Vom Prügelknaben zum Dominator: der Aufstieg der Eishockey-Nation Schweiz1988 verlor das Schweizer Nationalteam noch gegen Amateure aus Alaska. Heute geht es in fast jedes Spiel als Favorit. Die Heim-WM endete mit einer Finalniederlage – und ist dennoch die Krönung eines Prozesses, der unter dem legendären Coach Ralph Krueger begann.01.06.2026, 11.13 Uhr5 LeseminutenDie fast perfekte Heim-WM: Die Schweiz verliert am Sonntag gegen Finnland.Timo Stein / ImagoIm Februar 1988 nahm die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft an den Olympischen Spielen in Calgary teil. Im Rahmen der Vorbereitung reiste sie nach Fairbanks und bestritt dort ein Testspiel gegen die Alaska Gold Kings, ein lokales Amateurteam, bei dem bärtige Rowdys ihre Rückennummern mit Isolierband aufs Trikot geklebt hatten. Für die Schweizer setzte es eine Kanterniederlage ab, eine der denkwürdigsten in der Neuzeit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Es war die Geburtsstunde einer neuen Zeitrechnung, der Annäherung an die Weltspitze.Schwierige Schweizer Anfänge in der NHLIn den 1990er Jahren machten die ersten Schweizer Eishockeyprofis Bekanntschaft mit der wunderlichen, fremden Welt der lange für unerreichbar befundenen NHL. 1995 schrieb der Torhüter Pauli Jaks mit seinem Debüt Geschichte: 40 Einsatzminuten erhielt er bei den Los Angeles Kings. 1997 wurde der Stürmer Michel Riesen zum ersten Schweizer Erstrunden-Draft überhaupt. Für Edmonton absolvierte er nur zwölf Spiele und musste sich dort als «Swiss Miss» beschimpfen lassen.So wurden Schweizer Eishockeyspieler in Nordamerika lange wahrgenommen: als körperlich und geistig verweichlichte Memmen. Was zwar mehr über die vertraute Überheblichkeit in Übersee aussagte als über tatsächliche Schweizer Schwächen. Aber die Ehrfurcht vor den grossen, weltgewandten Eishockeyaufklärern mit amerikanischem und vor allem kanadischem Pass war so gross, dass das Image bei einer ganzen Generation die Selbstzweifel noch grösser machte.Sie wurden auch davon genährt, dass das Nationalteam zwar emsig Fortschritte erzielte, aber halt doch nie einen Exploit landen konnte. Krueger trieb die Entwicklung während zwölf Jahren geduldig und mit unerschütterlichem Optimismus voran. Aber die Schweiz gewann unter ihm nach 1998 nie wieder einen Viertelfinal an Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften.Mangels Talent beim Spielermaterial verordnete Krueger seinem Kollektiv eine Reduit-Taktik, die auch aus der Gedankenwelt von General Guisan hätte stammen können. Die Schweiz verteidigte tapfer und verlor ehrenvoll. Aber irgendwann führte das zu einer Art Komplex und hatte die Konsequenz, dass die vorherrschende Meinung im Land darin bestand, dass die grossen Nationen wohl schlicht auf alle Zeiten besser sein würden. Was soll man als kleine Schweiz denn dagegen tun?Mit dieser Schicksalsergebenheit war es erst vorbei, als die Schweiz unter Kruegers Nachfolger, dem Coach Sean Simpson, an der WM 2013 in den Final vorstiess und Silber holte. Der Coup fiel in die Anfangsphase jenes goldenen Zeitalters, das am Sonntagabend in Zürich fast mit dem Weltmeistertitel gekrönt worden wäre. In der NHL hatten Wegbereiter wie Mark Streit – der erste Schweizer Grossverdiener und Captain in der besten Liga der Welt – in jahrelanger Kleinstarbeit so lange Vorurteile abgebaut, bis es auch den überheblichen Nordamerikanern dämmerte, dass die