War’s die Hitze? Oder sind die Franzosen an allem schuld? Eins kommt zum anderen in Paris. Die hohen Temperaturen der vergangenen Woche ließen die Gemüter der Tennisprofis höher kochen. Die Lage wäre für die Spielerinnen und Spieler erträglicher gewesen, wenn die hohen Turnierherrschaften von Roland Garros nicht auch noch ihr eigenes Süppchen kochten. Als einziges Turnier auf der Welt von Rang und Namen verzichten die French Open auf die elektronische Linienüberwachung (Electronic Line Calling/ELC). Was dazu führt, dass auf manchen Plätzen gemeckert wird, als gäbe es kein Morgen.In Paris vergeht kein Tennistag, ohne dass mindestens ein Tennisprofi auf 180 ist. Ballabdrücke werden auf dem Ziegelmehl gesucht und nicht gefunden, die Schiedsrichter herbeigerufen und angepflaumt, wenn sie anderer Meinung sind, höhere Mächte werden verflucht. Der Amerikanerin Madison Keys gefällt es, wenn sich die Kollegen mit den Schiedsrichtern anlegen. „Es ist wie ein Drama. Dieses Element habe ich in unserem Sport etwas vermisst. Es verleiht ihm zusätzlich Feuer.“Mit ihrer Meinung gehört die Australian-Open-Siegerin eher zur Minderheit. Viel mehr schüttelt man in der Szene den Kopf über die French-Open-Verantwortlichen, die auf ihren Linienrichtern beharren und damit den Profizirkus verwirren. Mancher Tennisprofi weiß gar nicht mehr, wie er mit den Entscheidungen von Menschen statt Maschinen umgehen soll.„Es war unfair von ihr, auf meine Seite zu kommen“Los ging’s mit Pierre-Hugues Herbert. Der Franzose legte sich im fünften Satz seines Erstrundenmatches mit dem Schiedsrichter an, der einen Ball des Gegners auf der Linie sah. Herbert war vom Gegenteil überzeugt, blickte den Referee böse an und sagte: „Wenn du dich nicht entschuldigst, rede ich kein Wort mehr mit dir!“ Der Franzose suchte verzweifelt den Abdruck des Balles, fand nach Ansicht des Schiedsrichters aber nicht den richtigen.Hitziger Franzose: Pierre-Hugues HerbertReutersEine ähnliche Reiberei wiederholte sich, als die Chinesin Wang Xinyu plötzlich auf Tamara Korpatschs Platzseite auftauchte und die Hamburgerin des Betrugs bezichtigte. Angeblich habe sie auf einen falschen Ballabdruck gezeigt und damit die herbeieilende Schiedsrichterin Aurélie Tourte in die Irre geführt. Sie sei von der Anschuldigung überrascht gewesen, sagte Korpatsch. „Ich habe ihr nach dem Match nicht die Hand gegeben. Es war unfair von ihr, auf meine Seite zu kommen.“Am vergangenen Samstag wollte der Amerikaner Francis Tiafoe nicht glauben, dass ein Aufschlag seines Drittrundengegners Jaime Faria die Linie berührte, und legte sich mit dem Portugiesen an. „Spiel nicht den Harten. Das bist du nicht. Spiel.“Am Sonntag blieb Casper Ruud im Achtelfinale wie immer nett, obwohl er Grund zum Aufmucken gehabt hätte. Er hatte Satzball im Tiebreak des zweiten Durchgangs, als der Ball nach einer Vorhand des Brasilianers Joao Fonseca gerade so die Grundlinie touchierte – oder nicht? Die herbeigeeilte Schiedsrichterin entschied auf Punkt für Fonseca, die im TV gezeigten Bilder legen das Gegenteil nahe. Ruud verlor Tiebreak, Satz und Match.Roland Garros, das kleine gallische DorfWie die Gallier um Asterix und Obelix, die sich der Übermacht widersetzen, beharren die Pariser auf ihrem Recht, bei Tennismatches Menschen einzusetzen statt Maschinen. Die Profiorganisationen ATP und WTA haben zwar alle Turniere von der 250er-Kategorie an seit vergangenem Jahr verpflichtet, die Plätze mit ELC auszustatten und überwachen zu lassen. So wie es während der Covid-Pandemie üblich wurde, damit Profitennis mit wenigen menschlichen Kontakten möglich war. Die vier Grand-Slam-Turniere, im Welttennis die Großmächte, dürfen aber selbst entscheiden. Nach den US Open und den Australian Open hat 2025 selbst das konservative Wimbledon auf ELC umgestellt. Spinnen womöglich nicht die anderen, sondern die Gallier?Xinyu Wang und Tamara Korpatsch gerieten aneinanderdpaFrankreichs Tennisbund (FFT) begründet die Entscheidung pro Mensch mit der „Vortrefflichkeit des französischen Schiedsrichterwesens“. Dessen Zukunft werde gesichert, indem man Linienrichter einsetze und ihnen Matchpraxis ermögliche. Auch Inklusion spielt eine Rolle. So saß beim Sieg von Naomi Osaka gegen Iva Jovic am Samstag ein Linienrichter im Rollstuhl am Platz. Rund 400 Offizielle sind bei den French Open im Einsatz, drei Viertel davon vom FFT. Ihr Irren wäre menschlich.Doch auch die Elektronik ist nicht über jeden Zweifel erhaben. Dies legten die jüngsten Eindrücke vom Mastersturnier aus Madrid nahe. Dort zweifelten Profis reihenweise Entscheidungen an. Alexander Zverev und Elena Rybakina baten die Referees, vom Stuhl hinabzusteigen und die Ballabdrücke zu prüfen. Vergeblich. Die Schiedsrichter sind nicht befugt, den Computer zu überstimmen. Es gilt, was ELC wahrnimmt. Auch wenn es falsch ist.Die Fehlertoleranz des Systems beträgt drei Millimeter. Dabei tut es sich mit Sandplätzen schwerer als mit Hardcourts oder Rasen. Körnchen auf trockenem Untergrund verwischen nach dem Ballabsprung auf einzigartige Weise. Solche Ungenauigkeiten kämen Tennisprofis gelegen, behauptete Madison Keys in Paris: „Manchmal ist es gut, mitten im Match eine schnelle Auseinandersetzung anzuzetteln. Dann spürt man das Adrenalin, fühlt sich gut und macht weiter.“ So etwas geht nur, wenn Menschen auf dem Platz sind. Eine ELC-Minikamera anzuschreien, wirkte einfach nur hilflos.
French Open: Das gallische Dorf und seine vortrefflichen Linienrichter
Die French Open leisten sich einen Anachronismus: Das fehleranfällige menschliche Auge. Und die Spielerinnen und Spieler? Lieben das Drama um die Entscheidungen. Meistens jedenfalls.















