Es gibt Tennisspiele, die sind wie ein Münzwurf. Natürlich nicht in dem Sinne, dass es reiner Zufall wäre, wer am Ende der Sieger und wer der Verlierer ist. Vielmehr in dem Sinne, dass Match wie Münze manchmal erst noch ein bisschen auf der Kante tänzeln und drehen, ehe klar ist, welche Seite am Ende oben liegt und welche unten.Dass Alexander Zverev am Dienstagnachmittag auch sein Viertelfinalmatch bei den French Open gewann, war zum Beispiel so deutlich wie verdient. 7:6 (7:3), 6:1, 6:3 bezwang er den 19 Jahre alten Spanier Rafael Jodar, den neuesten Shootingstar unter den Tennistalenten. Nur noch zwei Siege trennen den Deutschen nun davon, in Paris endlich den seit Jahren ersehnten Grand-Slam-Titel zu gewinnen. „Ich will so weitermachen, will meine Matches hier dominieren und gewinnen“, wie Zverev anschließend sagte. „Das heute war ein schwieriges Match gegen einen guten Gegner. Aber ich habe einen Weg gefunden.“Und doch gab es selbst in diesem am Ende ziemlich einseitigen Duell zumindest zu Beginn ein paar Momente, in denen die Münze durchaus auch auf die andere Seite hätte kippen können. Momente, in denen der bereits zu den Geheimfavoriten gezählte Jodar dem nach dem sensationellen Aus von Jannik Sinner zum Topfavoriten aufgestiegenen Zverev ebenbürtig schien. Der Tanz auf der Kante allerdings dauerte nur gut eine Stunde. Und wie bei der trudelnden Münze: als die Fall-Richtung erst einmal klar war, gab es schon im Austrudeln keinen Zweifel mehr, wer hier am Ende obenauf sein würde.Jodar wie einst der junge ZverevDie Begegnung mit der Zukunft war für Zverev auch eine Begegnung mit der Vergangenheit. Denn der „neue Rafa“, der die Spanier so wehmütig an den alten Rafa, an Rafael Nadal, den 14-maligen Sieger der French Open, denken lässt, ist in Wahrheit eher ein „neuer Sascha“. So nämlich lautet Zverevs Rufname und vieles von dem, was Jodar auf dem Platz tut, erinnert daran, was Zverev tat, als er in einem ähnlichen Alter war.Wie einst Zverev ist Jodar ein frühreifer Tennisprofi, der schon als Teenager in der Lage ist, viele Spieler auf der Profitour zuverlässig zu besiegen. Er ist großgewachsen (1,91 Meter), so schlaksig wie es der junge Zverev war, ist gemessen daran ebenso erstaunlich beweglich und verfügt genau wie Zverev über einen gewaltigen Aufschlag sowie einige kräftige Schläge von der Grundlinie.Der Schüler und der Meister: Jodar (l.) und ZverevReutersWährend auf der einen Seite des Court Philippe Chatrier Trainervater Alexander senior wie fast immer in den vergangenen zehn Jahren stoisch das Spiel des Alexander junior verfolgte, sah auf der anderen Seite Trainervater Rafael senior seinem Rafael junior zu. Und wie einst die Zverevs erlebten die Jodars ein Match, das ihnen zeigte, dass sie zwar ganz sicher alle Chancen haben, eines Tages selbst zur absoluten Weltspitze ihrer Sportart zu gehören. Es zeigte ihnen aber auch, dass dazu im Moment noch einiges fehlt.Veränderte Bedingungen in Roland GarrosDabei war der Dienstag in Paris im Grunde ein Tag des Wandels. Nach der Hitzewelle der ersten Turnierwoche regnete es erstmals bei dieser Ausgabe kräftig. Das Dach über dem größten Court der Anlage Roland Garros wurde geschlossen, die Plätze durch die hohe Luftfeuchtigkeit und niedrigeren Temperaturen langsamer. Es schien, als müssten sich darauf auch Zverev und Jodar, die es – noch so eine Gemeinsamkeit – beide lieber heiß, hart und damit schnell mögen, erst einmal einstellen.Das erste Aufschlagspiel dauerte neun Minuten, das zweite acht. Der Regen prasselte aufs Hallendach, auf den oberen Rängen blies ihn der Wind sogar durch die Lüftungsschlitze auf die Tribünen. Es herrschte allgemeine Unruhe im Stadion, besonders unter den Zuschauern. Erst als es ruhiger wurde, wurden auch Zverev und Jodar ruhiger in ihrem Spiel. Nachdem der Spanier zwischenzeitlich 5:2 geführt hatte, kämpfte sich Zverev in den Tiebreak zurück. Dort zeigte er, was die Besten den größten Talenten meist voraushaben: dass sie in den wichtigsten Momenten ihr bestes Tennis spielen können.In Satz Nummer zwei hatte Zverev dann gleich die nächste Lektion für seinen jungen Widersacher parat: Wie man das Momentum nutzt, um dem Gegner den Glauben an die eigene Siegchance zu nehmen. Zverev zog das Tempo an, ohne zu viel zu riskieren. Er ließ Jodar die Fehler machen, die er selbst vermied. Auch als Jodar dann im dritten Satz wieder etwas stabiler wurde und sich das Pariser Publikum mehrheitlich auf seine Seite schlug, weil es sich noch ein bisschen mehr Spannung und ein längeres Match wünschte, blieb Zverev kühl und stabil. In den eigenen Aufschlagspielen ließ er nach dem ersten Satz nur noch einen Breakball zu. Ihm wiederum reichte ein frühes und ein spätes Break im dritten Durchgang, um den Sieg nach nicht einmal zweieinhalb Stunden perfekt zu machen.Zverev, der im Halbfinale am Freitag nun auf den 19 Jahren alten Brasilianer Joao Fonseca oder den 20 Jahre alten Tschechen Jakub Mensik, auf den nächsten Jungspund also, trifft, wirkt in diesen Tagen bereit wie nie für den ersten Major-Titel seiner schon jetzt erfolgreichen Karriere. „Ich bin froh, im Halbfinale zu sein – aber nur fürs Erste“, sagte er im Interview auf dem Court.Denn eine Lektion hat Zverev zwar selbst schon schmerzlich gelernt, die Abschlussprüfung darin aber noch nicht bestanden: Dass man bei allem Talent im Tennis manchmal länger als gedacht warten muss, ehe man einen Grand-Slam-Titel gewinnen kann. Und dass man, wenn sich eine besonders große Chance unerwartet auftut, diese auch besonders entschlossen nutzen muss.