Der Hauptmarkt, auf Polnisch Rynek Główny, bildet das Zentrum der Krakauer Altstadt. Getty Images Elegant und stattlich, wie man es von der ehemaligen königlichen Hauptstadt Polens erwartet, mit prächtiger Architektur und einem faszinierenden jüdischen Erbe: Krakau punktet mit viel Geschichte und einem ausgesprochen heiteren Lebensstil.Man trifft sich beim Adam. «Beim Adam» ist die klassische Formel für eine Verabredung in Krakaus spektakulär erhaltenem Stadtzentrum. Gemeint ist Adam Mickiewicz, 1855 geboren und Polens unangefochtener literarischer Held. Sein zehn Meter hohes Denkmal steht auf dem gigantischen mittelalterlichen Hauptmarktplatz Rynek Główny, dem Herzen der Altstadt.Ein einsamer Blumenstand erinnert daran, dass dies zu Adams Zeiten noch ein Ort für Handel und Handwerk war. Heute säumen Restaurantterrassen und gemütliche Cafés den angeblich grössten Marktplatz Europas, auf dem man fast täglich Konzerte, Tanzaufführungen, religiöse Feste und saisonale Märkte beobachten kann. Die beste Aussicht bietet das Szał Café auf der Dachterrasse der Tuchhallen, einem lang gestreckten Renaissancebau, der den Rynek in zwei Hälften teilt. Die langen Tuchhallen auf dem Hauptmarktplatz Rynek, dahinter die Marienkirche. Getty Images Einst wurden hier tatsächlich Textilien und Schmuckstücke verkauft, jetzt gibt es eher kitschige Souvenirs. Das Café ist trotzdem einen Besuch wert: zum einen wegen des Apfelkuchens, vor allem aber wegen des Blicks auf die Backsteintürme der Marienkirche, den modernen quadratischen Springbrunnen, die eleganten, meist über 500 Jahre alten Bürgerhäuser, den Adam natürlich und die geschmückten weissen Kutschen, die an der Nordseite des Platzes auf Kundschaft warten.Ganz Krakau in einem Aufwisch? Ja und nein. Kirchen, Kuchen und Kutschen prägen zwar den Look und Lifestyle der zweitgrössten Stadt Polens, sind aber bei Weitem nicht alles, was sie zu bieten hat. Denn Krakau hat sich seit den späten 1980er Jahren, als der Sieg der oppositionellen Solidarność das kommunistische Regime durch eine demokratische Regierung ersetzte, sehr entwickelt.Wie alle anderen Länder, die jahrzehntelang abgeschottet waren, schaute man ins Ausland und holte sich, was man so lange nicht haben durfte: Starbucks und McDonald’s, Benetton und Zara, aber auch klobige Balenciaga-Sneaker, schlanke Hosenanzüge von Bottega Veneta und sündhaft teure Fendi-Taschen, die im Luxusladen Vitkak in den edlen Marmorgängen der Pasaz 13 gleich am Marktplatz verkauft werden. Dies in direkter Nachbarschaft zu Diesel- und All-Saints-Läden, einer Vinothek, einem Delikatessenladen und, wohl nicht ganz zufällig, dem italienischen Konsulat in Krakau.Gentrifizierte TrendviertelZum Konsum kommt die Kunst. Ein paar Kilometer weiter südlich schlendert eine Schulklasse gemächlich durch die weiten Hallen des Krakauer Museums für Zeitgenössische Kunst (Mocak). Der junge Mann, der ihnen erklärt, was sie sehen, ist kaum älter als sie selbst. Er berichtet, dass die Künstlerin Magdalena Abakanowicz schon in den 1960er Jahren mit ihren grossformatigen gewebten Wandtextilien internationale Aufmerksamkeit erlangte und später begann, Köpfe, Figuren und Tiere aus Sisal, Jute, Stein, Eisen oder Harz zu schaffen, die auch im Mocak zu sehen sind. Das Museum entstand auf dem Gelände der ehemaligen Fabrik von