrzehntelangen Konflikt zwischen den beiden Nachbarländern zu beenden.Unter Vermittlung von Donald Trump hat Paschinjan 2025 mit dem aserbaidschanischen Staatschef Ilham Alijew (links) Grundzüge einer Friedenslösung vereinbart. Noch ist der Konflikt aber nicht beigelegt.Kevin Lamarque / ReutersÜberhaupt erhält Armenien in Washington so viel Aufmerksamkeit wie seit Jahren nicht mehr. Kaum zufällig tauchte Aussenminister Marco Rubio kurz vor der Wahl in Erewan auf, um eine strategische Partnerschaft mit der früheren Sowjetrepublik zu besiegeln. Im Februar war bereits Vizepräsident J. D. Vance angereist – der höchstrangige Besucher aus den USA in der armenischen Geschichte.Wenig subtil macht auch die Europäische Union ihre Vorliebe klar. Indem sie das diesjährige Gipfeltreffen der Europäischen Politischen Gemeinschaft in Erewan abhielt, nur einen Monat vor den armenischen Wahlen, stellte sie Paschinjan ins Rampenlicht. Zugleich machte die EU den Armeniern Hoffnung auf visafreie Einreisen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron lobte überschwänglich Armeniens Versuch, sich aus der Moskauer Umklammerung zu lösen. Die Entscheidung der Regierung in Erewan für Frieden, Unabhängigkeit von Russland und für Europa sei «die einzig vernünftige», erklärte er.Frankreich geniesst in Armenien traditionell hohes Ansehen. Es hat deshalb Gewicht, dass Präsident Emmanuel Macron sich bei einem Staatsbesuch in Erewan deutlich für Paschinjan und dessen Westkurs ausgesprochen hat.Vahram Baghdasaryan / Photolure via ReutersPutin droht mit dem Beispiel UkraineDie offene Parteinahme des Westens für Paschinjan erzürnt Russland, das mit Armenien formal noch immer in einer Militärallianz verbunden ist und einen grossen Truppenstützpunkt im Norden des Landes unterhält. Aber die Empörung ist scheinheilig, da sich der Kreml noch viel grobschlächtiger einmischt.Präsident Wladimir Putin und seine Propagandisten ermahnen Armenien laufend, das Schicksal der Ukraine vor Augen zu halten. «Womit hat dort alles begonnen? Mit dem Versuch der Ukraine, der EU beizutreten», sagte Putin kürzlich. Zugleich rechnete er vor, welche immensen Einbussen Armeniens Wirtschaft ohne den Handel mit Russland erleiden würde.Letztmals war Paschinjan am 1. April im Kreml. Sein Gastgeber Wladimir Putin (rechts) ärgerte ihn mit politischen Belehrungen.Pavel Bednyakov / APAbhängig ist Armenien vor allem im Energiesektor; es bezieht mehr als 80 Prozent seines Erdgases aus Russland. Moskau werde aus dem geltenden Gasvertrag aussteigen, falls Erewan seine Annäherung an die EU fortsetze, heisst es ultimativ in einem Brief, den die russische Regierung kurz vor den Wahlen publik machte. Russische Gesundheitsinspektoren entdeckten zudem plötzlich bedenkliche Schadstoffe, die als Begründung dienten, die Einfuhr von armenischem Cognac, Mineralwasser und sogar von Schnittblumen zu stoppen.Ob Russland mit solchen Einschüchterungen das Wahlresultat wesentlich beeinflussen kann, ist zweifelhaft. Dasselbe gilt für die Desinformationskampagne, die mutmasslich russische Akteure gegen die Regierung Paschinjan lanciert haben. Exilrussische Medien zitieren aus geheimen Papieren, wonach Politstrategen im Umfeld des Putin-Regimes schon vor Monaten Pläne für Einflussoperationen ausgeheckt haben. Diese Berichte sind schwer überprüfbar, aber zweifellos hat die Internet-Schmutzkampagne gegen Paschinjan irgendeinen Auftraggeber.Der armenische Ministerpräsident ist dem Kreml ein Dorn im Auge, seit er in der «samtenen Revolution» von 2018 an die Macht kam. Nun kursieren gefälschte Videos darüber, dass Paschinjan mit Frankreich einen Krieg gegen Russland plane, heimlich Nato-Instruktoren ins Land geholt habe, eine Luxusvilla in Südfrankreich besitze und an einer HIV-Infektion leide. 