Wer sich über die Abschiebungen der US-Einwanderungsbehörde ICE informieren will, braucht vor allem eins: Zeit. Quälend langsam baut sich der Text auf der Informationsseite des Weißen Hauses auf, wie der Prolog einer „Star Wars“-Episode. Im Hintergrund: flimmernde Pixel, die an einen Sternenhimmel erinnern. Und auch inhaltlich ist man nicht allzu weit entfernt von einem Sci-Fi-Epos.„Sie wandeln unter uns“ prangt da als Überschrift in Giftgrün, der Text liest sich wie eine schlechte Verschwörungserzählung: „Seit 60 Jahren verheimlicht die US-Regierung etwas (…) Aliens wohnen in unserer Nachbarschaft, (…) kaufen in unseren Läden ein, besuchen die gleichen Schulen wie unsere Kinder. (…) Mit einem Unterschied: Sie gehören nicht hierher.“ Freilich geht es hier nicht wirklich um Außerirdische. Sondern um Einwanderer.Die doppelte englische Wortbedeutung macht die Spielerei möglich: Als Aliens werden nicht nur Außerirdische bezeichnet, sondern juristisch auch Menschen, die unerlaubt ins Land gekommen sind. „It’s no fun being an illegal alien“, sang Genesis schon 1983, Sting dann vier Jahre später „I’m a legal alien“ in „Englishman in New York“. Die Nachrichtenagentur AP entschied bereits 2015, den Begriff so nicht mehr zu verwenden. Doch die Trump-Administration macht ihn wieder populär, zum Beispiel im Rahmen von „Illegal Alien Deportation Flights“, Abschiebeflügen, die das Weiße Haus als ASMR-Video inszenierte.Der Comedian und Internet-Troll Ben Palmer hat vor einigen Wochen eine Fake-Hotline eingerichtet, bei der Menschen vermeintlich irregulär Eingewanderte melden können. Er postet die Aufnahmen dieser Anrufe. Die Echtheit der Gespräche lässt sich nicht überprüfen, weder der Hintergrund der Anrufer noch, ob die Dialoge gestellt sind oder die Menschen tatsächlich glauben, mit einer Behörde zu telefonieren. Doch so oder so ähnlich dürften auch die Gespräche an der echten Hotline ablaufen, auf der ICE-Website wird um möglichst viele Details gebeten.Es wirkt wie ein Spiel: Finde die komischen WesenDer eindrücklichste Moment bei Palmer: Eine Lehrerin verdächtigt die Eltern eines der Kinder, die sie betreut. „Unterrichtet an der Schule, will Eltern eines Kindergartenkindes ausweisen“, fasst Palmer am Telefon das Anliegen der Frau zusammen. „Bei Ihnen klingt das schrecklich“, erwidert die Frau und lacht unsicher. Vielleicht hilft es ja, wenn sie sich das Kind und seine Eltern als Aliens vorstellt.USA:Der SchlangenbeschwörerSicherheit geht in Amerika immer vor. Nur der Gesundheitsminister greift mit bloßen Händen nach ekligem Gekreuche und liefert unschöne Bilder für den Zustand der Politik.Was der Begriff „Alien“ ganz nebenbei nämlich natürlich tut: Er entmenschlicht. Wenn auf der Seite des Weißen Hauses dazu aufgerufen wird, Alien-Aktivitäten an die Behörden zu melden, dann klingt das viel abstrakter, viel harmloser als: Liefere deine Nachbarn einer brutalen Schlägertruppe aus. Die „Star Wars“-Optik hilft dabei, das Ganze wirkt wie ein Spiel: Finde die komischen Wesen und hack sie mit deinem Lichtschwert in Stücke.Unter dem Text prangt eine Karte der USA, die „Alien Arrest Map“, auf der angeblich alle ICE-Verhaftungen seit Januar 2025 eingetragen sind. Rote Kreise markieren Städte, in denen es Festnahmen gab, das Ganze erinnert an Corona-Dashboards aus der Pandemie. Und gibt den Menschen schon wieder eine abstrakte Dimension: illegal Eingewanderte als Virus, als Ausbruch, den es zu begrenzen gilt. Deshalb wird auch direkt beruhigt: Wer eine „Alien-Entführung“, also einen ICE-Einsatz, beobachtet, solle sich nicht sorgen. Die Aliens seien in guten Händen. Wer’s glaubt.