Jakub Mensik lag rücklings auf dem Tennisplatz. Jeden Versuch, sich zu erheben, gab er mit schmerzverzerrtem Gesicht auf. Die Minuten unter der prallen Sonne schienen immer länger zu werden. Sein Gegner Mariano Navone kam hinüber, gratulierte dem darniederliegenden Kollegen zum Sieg, bot Hilfe an, während Mensiks Trainer das Betreten des Platzes untersagt wurde. Sanitäter eilten herbei, legten Eisbeutel auf Kopf und Brust und in den Nacken.Irgendwann gelang es dem tschechischen Tennisprofi, mithilfe der Sanitäter aufzustehen und ins Schattige zu verschwinden, wo ein Rollstuhl für ihn bereitstand. Nach Eisbad und Behandlung fand er am Abend Kraft und Worte, um die Hitzeschlacht über 4:41 Stunden zu beschreiben: „Es ist Wahnsinn, bei diesem Wetter zu spielen. Vor allem in der prallen Sonne. Dort länger als viereinhalb Stunden auszuharren, ist einfach Wahnsinn.“Wie der 20 Jahre alte Mensik hilflos, allein und unter Krämpfen mitten auf Platz 6 von Roland Garros lag, nachdem er das Zweitrundenmatch gegen Navone für sich entschieden hatte, wird von diesen French Open im Gedächtnis bleiben. Erscheint das Bild von einem Mann, der nicht mehr kann, doch wie ein Symbol für Sport in Zeiten des Klimawandels.Switolina versucht „zu überleben“So heiß über so viele Tage hinweg war es noch nie bei den French Open. Und viele Spielerinnen und Spieler haben nach eigenen Angaben bisher an wenigen Turnierstandorten so sehr gelitten wie in Paris. Wegen der Hitzeglocke über Europa beträgt die Höchsttemperatur auf der Tennisanlage von Roland Garros jeden Tag mindestens 30 Grad Celsius. Der Norweger Casper Ruud fühlte sich während seines Erstrundenmatches am Montag wie „ein Zombie“, taumelte durch den vierten Satz, verlor ihn 0:6, vermutete einen Hitzschlag, siegte trotzdem nach vier Stunden. „Wenn es so heiß ist, versuchst du zu überleben: Du spielst nicht nur gegen deinen Gegner, sondern auch gegen die Bedingungen“, sagte die Ukrainerin Elina Switolina nach ihrem Zweitrundenerfolg am Mittwoch.„French Ofen“ nennt es die „Bild-Zeitung“: Die Profis in Paris (hier Darja Kassatkina) schwitzen.dpaJannik Sinner, der am Donnerstag auf dem Hauptplatz Philippe-Chatrier körperliche Probleme bekam und eine deutliche 6:3, 6:2, 5:1-Führung nicht zum Matchgewinn vollenden konnte, litt angeblich nicht übermäßig unter den extremen Bedingungen. „Ich bin nicht unter der Hitze zusammengebrochen“, behauptete der Weltranglistenerste, nachdem er dem Argentinier Juan Manuel Cerundolo in fünf Sätzen unterlegen war. Er habe sich schon morgens beim Aufstehen unwohl gefühlt, sagte der Italiener ohne weitere Erklärungen. So oder so war es für das Pariser Publikum schmerzlich anzusehen, Sinner beim Leiden zuzusehen.Leistungssportler lernen wie andere Menschen von der Pike auf, mit Hitze umzugehen: möglichst im Schatten aufhalten, viel trinken, viele Elektrolyte. Leichter gesagt als getan: Mensiks Match wurde in der größten Mittagshitze auf einem schattenlosen Außenplatz angesetzt. Ab Beginn des vierten Satzes, sagte der Tscheche, habe er Probleme gehabt, weiterhin Elektrolyte zu sich zu nehmen. Sein Körper machte nicht mehr mit. Weil er sich im fünften Satz vor den Aufschlägen zu lange Verschnaufpausen gönnte, bekam er vom Schiedsrichter eine Strafe („time violation“) nach der anderen aufgebrummt. Die müsse er hinnehmen, sagte Mensik später, „da sind sie hier streng“. Aber was sich der Schiedsrichter geleistet hätte, nachdem er nach dem verwandelten Matchball kraftlos zu Boden gesackt war, „dafür habe ich keinen Respekt“.Wie die French-Open-Verantwortlichen mit der Hitze umgehen, gibt nicht nur dem Tschechen Rätsel auf. Weil im Pariser Frühling bisher selten so hohe Temperaturen herrschten, sind die „Hitzeregeln“ nicht so geläufig wie beispielsweise bei den Australian Open oder an subtropischen Profiturnierstandorten. Leicht nachzuvollziehen sind sie auch nicht: Sie werden errechnet aus den Werten von Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung und Wind. Erreicht der Wert 32,2 Grad Celsius, dürfen die Spielerinnen (nach dem zweiten Satz) und Spieler (nach dem dritten Satz) zehnminütige Pausen machen.Djokovic für mehr AbendspieleNovak Djokovic behauptete, von diesen Regeln nichts zu wissen, und schlug einen generell anderen Umgang mit dem Klimawandel vor: die Spiele um zwei, drei Stunden nach hinten zu verlegen und zu beginnen. „Gerade für die Grand-Slam-Turniere sollte das kein Problem sein“, sagte der Rekordchampion, nachdem er am Mittwoch in der Nachmittagshitze das Schlimmste erfolgreich überstanden hatte: „Sie haben viele Plätze und Flutlicht.“ Noch nie wurde ein French-Open-Match wegen Erreichen der Höchsttemperatur verlegt.Ob mittags oder abends, auf Außenplätzen oder im Stadion – Absprung und Flugverhalten des Balles sind nie und nirgends gleich. Zu den Leidtragenden in Paris gehörte die Weltranglistenzweite Elena Rybakina, die überraschend in der zweiten Runde scheiterte. Die Australian-Open-Gewinnerin spielt die Bälle gerne hart und flach und erlebte einen Kontrollverlust. „Gibst du den Bällen nicht genug Drall, oder sind deine Hände nicht schnell genug, fliegen die Bälle überallhin.“Für die ausgeschiedene Rybakina kommt der fürs Wochenende angekündigte, leichte Wetterumschwung zu spät. Von Sonntag an sollen die Temperaturen nur noch um die 23 Grad Celsius liegen. „Wer sich beiden Bedingungen am besten anpassen kann, wird das Turnier gewinnen“, sagte Iga Swiatek. Die Polin muss es wissen: Sie hat bei Wind und Wetter vier der vergangenen sechs French-Open-Auflagen gewonnen.