343 solche Videos aus dem russischen Fake-News-Netzwerk «Matrjoschka» sind laut der Plattform «Wot Tak» im Umlauf.Hinzu komme eine präzedenzlose Welle von Cyberangriffen, erläutert Artur Popjan, der Gründer von Cyberhub-AM, einer Beratungsstelle für digitale Sicherheit in Erewan. «Schon im Januar beobachteten wir eine massive Hackerattacke auf Tausende von armenischen Whatsapp-Konten», sagt er. Mit falschen Profilen hätten die Angreifer sodann versucht, an Informationen von Regierungsstellen und Journalisten zu kommen. Auch wenn sich die Herkunft nicht genau klären lässt, gibt es laut Popjan Hinweise auf eine russische Urheberschaft.Moskaus Schatten über der OppositionAnders als früher geniesst Russland in der armenischen Bevölkerung nur noch geringe Sympathien. Seit Moskau die Armenier in den Karabach-Kriegen von 2020 und 2023 im Stich gelassen hat, betrachtet in Umfragen nur noch ein Drittel der Befragten Russland als wichtigsten politischen Partner, weniger als halb so viele wie davor.Nach dem verlustreichen Krieg von 2020 werden auf dem Militärfriedhof von Erewan viele neue Gräber ausgehoben. Dass der Bündnispartner Russland damals keine Militärhilfe im Kampf gegen Aserbaidschan leistete, verbittert viele Armenier bis heute.Areg Balayan / APDas erschwert dem Kreml die Aufgabe im Wahlkampf. Die drei wichtigsten oppositionellen Gruppierungen Armeniens, die alle mit Moskau vielschichtig verflochten sind, spielen entsprechend ihre prorussische Haltung herunter.Dieses Trio besteht aus der Partei «Starkes Armenien», der Wahlallianz des früheren Präsidenten Robert Kotscharjan und der Liste von Gagik Zarukjan, einem schillernden früheren Spitzensportler und Unternehmer, der mit dem Bau der weltgrössten Jesus-Statue Schlagzeilen macht.«Wir nennen sie den dreiköpfigen Drachen des Krieges», spöttelt der Erewaner Bürgermeister Tigran Awinjan, ein Paschinjan-Gefolgsmann, bei einem Gespräch am Rande einer Wahlkampfveranstaltung. Der polemische Übername bezieht sich darauf, dass alle drei Gruppierungen Änderungen am amerikanischen Friedensplan für die Region vornehmen wollen – und damit neue Spannungen mit Aserbaidschan heraufbeschwören könnten. Kriegslüstern tritt zwar auch die Opposition nicht auf. Aber ihre Forderung, neben den USA auch Russland, Iran oder weitere Länder als Garantiemächte an Bord zu bringen, wirkt realitätsfremd und wie ein Rezept, den Friedensprozess zu verzögern.Was die Verbindungen nach Moskau betrifft, so ist vor allem die Partei «Starkes Armenien» interessant. Sie liegt laut Umfragen an zweiter Stelle hinter Paschinjans Regierungspartei «Bürgervertrag», obwohl ihre Gründung erst ein halbes Jahr zurückliegt. Sie ist das Geschöpf des russisch-armenischen Milliardärs Samwel Karapetjan, der im Bau- und Immobilienwesen sowie im Energiesektor tätig ist, sich aber auch einen Namen als Philanthrop gemacht hat. Weil er neben der armenischen die russische Staatsbürgerschaft besitzt, darf er selber nicht zur Wahl antreten. Stattdessen hat er als Spitzenkandidaten einen Neffen ins Rennen geschickt.Parteiführer im HausarrestOhnehin steht Karapetjan unter Hausarrest, da gegen