Oskar Schindler nach einem Entwurf des italienischen Architekten Claudio Nardi. PD Er erzählt auch, dass das Mocak der erste und grösste Museumsneubau dieser Art in Polen ist, eröffnet 2011 auf dem Gelände der ehemaligen Emaillewarenfabrik von Oskar Schindler. Der spektakuläre Bau sowie das fantastische Museum, das ihn bespielt, haben das Viertel verändert: Zabłocie, früher industriell geprägt und schmuddelig, ist jetzt ein angesagtes Wohnquartier mit teuren Lofts und coolen Lokalen wie dem «Orzo», das gleich neben dem Museum steht und mit seinem urbanen Industrieambiente, den hohen Fenstern, hellem Holz, grünen Wänden und Topfpflanzen sowie einer eklektisch fusionierten Mittelmeerkost Hipster aus der ganzen Stadt anlockt.Oskar Schindler, beziehungsweise Steven Spielbergs Film «Schindlers Liste», der die bemerkenswerte Lebensgeschichte eines deutschen Geschäftsmanns nachzeichnet, der 1939 im Rahmen der Arisierung mehrere jüdische Unternehmen im besetzten Polen übernahm – darunter Krakaus «Emalia», in der er jüdische Zwangsarbeiter beschäftigte und so über 1000 Menschen das Leben rettete –, bescherten nicht nur der Hauptfigur, sondern auch der Stadt weltweite Bekanntheit.Insbesondere das historische jüdische Viertel Kazimierz, in dem viele Filmszenen gedreht wurden, ist heute eine Attraktion. Vom Mocak aus ist es nur ein Katzensprung dorthin. Man überquert die durch die Stadt fliessende Weichsel, am besten über die Pater-Bernatek-Brücke, einen Fussgängerübergang mit anmutigen akrobatischen Skulpturen, die auf den Stützseilen sitzen oder balancieren und über dem Wasser durch die Luft zu schweben scheinen. Einer der Drehorte im Film «Schindlers Liste» in Kazimierz. PD Wie Zabłocie ist auch das bis vor wenigen Jahren noch arme, düstere und nicht ganz ungefährliche Kazimierz gentrifiziert und zu einem beliebten und belebten Trendviertel geworden. Im Café Singer tippen Einheimische auf ihren Laptops, gleich daneben versucht ein Touristenpärchen, etwas auf Google Maps zu lokalisieren. Biergläser und Cappuccino-Tassen stehen auf alten Singer-Nähmaschinentischen, aus Lautsprechern perlen Jazzklänge, und weit nach Mitternacht wird zu Klezmer-, Balkan- und Swingmusik getanzt.Zentrum der jüdischen KulturRechts und links vom Café Singer haben moderne Weinbars und multikulturelle Restaurants eröffnet. Es gibt Läden mit Vintage-Mode oder Vinyl-Schallplatten, den wirklich guten Judah Food Market und die weniger überzeugenden, üppig mit Pilzen, Käse und Ketchup belegten «Zapiekanki»-Pizza-Baguettes – ein omnipräsenter lokaler Snack, der an den Imbissen um die kreisrunde Markthalle an der Plac Nowy verkauft wird. Getty Images Im runden Okrąglak auf dem Plac Nowy werden klassische polnische Zapiekanki verkauft. Früher war dies der Fleischmarkt der orthodoxen Juden, auch die Schächtung der Tiere fand hier statt. Heute kann man stattdessen Blumen, Gemüse und Obst kaufen, am Wochenende bauen Antiquitäten- und Trödelhändler ihre Stände auf dem «Neuen Platz» auf. Mit etwas Glück sind zwischen viel Krimskrams auch typische Gegenstände der jüdischen Liturgie wie alte Menoras (siebenarmige Leuchter) zu finden.Direkt am Platz befindet sich das Zentrum der jüdischen Kultur in einem ehemaligen Gebetshaus aus den 1980er Jahren. Die Stiftung Judaica hat es sich zum Ziel gesetzt, das jüdische