GastkommentarCorinne FischerDer Bundesrat will den Schweizer Weinmarkt abschottenWeinhändler sollen künftig ausländische Weine nicht mehr frei beschaffen können. Der Wettbewerb würde massiv beeinträchtigt statt gestärkt. Dabei liegt eine konstruktive Alternative auf dem Tisch: der Schweizer Weinmarktfonds.03.06.2026, 05.16 Uhr3 LeseminutenDer einheimische Weinbau soll geschützt werden, aber wie?Karin Hofer / NZZDer Schweizer Wein ist in der Krise. Um seinen Absatz zu fördern, will der Bundesrat nun die Importe beschränken. Doch die geplante Verordnung würde das Problem nicht lösen, sondern verschärfen – und dies mit gravierenden Konsequenzen für Handel und Konsumenten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Um das zu verstehen, muss man einen Blick auf die Marktentwicklung werfen. Der Weinkonsum ist in den letzten fünfundzwanzig Jahren um rund 30 Prozent geschrumpft. Gründe dafür gibt es viele: Junge Menschen trinken deutlich weniger, ältere Generationen konsumieren bewusster, Billigweine verlieren an Bedeutung, und ein wachsender Teil der Bevölkerung verzichtet ganz auf Wein.Die Schweiz war immer ImportlandDie Schweiz war zudem immer ein Importland. Anders als in Italien, Spanien oder Frankreich konnte die heimische Produktion nie mehr als 40 Prozent des Bedarfs decken. Daraus entstanden ein breites Angebot und Konsumenten, die diese Vielfalt erwarten. Auffällig ist dabei: Der Anteil des Schweizer Weins blieb stets in etwa gleich. Jüngst konnte er sogar auf 38 Prozent zulegen, während Importweine an Volumen verloren.Bis 2001 waren die zulässigen Importmengen an klar definierte Firmen gebunden; der Handel mit Kontingenten florierte und führte zu groben Marktverzerrungen. Mit der Marktliberalisierung konnten alle Händler Wein importieren. Das förderte den Wettbewerb, die Konsumenten profitierten von einer grösseren Auswahl und einem besseren Preis-Leistungs-Verhältnis. Zudem ist es diesem wettbewerbsorientierten Umfeld zu verdanken, dass die Qualität des Schweizer Weins seither markant gestiegen ist.Das eigentliche Problem des Schweizer Weins gründet also nicht im Wettbewerb mit ausländischen Erzeugnissen, sondern im weltweit veränderten Konsumverhalten. Das zwingt die Branche zu einer tiefgreifenden Transformation. Viele Regionen haben reagiert: Im Bordelais etwa wurden in den letzten drei Jahren 20 Prozent der Rebflächen gerodet. Zum Vergleich: Die Anbaufläche der Schweiz ist seit dreissig Jahren unverändert geblieben.Wirtschaftsfreiheit beeinträchtigtDer wirtschaftliche Druck auf Produzenten – insbesondere in der Westschweiz – ist real. Aber in keinem europäischen Land wird die Weinproduktion durch eine Marktabschottung geschützt. Es kann deshalb nicht die Lösung sein, die Betroffenen gegen die ausländische Konkurrenz abzuschirmen, wie dies bei uns in anderen Bereichen der Landwirtschaft üblich ist.Die vorgeschlagene Verordnung schränkt zudem die Wirtschaftsfreiheit auf widerrechtliche Art und Weise ein, sie ist nicht WTO-konform und würde sehr hohe administrative Aufwände verursachen – Kosten, die letztlich alle tragen müssten. Zudem wären die Auswirkungen, welche die Verordnung auf den Markt hätte, erschreckend: Händler könnten ausländische Weine nicht mehr frei beschaffen, sondern wären gezwungen, Importrechte bei wenigen Schweizer Kelterbetrieben zu erwerben und zusätzlich Schweizer Weine zu übernehmen – und zwar solche, für die heute gar keine Nachfrage besteht.Für den Handel bedeutete dies den Verlust der unternehmerischen Freiheit sowie eine willkürliche Abhängigkeit von einzelnen Produktionsbetrieben. Es ist ein Trugschluss, dass Verknappung des Angebotes zu mehr Konsum führt, da Schweizer Weine viele Preis- und Geschmackssegmente nicht abdecken. So wird ein Bordeaux-Liebhaber nicht einfach auf einen Westschweizer Gamay ausweichen.Weinmarktfonds und Exportförderung als AlternativeDie Folgen wären absehbar: ein reduziertes Angebot, vermehrter Einkaufstourismus im Ausland, höhere Preise für Importweine und eine weitere Konsumverlagerung zu anderen Getränkekategorien. Zudem führte das Überangebot an Schweizer Wein zu einem zusätzlichen Preis- und Margenzerfall.Die neue Regulierung würde also die Funktionsfähigkeit des Marktes massiv beeinträchtigen. Absatzkanäle würden sich verengen, der Wettbewerb würde geschwächt und der Markt auf wenige grosse Akteure konzentriert. Betroffen wären mehr als 4000 Weinhändler mit rund 15 000 Arbeitsplätzen – Gastronomie und Hotellerie nicht eingerechnet.Kein Wunder, steht die Branche nicht geschlossen hinter diesem Ansatz. Der Handel spricht sich klar dagegen aus, und auch der Branchenverband Deutschschweizer Reben und Wein sowie die Tessiner Kellereien lehnen ihn ab. Dabei gäbe es eine konstruktive Alternative: den Schweizer Weinmarktfonds. Diese Initiative der Vereinigung Schweizer Weinhandel setzt auf Kooperation statt auf Regulierung. Finanziert durch Beiträge auf allen verkauften Weinen, soll der Fonds den Weinkonsum als Kulturgut fördern und gleichzeitig gezielt die Schweizer Produktion unterstützen.Auch in der Exportförderung liegt ein grosses Potenzial. Heute werden weniger als 2 Prozent exportiert; in den Nachbarländern liegt dieser Anteil bei 30 bis 60 Prozent. Dem Schweizer Wein wird nicht durch Marktabschottung und extremen Schutz einzelner betroffener Akteure geholfen, sondern durch Massnahmen zur Stärkung des Wettbewerbs. Eine Politik, die Vielfalt einschränkt und Konsumenten bevormundet, schadet am Ende allen Beteiligten.Corinne Fischer ist Miteigentümerin und Verwaltungsratspräsidentin der Bataillard AG und Vizepräsidentin der Vereinigung Schweizer Weinhandel.Passend zum Artikel