Eine kurze Siegerfaust, ein eher grimmiger Blick in Richtung Familie und Team auf der Tribüne – mehr Jubel war nicht bei Alexander Zverev. Als der beste deutsche Tennisprofi bei den French Open auch sein Halbfinale gewonnen hatte, wirkte das nicht, als wäre er damit schon sonderlich zufrieden. Gegen den 20 Jahre alten Tschechen Jakub Mensik siegte Zverev am Freitagnachmittag 7:5, 6:2, 3:6, 6:3. Das Ziel ist damit nah, aber noch nicht erreicht. Nur noch ein Sieg fehlt ihm nun, um im Alter von 29 Jahren und nach mehr als einem Jahrzehnt vergeblicher Anläufe endlich seinen ersten Grand-Slam-Titel zu gewinnen.Einen deutschen Sieger hat es in Paris noch nie gegeben. Zverev selbst stand wie auch Michael Stich 1996 zwar im Finale, unterlag damals jedoch dem Spanier Carlos Alcaraz in fünf Sätzen. Nun bekommt er es im Endspiel am Sonntag mit einem Italiener zu tun. Doch weil das erstaunlicherweise nicht der früh ausgeschiedene Weltranglistenerste Jannik Sinner ist, sondern Flavio Cobolli oder Matteo Arnaldi, wird er diesmal der große Favorit sein. „Ich hoffe, dass ich am Sonntag ein weiteres gutes Match spielen kann“, sagte Zverev mit Blick auf sein viertes Grand-Slam-Finale.Dabei waren die äußeren Bedingungen am Freitag im Grunde absolut nicht nach Zverevs Geschmack gewesen. Vor allem zu Beginn des Matches war es so nasskalt und windig, wie man sich das in der Hitzewelle der ersten Turnierwoche noch kaum hatte vorstellen können. Das Ergebnis war, dass auch der Sandplatz auf dem Court Philippe-Chatrier so langsam war wie noch nie im Laufe des diesjährigen Turniers. Zverevs Vorteil: Auch für Mensiks Spiel sind diese Verhältnisse eher schlecht.„Ich bin glücklich“Entsprechend zäh war der Start von beiden Spielern. Zverev wie auch Mensik kämpften in ihren Aufschlagspielen, keiner von ihnen entwickelte den gewohnten Druck bei Angriffsschlägen. Als es gerade schien, als würde der junge Tscheche diese Phase des Suchens ein bisschen schneller beenden, schaffte es Zverev nicht nur, dessen erste drei Breakbälle des Tages abzuwehren, sondern auch selbst das erste Break des Tages. Den Schwung nahm er mit, kontrollierte im zweiten Durchgang Match und Gegner nach Belieben und schien bereits da auf dem direkten Weg ins Finale.Im dritten Satz ließ sich Mensik dann an der Schulter behandeln, nahm sogar eine medizinische Auszeit. Weil er nach wenigen Minuten dann jedoch wieder im hohen Tempo auf den Platz zurückgejoggt kam, hatte man allerdings nicht den Eindruck, als ob es sich dabei um ein nachhaltiges Problem handeln würde. Zumal er wenig später das erste Break des Tages schaffte und damit den dritten Satz gewann.Doch wer nun darauf wartete, dass das Match endgültig Schlagseite bekäme, sah sich getäuscht. Zverev – wie schon häufiger bei der Ausgabe in diesem Jahr – legte genau in dem Moment wieder zu, da sein Gegner begann, sich etwas auszurechnen. Diesmal nahm er Mensik direkt zu Beginn des Satzes den Aufschlag ab und verteidigte diese Führung bis zum Schluss. „Er hat unglaublich gespielt die letzten Wochen, ich wusste deshalb, dass es das bisher schwerste Match für mich wird“, sagte der Deutsche. „Ich habe es gemanagt. Ich habe gewonnen. Ich bin glücklich.“Gipfelstürmer oder Sisyphos?Man kann sich Zverev nun wie einen Bergsteiger vorstellen, der beim mühsamen Aufstieg auf den Achttausender endlich kurz vor dem Ziel ist. Er kann den Gipfel bereits sehen, kann erahnen, wie der Coupe des Mousquetaires, den die Sieger in Roland Garros überreicht bekommen, in der Sonne schimmert. Doch wie ein erfahrener Bergsteiger weiß Zverev auch, dass die letzten Meter mitunter die riskantesten sind. Dass gerade dann, wenn der Triumph greifbar ist, die Gefahr, leichtsinnig zu werden, am größten wird.Denn schon zu oft war der Bergsteiger Zverev auch der Sisyphos, der den schweren Stein schon weit nach oben Richtung Grand-Slam-Gipfel gerollt hatte, ehe er ihm doch wieder entglitt. Vor allem die Finalniederlage 2020 bei den US Open, als er gegen den Österreicher Dominic Thiem bereits 2:0 in Führung lag, beschäftigte ihn lange. Zwei Jahre später spielte er im French-Open-Halbfinale gegen Rafael Nadal so gut wie nie zuvor, ehe ihn eine schwere Bänderverletzung jäh stoppte. Wieder zwei Jahre später war es gegen Alcaraz eine 2:1-Satzführung, die er verspielte.In Paris allerdings scheint es dieser Tage, als wäre Zverev besser vorbereitet. Er hat seine Ausrüstung noch einmal verbessert, spielt variabler, ist aktiver, auch mental stabiler als früher. Der 44. Anlauf bei einem Grand-Slam-Turnier könnte der erste sein, der ihn bis zum Ende führt. Zverev scheint bereit für den Gipfel.