ihn ein offensichtlich politisch motiviertes Verfahren wegen «Aufrufs zum Umsturz» läuft. Hintergrund ist ein Konflikt zwischen der Regierung und der Armenischen Apostolischen Kirche, in dem sich der Geschäftsmann auf die Seite der Kirchenführung stellte. Auch diese pflegt enge Beziehungen mit Moskau und lässt prorussische Neigungen erkennen.Der Chef der Partei «Starkes Armenien», Samwel Karapetjan, ist an Wahlkampfveranstaltungen nur auf Plakaten oder per Video präsent, weil er unter Hausarrest steht.Alexander Patrin / Tass / ImagoDas Etikett «russlandfreundlich» weist «Starkes Armenien» zurück. «Wir verfolgen nur armenische Interessen, keine ausländischen», sagt einer der Kandidaten, Artur Danieljan, bei einem Gespräch im Hauptquartier der Partei, das am Sitz von Karapetjans Konzern untergebracht ist. Zweifel an diesem Dementi sind jedoch angebracht, schon deshalb, weil sich Putin öffentlich für eine Kandidatur Karapetjans starkgemacht hat. Der Milliardär ist wegen seiner Geschäfte in Russland, unter anderem als Auftragnehmer des Staatskonzerns Gazprom, abhängig von der Gunst des Kremls. Zudem tauchten kürzlich Dokumente auf, wonach er einst als Informant des russischen Geheimdiensts registriert wurde.Berechtigt ist hingegen die Kritik der Opposition an den unfairen Mitteln, welche die Regierung in ihrer Kampagne einsetzt. Das Strafverfahren gegen Karapetjan ist nur ein Beispiel dafür. Armenische Bürgerrechtsgruppen haben zahlreiche Fälle zusammengetragen, in denen das Regierungslager die Exekutivmacht zum eigenen Vorteil einsetzt. Beispielsweise werden manche Staatsangestellte dazu gedrängt, an Pro-Paschinjan-Veranstaltungen teilzunehmen. Der Justizapparat spielt den Medien unvorteilhafte Informationen über die Opposition zu, und das Staatsfernsehen berichtet unausgewogen über das Kandidatenfeld.Trotzdem stehen diese Manipulationen in keinem Verhältnis zu den kruden Wahlfälschungen, die in Armenien noch im vergangenen Jahrzehnt üblich waren und in der Region weiter grassieren. Paschinjans Favoritenrolle beruht auf echtem Rückhalt in der Bevölkerung und greifbaren Fortschritten während seiner Regierungszeit.In Gesprächen im Land wird dies ebenso deutlich wie die Tatsache, dass es selbst für viele einfache Bürgerinnen und Bürger bei den Wahlen stärker um Fragen der nationalen Sicherheit geht als um wirtschaftliche Nöte. Der Erewaner Bauarbeiter Suren Harutjunjan beispielsweise drückt dies so aus: «Das Leben hat sich gebessert, es gibt nun gute Verdienstmöglichkeiten.» Ja, der Verlust des Gebiets Nagorni Karabach im Krieg mit Aserbaidschan sei schmerzhaft, aber man müsse sich damit abfinden und den Frieden sichern. Auch zum Balanceakt zwischen dem Westen und Russland hat der Paschinjan-Anhänger eine klare Meinung: «Der Westen ist die bessere Wahl – Russland wird uns ohnehin nie als vollwertigen Partner behandeln.»2023 wurde bei der Eroberung des armenisch besiedelten Gebiets Nagorni Karabach die gesamte Bevölkerung vertrieben. Die Opposition lastet Ministerpräsident Paschinjan diese Katastrophe an, aber im Wahlkampf spielt das Thema nur eine untergeordnete Rolle.Anatoly Maltsev / EPAPassend zum Artikel
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Armenien strebt in die EU, doch Russland will es in seinem Machtbereich halten. Nun hat die Bevölkerung des Kaukasus-Landes die Wahl – nicht nur über seine künftige Regierung, sondern auch über seinen Kurs zwischen den Blöcken.