Farbe des Passes eine maximal untergeordnete Rolle spielt.Sie sind in der Schweiz von fähigen Trainern ausgebildet worden, die sich teilweise im Ehrenamt um den Nachwuchs kümmern. Im hiesigen Juniorenwesen sind Weltklasseathleten gefördert worden: Akteure wie Roman Josi, Kevin Fiala und Nico Hischier gehören zu den Führungsspielern ihrer Teams. Hischier wird 2027 zum am besten bezahlten Schweizer Eishockeyspieler der Geschichte aufsteigen.Patrick Fischer konnte auch Niederlagen gut verkaufenIm Nationalteam wurde im Dezember 2015 der geschickte Selbstvermarkter Patrick Fischer als Trainer eingestellt. Fischer war eine Notlösung mit bescheidenem Leistungsausweis, aber auch ein telegener Botschafter, der fast alles gut verkaufen konnte – auch schmähliche Niederlagen. An seiner ersten WM verlor die Schweiz in Moskau gegen Kasachstan sowie Norwegen und wurde nur Elfte. 2017 war im Viertelfinal Schluss. Doch Fischer redete unbeirrt weiter von der Weltmeisterschaft.Die Botschaft verfing bei den Spielern, bei denen längst eine neue Generation herangewachsen war. Eine, die sich nicht mehr verstecken wollte und die die unterwürfige Demut ihrer Vorgänger ablegte. 2018 stürmte die Schweiz in Kopenhagen in den Final. 2024 und 2025 gelang das wieder. Und heute, an der Heim-WM, gilt das erneute Silber endgültig als grosse Enttäuschung. Fischers Nachfolger Jan Cadieux übernahm die Anspruchshaltung und liess das Team endgültig so auftreten, wie es seinem sportlichen Status entspricht: selbstbewusst und dominant. Hätte man vor 38 Jahren jemandem von der heutigen Anspruchshaltung erzählt und davon, welche Dynamik rund ums Team entstanden ist, man wäre in Fairbanks in die Gummizelle gesteckt worden.Gemessen an ihren Möglichkeiten haben die Schweizer an der WM bis auf den intern unsinnigerweise gesperrten Verteidiger Lian Bichsel sowie verletzte Spieler auf das bestmögliche Personal zurückgreifen können. Bei kaum einem der 15 übrigen Teilnehmer war das der Fall; selbst dem sensationellen Bronzemedaillengewinner Norwegen fehlten die prominentesten Individualisten. Swiss Ice Hockey – und vor allem die Spieler untereinander selbst – erschufen eine Kultur, in der sich die besten Kräfte für drei Wochen bereitwillig gegen überschaubare finanzielle Kompensation in den Dienst des Landes stellen. Das ganze Turnier über war augenfällig, wie sehr die Schweizer davon profitierten, dass sich die Spieler seit vielen Jahren kennen. Die tief verinnerlichten Automatismen im Schweizer Kollektiv waren bei der Gegnerschaft nicht zu erkennen – wie auch?Das fast perfekte Heimturnier, 9 Siege in 10 Spielen, war die logische Konsequenz. Die Niederlage im Final schmälert die Freude erheblich, und dennoch darf das Team stolz auf die Entwicklung sein. Zumal sich die Zukunft trüber ankündigt: Es mangelt an Nachwuchs auf dem allerhöchsten Niveau, um diesem angejahrten Nationalteam frisches Blut zuzuführen.Und es wird sich auch erst noch weisen müssen, ob die besten Kräfte ihre eiserne Aufgebotsdisziplin aufrechterhalten können und wollen. Der Stürmer Nino Niederreiter warnt seit Jahren davor, dass sich die Eishockey-Schweiz von den Erfolgen des Nationalteams blenden lasse und die Quittung für diese Ignoranz eher früher als später erhalten werde. Es wäre keine Überraschung, sollte Niederreiter recht behalten und auf den vorübergehenden Rausch von 2026 ein arger Kater folgen.Passend zum Artikel