Schweizer Jüdinnen und Juden wenden Zerreissprobe abDer Schweizerische Israelitische Gemeindebund bezieht – nach intensiver interner Diskussion – keine Position zur Todesstrafe in Israel.01.06.2026, 16.20 Uhr3 LeseminutenSoll sich der Schweizerische Israelitische Gemeindebund zu israelischer Politik äussern? Die Delegierten finden: nein.Ennio Leanza / KeystoneSchweizer Jüdinnen und Juden sind es gewohnt, von allen möglichen Leuten auf die Politik der israelischen Regierung angesprochen zu werden. Der Zürcher Autor Charles Lewinsky sagte einmal in einem Interview mit der NZZ: «Seit dem Überfall der Hamas auf Israel bekomme ich ständig Anfragen, die nur an mich gerichtet werden, weil ich Jude bin. Es melden sich nicht nur die Medien. Heute früh hat mich eine nette alte Bekannte angerufen: ‹Ich muss mit dir reden, in den Zeitungen steht so viel über Israel und den Krieg.› Eine Schweizerin muss einen Schweizer anrufen wegen des Nahostkonflikts? Da spiele ich nicht mit.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) schreibt auf seiner Website: «Schweizer Jüdinnen und Juden haben ganz unterschiedliche Beziehungen und Haltungen zu Israel. Das gilt auch für die politische Situation im Land.»«Kein Interessenvertreter des israelischen Staates»Der SIG selbst verstehe sich als eng verbunden mit Israel. Kritik an der israelischen Politik könne er akzeptieren, solange sie nicht einseitig sei und dabei keine anderen Massstäbe angelegt würden als bei anderen Staaten. Aber: Der SIG sei «kein Interessenvertreter des israelischen Staates» und beziehe grundsätzlich nur selten und sehr zurückhaltend Stellung zur politischen Lage in Israel.An seiner 121. Delegiertenversammlung vom Sonntag in Basel hat sich der SIG nun aber doch mit israelischer Politik befasst, und das sehr intensiv. Auslöser der engagierten Debatte war eine Resolution der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) zur Einführung der Todesstrafe in Israel. Die Delegation aus Zürich wollte erreichen, dass der SIG das Ende März von der Knesset knapp gebilligte Gesetz verurteilt. Der Sprecher der ICZ, Samuel Rom, argumentierte in Basel, die Todesstrafe widerspreche dem jüdischen Glauben, der im Schutz des menschlichen Lebens das höchste religiöse Gebot sehe. Zudem untergrabe das neue Gesetz die Grundwerte Israels.In der Folge entbrannte eine engagierte Diskussion über die Frage, ob der SIG das Gesetz verurteilen sollte oder nicht. Dass dem SIG die interne Zerreissprobe erspart blieb, lag an einem Ordnungsantrag der Jüdischen Gemeinde Bern. Deren Delegierte schlugen vor, gar nicht erst auf das Geschäft einzutreten. Denn damit manövriere sich der SIG in eine argumentative Sackgasse – egal, wie das Resultat ausfalle. Lehne eine Mehrheit die Resolution ab, dürfte dies in der breiten Öffentlichkeit als Befürwortung der Todesstrafe missverstanden werden. Werde sie angenommen, entstehe der Eindruck, die Schweizer Juden stünden nicht mehr hinter Israel.Falsche Wahrnehmung zementierenDer SIG sei gut beraten, sich nicht als moralische Aufsichtsinstanz zu positionieren, sagte der Zürcher FDP-Politiker Jehuda Spielman. Eine Stellungnahme zur Politik Israels würde eine falsche Wahrnehmung zementieren. Schon jetzt würde Jüdinnen und Juden in der Diaspora eine automatische Mitverantwortung für die Entscheidungen der israelischen Regierung zugeschrieben. Ein Eintreten auf die Resolution würde diesen Druck verstärken.Das Argument überzeugte. Die Mehrheit der Delegierten entschied sich am Ende klar gegen ein Eintreten auf die Zürcher Resolution. Doch früher oder später wird der SIG intern klären müssen, was genau er unter zurückhaltender Positionierung versteht. Das jüdische Wochenmagazin «Tachles» erinnerte in seiner Berichterstattung über die Delegiertenversammlung daran, dass der SIG-Präsident Ralph Friedländer die Einführung der Todesstrafe bereits öffentlich kritisiert hatte. Auch habe sich der Vorstand erst kürzlich vom israelischen Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir distanziert, als dieser verhaftete palästinensische Aktivisten öffentlich vorführte und erniedrigte. «Trotzdem», schreibt «Tachles», «versucht die Kommunikationsabteilung gleichentags zu bekräftigen, dass der SIG sich nicht zu Israel äussere.»Passend zum Artikel
SIG bleibt neutral: kein Statement zur Todesstrafe in Israel
Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund bezieht – nach intensiver interner Diskussion – keine Position zur Todesstrafe in Israel.










