GastkommentarAnja BrauneckWenn eine Zahl zur Meinungsäusserung wirdBoomende Prognosemärkte gelten in den USA mittlerweile als hocheffektive Alternative zu gängigen Umfragen. Die Plattformen sind dabei nicht nur Wett-, sondern auch Handelsbörsen, wodurch sich die Erwartungen ständig neu justieren – wie auf dem Finanzmarkt.02.06.2026, 05.15 Uhr3 LeseminutenDas Wechselspiel zwischen Erwartung und Marktpreis wirkt wie bei einem Finanzderivat,Mast Irham / EPADie neuen US-Prognosemärkte sind ausgefeilte Peer-to-Peer-Wettbörsen ohne klassisches «Haus». Sie treiben den Glauben an die Kraft von Prognosen mit ihrem Geschäftsmodell auf die Spitze. Gewettet wird immer nur um die «eine» Zahl, es geht um den Marktpreis für einen Ja- oder Nein-Kontrakt auf ein bevorstehendes oder hypothetisches Ereignis.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mitmachen kann jeder, und die Bewertungen der Plattformen – die grössten sind derzeit Polymarket und Kalshi – liegen mittlerweile im zweistelligen Milliardenbereich. Kalshi liegt derzeit vorn. Polymarket dagegen ist der innovativere Part, er agiert im Gegensatz zu Kalshi über die neuartige Blockchain-Technologie. Die Unternehmen verdienen insbesondere durch Transaktionsgebühren und nicht durch kalkulierte Margen, wie das bei den klassischen Wettanbietern der Fall ist.Wer gewinnt?Auch die Wettenden profitieren mitunter nicht schlecht. Glaubt man den Analysen des «Wall Street Journal», sind bei Polymarket allerdings nur ein Drittel der Accounts profitabel, und zwei Drittel der gesamten Gewinne entfallen auf nur 0,1 Prozent. Die wichtigsten Wett-Trends sind derzeit weltpolitische Themen, insbesondere die US-Politik. Guter Geschmack, Ethik und Moral bleiben bei der Themenwahl vielfach auf der Strecke. Abstruse Jesus-Wetten laufen immer wieder, und Wetten auf Kriege oder zum Hantavirus sind auch nicht unbedingt geschmackvoll.Das Wettprinzip ist simpel: Gewettet wird direkt zwischen den Spielern und nur auf binäre hypothetische Ereignisse. Deren Eintritt wird entweder mit einem Ja oder Nein bewertet. Gewinnen kann man pro Wettanteil immer nur 1 USDC (United States Dollar Coin, Währung bei Polymarket) bzw. 1 Dollar (Kalshi).Die Plattformen sind aber nicht nur Wett-, sondern auch Handelsbörsen. Jeder Spieler kann sein Ja oder Nein während der laufenden Wette direkt an einen anderen Teilnehmer – gegebenenfalls mit Gewinn – verkaufen, man muss seine Position also nicht bis zum Ende halten. Vereinbart wird jeweils ein Ereigniskontrakt zum Marktpreis, d. h. zum Wert der besagten «einen» Zahl zum jeweiligen Zeitpunkt.Die neuen Prognoseplattformen haben das traditionelle Format von Wetten nicht nur «aufgefrischt», vielmehr sind sie darüber hinaus ziemlich gute Indikatoren von in Preisen zusammengefassten Aussagen über die Zukunft. Die hieraus ableitbaren Vorhersagen sind oft um ein Vielfaches genauer als die üblichen Meinungsumfragen. Spätestens mit der US-Präsidentschaftswahl 2024 wurde dieser Vorteil offensichtlich. Einzig die Prognosemärkte lagen richtig.Auch seriöse MedienGrosse Medienhäuser wie Dow Jones, CNN und CNBC haben dieses Potenzial inzwischen erkannt und für den Echtzeitzugriff auf die Prognosestände entsprechende Partnerschaften geschlossen. Vorhersagen der neuen Märkte sind seitdem fester Bestandteil seriöser Berichterstattungen – ganz im Sinne von Friedrich A. Hayeks Begriff von der «Weisheit der Masse».Natürlich bergen die Plattformen auch Risiken, funktioniert das Wechselspiel zwischen Erwartung und Marktpreis doch wie bei einem Finanzderivat. Um Manipulation und die Verwendung von Insiderwissen zu verhindern, gibt es denn auch rechtliche Instrumente. Kalshi und Polymarket werden aus US-Sicht als Derivatehändler eingestuft und stehen daher unter der Aufsicht der «Commodity Futures Trading Commission» (CFTC), einer von der Regierung unabhängigen US-Bundesbehörde.Für Polymarket gilt diese Vorgabe allerdings nur für seinen «US-Teil», Polymarket «global» dagegen ist nach wie vor unreguliert. Die Plattform verbietet seit neuem aber in den eigenen Nutzungsbedingungen den Insiderhandel. Dazu kommt das Problem, dass Prognosemärkte auch selber die Ereignisse beeinflussen, die sie vorhersagen – wie das in der Finanzwelt auch der Fall ist.In Europa haben einige Staaten den Zugang zu den Prognosemärkten aus den USA pauschal gesperrt, so auch die Schweiz und Deutschland. Die offizielle Begründung für die Sperre lautet: unlizenziertes und deswegen illegales Geld-/Glücksspiel. Es geht auch um Suchtprävention. Das kann aber nicht der richtige Ansatz sein. Prognosemärkte beruhen meist auf Wissen, Analyse und Informationen, nicht auf Zufall, wie Gewinnspiele. Sie funktionieren letztlich als hocheffektive Informationsaggregatoren, womit das Recht auf Meinungsfreiheit ins Spiel kommt.Die Plattformen stellen zwar «nur» eine Zahl (den Marktpreis) in den Raum. Diese ist aber nichts anderes als eine zusammengefasste Aussage aller Marktteilnehmer über ein erwartetes, konkretes Ereignis. Wollen Staaten regulatorisch in die Prognosemärkte eingreifen, müssten sie ein zwingendes öffentliches Schutzinteresse nachweisen und aufzeigen, dass die Einschränkung der Meinungsfreiheit das mildeste Mittel ist.Pauschale Verbote von Prognosemärkten dürften daher klar verfassungswidrig sein, insbesondere bei Themen von erheblichem öffentlichem Interesse. Hier ist die Meinungsfreiheit besonders gewichtig. Noch sind die neuen Märkte vielen fremd. Der gesetzgeberische Druck dürfte dennoch massiv zunehmen. Auch darauf liesse sich wetten.Anja Brauneck ist auf Kunst- und Medienrecht spezialisierte Rechtsanwältin in Starnberg (DE).
Prognosemärkte als Wett- und Handelsbörsen: Eine Zahl, die alles bewegt
Boomende Prognosemärkte gelten in den USA mittlerweile als hocheffektive Alternative zu gängigen Umfragen. Die Plattformen sind dabei nicht nur Wett-, sondern auch Handelsbörsen, wodurch sich die Erwartungen ständig neu justieren – wie auf dem Finanzmarkt.










