Wie Tiere es schaffen, immer wieder nach Hause zu finden, ist nicht nur für Laien ein ewiges Rätsel. Wie finden Meeresschildkröten nach Jahren in den Meeren ihren Heimatstrand, wie findet ein Kuckuck aus den Rheinauen sein Sommerrevier im afrikanischen Regenwald – oder: Wie schafft es eine Brieftaube immer wieder zurück zum Taubenschlag?Klar ist, dass sie sich nicht nur mit ihrem Seh- und Geruchssinn orientieren, sondern auch Magnetfelder wahrnehmen. Doch das dafür verantwortliche Sinnesorgan ist noch längst nicht eindeutig definiert.Viel Forschung dazu wurde an Vögeln durchgeführt. Einige von ihnen zeigen ein beeindruckendes Zugverhalten, welches sie zum Teil um den halben Globus trägt. Zudem sind sie vergleichsweise gut zu haltende Versuchstiere.Wie findet ein Vogel nachts oder bei bewölktem Himmel den Weg?In den Siebzigerjahren konnte Wolfgang Wiltschko als Erster nachweisen, dass Rotkehlchen einen Magnetsinn haben. Sie finden auch nachts und bei bedecktem Himmel ihre Zugroute. Wiltschko lenkte in einem Versuch mit einem Käfig, in dem er das Magnetfeld änderte, Vögel in unterschiedliche Richtungen. Fortan war klar, dass Vögel sich nicht nur am Sonnenstand und den Sternen orientieren, sondern auch einen Magnetkompass besitzen. Spätere Forschung zeigte, dass sich in der Nase der Vögel Rezeptoren befinden, die Änderungen des magnetischen Flusses wahrnehmen. In ihren Augen haben die Vögel Rezeptoren, die die Richtungsänderungen des Magnetfeldes registrieren.Bei Tauben, die leicht zu halten, gut zu dressieren und damit wohl die besten Modellorganismen für den Magnetsinn sind, wurde bisher diskutiert, ob sie die Magnetfelder mithilfe von lichtempfindlichen Molekülen im Auge sehen oder ob magnetische Partikel in ihrem Schnabel ihnen den Weg weisen. Die Zellen und Partikel wurden gefunden – doch es ist bislang nicht gelungen zu belegen, dass sie der Sitz des Magnetsinns sind.Wissenschaftler um Christian Kurts, Clivia Lisowski von der Universität Bonn und Martin Wikelski vom MPI für Verhaltensbiologie in Radolfzell berichten nun in „Science“ von einem neuen Fund. Sie gehen davon aus, dass die Tiere mithilfe ihrer Leber navigieren können.Die Wissenschaftler hatten mithilfe der magnetischen Zellseparation Organe, von denen man annahm, dass sie mit dem Magnetsinn etwas zu tun haben könnten, nach besonders eisenhaltigen Zellen durchsucht: Augen, Schnabel und Gehirn. Auch Leber und Milz wurden durch die Apparatur geschickt. Und tatsächlich wurden die Forscher bei der Leber fündig.Was erst einmal kurios klingen mag, lässt sich zellbiologisch erklären: In der Leber gibt es spezielle Immunzellen, die Makrophagen, die alte rote Blutkörperchen abbauen. Diese enthalten Hämoglobin und damit Eisen, welches sich mit der Zeit in den Makrophagen anhäuft.Tatsächlich hat eine Analyse der verschiedenen Gewebe der Taube ergeben, dass die Leber die höchsten Eisenwerte enthält, somit der Ort ist, der am stärksten auf Magnetismus reagiert. Bei elektronenmikroskopischen Untersuchungen der Leber-Makrophagen zeigte sich dann, dass sich diese Zellen in der Nähe von Nervenfasern befinden. Das könnte ein Weg sein, über den die Informationen über das Magnetfeld von den Makrophagen in der Leber ins Gehirn gelangen.Einen Hinweis darauf, dass der Magnetsinn der Tauben tatsächlich in den Makrophagen ihrer Leber seinen Sitz haben könnte, fanden die Forscher auch: Vögel mit geschädigten Makrophagen fanden an bewölkten Tagen ihren Weg nach Hause nicht. Nur bei Sonnenschein erreichten sie ihren etwa 20 Kilometer entfernten Taubenschlag.Das liefert einen zweiten wichtigen Hinweis: Offenbar ist der Magnetsinn nicht die einzige Möglichkeit für Tauben, sich zu orientieren. Wie andere Vögel nutzen sie auch ihre Augen, wahrscheinlich nehmen sie Wegmarken wahr, an die sie sich von vorhergehenden Ausflügen erinnern. Das bedeutet, dass die Orientierung mindestens doppelt abgesichert ist.Offen bleibt aber, wie die Signale über das Magnetfeld, die von den Makrophagen möglicherweise über Nervenzellen bis ins Gehirn kommen, dort verarbeitet werden.
Magnetsinn: Orientieren sich Tauben mithilfe ihrer Leber?
Viele Tiere können das Magnetfeld der Erde wahrnehmen. Bei Tauben wurden nun auch Immunzellen in der Leber als magnetsensibel enttarnt.