Erbe in Kazimierz zu erhalten– was angesichts des Gebäudes, in dem sie residiert, durchaus passend ist. Das war nicht immer der Fall. Von den sieben Synagogen sind nur noch drei in Betrieb, andere wurden zu Buchhandlungen oder Museen umfunktioniert.Izabela Chyłek empfängt im 1896 errichteten ehemaligen Gebetshaus Chewra Tehilim. An den Wänden der hohen Halle sind noch die verblassten Originalmalereien zu sehen, auch die den Frauen vorbehaltene Galerie ist noch da. Ansonsten prägt ein zeitgeistorientierter Shabby Chic den Raum: mächtige Kronleuchter, halb blinde Spiegel, abgewetzte Orientteppiche und ein Sammelsurium an Tischen, Stühlen und Sofas. Früher ein Gebetshaus, heute ein hippes Café: Das «Hevre», auf Deutsch «Freunde». PD Junge Menschen mit Tattoos und pink gefärbten Haaren lassen sich hier je nach Tageszeit Eggs Florentine, duftig-leichte «Kremówkas» (Cremeschnitten) oder Beef Tartare schmecken. «Wir haben unser Lokal Hevre getauft, das bedeutet Freunde auf Hebräisch», erklärt Izabela, «denn genau das möchten wir sein: ein Treffpunkt für Gleichgesinnte aus aller Welt.»Die 42-Jährige ist künstlerische Leiterin des 2021 eröffneten Etablissements, das im Ober- und Untergeschoss auch Platz für Konzerte, Ausstellungen, Vintage-Märkte, Filmfeste, Tanzkurse oder Modeschauen bietet. «Ich möchte am kulturellen Leben dieser Stadt teilhaben», sagt sie, «wir sind allerdings gerne innovativ und präsentieren Altbekanntes aus einer unerwarteten Perspektive.»Alt trifft auf NeuDas passt nach Krakau, denn die Stadt präsentiert sich selbst immer wieder aus anderen Perspektiven. Der Stadtteil Kleparz überrascht etwa mit einem 600 Jahre alten, ganz wunderbaren Lebensmittelmarkt und ebenso wunderbarer neoklassizistischer und Art-Nouveau-Architektur. Nowa Huta beeindruckt mit sozialistisch geprägten Prunkgebäuden und kultigen Plattenbauten aus der Nachkriegszeit.Spannend ist auch, was gerade im Grzegórzki-Viertel geschieht. Das 1910 eingemeindete und anschliessend stark industrialisierte Dorf erfindet sich gerade neu. Wie genau, ist noch nicht ganz klar, aber man wohnt wieder gerne hier, am liebsten im Umfeld der gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Neorenaissance-Stil angelegten Wirtschaftsuniversität mit ihren modernen Ergänzungsbauten und der 2008 eröffneten blutroten Oper.In Sicht- und Laufweite befindet sich der «Unity Tower», ein Wolkenkratzer aus der kommunistischen Ära, der unvollendet blieb und wegen seines skelettartigen Aussehens den Spitznamen «Skeletor» erhielt. Jahrzehntelang galt der unfertige Turm als ein Schandfleck, den man nicht verstecken konnte. Der unvollendete «Unity Tower», auch bekannt unter dem Spitznamen «Skeletor». Getty Images Dabei ist der 105 Meter hohe Bau an die Architektur der 1920er und 1930er Jahre angelehnt und alles andere als hässlich. Nach langem Hin und Her wurde er 2020 endlich fertiggestellt und ist nun das höchste Gebäude der Stadt. Im Turm sind vorwiegend Büros untergebracht, aber auch die 46 Appartements des im Nebengebäude residierenden Radisson Red Hotels. Sie punkten mit rotem Lack, rotem Samt und einer sensationellen Aussicht auf eine Stadt mit einer faszinierenden Geschichte und spannender Zukunft. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.
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