Den Schädel nach aussen gestülpt, auf dass er zum Uterus werde – der rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu wird 70Mircea Cartarescus literarischer Ruhm wuchs langsam, aber gewaltig. Sein Schaffen lässt sich insgesamt als paradoxer Versuch begreifen, jene gigantische innere Leere, die das Scheitern des kommunistischen Experiments hinterliess, demiurgisch mit «Sinn» zu füllen.01.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenUniversalpoesie, in berserkerhafter Weise: Mircea Cartarescu.Leonhard Hilzensauer / Zsolnay1989, als mit der Epochenwende die Tore zum literarisch weiten und tiefen Ostmitteleuropa endlich sperrangelweit aufgingen, gehörte der Rumäne Mircea Cartarescu nicht zu den Ersten, deren Schaffen ins Auge sprang. Der tschechische Germanist Eduard Goldstücker orakelte 1990, der geschichtsmächtige Roman der Gegenwart werde aus dem europäischen Osten kommen, wo die Menschen radikaler und auswegloser mit ihrer Geschichte konfrontiert seien als jene im Westen. Und so machte man sich im deutschsprachigen Raum denn auf die Suche nach osteuropäischen Werken, die nicht nur den ganz normalen Albtraum des Realsozialismus, sondern auch den Zivilisationsbruch des Holocausts und die Bestialität des Krieges sowie die Verbrechen der stalinistischen Diktatur gültig zu fassen vermochten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ob Milan Kundera, Péter Esterhazy oder Czeslaw Milosz – in den Dezennien davor hatte vor allem osteuropäische Literatur Beachtung gefunden, die schneidend-intellektuell, clownesk-ironisch oder tragisch-episch politischen Widerstand leistete. Nun poppten neue Namen auf. Péter Nádas’ monumentales «Buch der Erinnerung» (1986, dt. 1991) wurde zum Fanal einer Literatur, die sich inhaltlich kühn und formal anspruchsvoll sowie nicht selten aus ureigener Zeugenschaft heraus den nach wie vor klaffenden oder schwärenden, aber auch scheinbar versiegelten Wunden der Historie widmete.Neu aus alten Quellen schöpfenAleksandar Tišma, Imre Kertész, Ismail Kadare, Danilo Kiš, Aharon Appelfeld und Wislawa Szymborska sind hier primär zu nennen. Hinzu kam eine Unzahl jüngerer Talente wie David Albahari, László Krasznahorkai, Ádám Bodor, Joachim Topol, Andrzej Stasiuk, Georgi Gospodinov, Jurij Andruchowytsch und Olga Tokarczuk. Und auch in den Archiven des Schweigens wurde man fündig: Plötzlich fingen so gut wie vergessene tote Autoren wie Bruno Schulz und Antal Szerb, Sandor Marai und M. Blecher laut und deutlich an zu sprechen.Der Ruhm von Mircea Cartarescu kam langsam, aber gewaltig. Er war unter den vielen literarischen Titanen des Ostens ein Autor sui generis. 1956 in Bukarest geboren und literaturwissenschaftlich ausgebildet, gab er sein Debüt 1978 mit Gedichten; 1980 folgte erste Prosa. In den Jahren danach schrieb er unter den Bedingungen strikter Zensur, ohne grosse Hoffnung auf Übersetzung. Als im Dezember 1989 der kommunistische Diktator Nicolai Ceausescu stürzte, begann sich Rumänien vom Albtraum einer Ära zu lösen, die im Zeichen von Terror, Entmenschlichung und Entbehrung gestanden hatte.Für Rumäniens Literatur eröffnete sich die Chance, wieder aus Quellen zu schöpfen, die systematisch trockengelegt worden waren. Dazu gehörte die Moderne der Jahrhundertwende wie der Zwischenkriegszeit: der Symbolismus und der Surrealismus, der Primitivismus und die Phantastik, aber auch die neue Sachlichkeit und der Futurismus. Das lange verbotene ästhetische Feld stand erneut offen, als Schock oder Montage, Abstraktion oder Hässlichkeit, Absurdität oder Paradoxie. Nur der moderne Fortschrittsglaube und Wahrheitsanspruch liess sich nicht weiterführen. Die Welt hatte sich als disparat und die Geschichte als chaotisch erwiesen. Weshalb in der Konsequenz auch die Perspektive des allmächtigen Erzählers nicht mehr taugte.Eben an diesem posthistorischen Ort ist das Werk Mircea Cartarescus angesiedelt. Der Autor schöpft aus dem Fundus der Universalpoesie, und dies in berserkerhafter Weise. Seiner Prosa eignet eine grundlegend existenzielle Wucht, ob sie nun in leichten oder schweren, heiteren oder dunklen Ton- und Stillagen daherkommt: Es gibt Cartarescu ironisch-verspielte erotische Erzählungen («Warum wir die Frauen lieben»), exzessive Erinnerung an die monströsen Abgründe der Pubertät («Nostalgia»), psychedelisch überdrehte Adoleszenz- und Künstlerromane («Travestie») oder aberwitzige, alle Raster des Verstehens unterlaufende psychedelische «Antiliteratur» («Solenoid»).Mircea Cartarescus Opus magnum ist zweifellos die 1500-seitige Romantrilogie «Orbitor» aus den Jahren 1996 bis 2007. Es handelt sich um eine literarische Kathedrale des Wissen und der Imagination, ein manieristisches Wunderwerk. In seiner feinsinnigen Monstrosität, seinem ironischen Ernst, seiner phantasmagorischen Genauigkeit und romantischen Seele kann es mit allen Grössen der Weltliteratur mithalten.Das Inbild des SchmetterlingsDas im Selbstporträt als einsame Existenz angelegte Werk («Die Wissenden», «Der Körper» und «Die Flügel» heissen die Bücher im Deutschen) handelt von der Verstossung aus dem Paradies der Kindheit, durchleidet die Pubertät und landet am Ende im Orkus der Geschichte. Es ist bis in die feinsten Poren durchdrungen von der Allegorie und Ontologie des Schmetterlings. Diese vereint Schönheit und Schrecken, Gefangenschaft und Befreiung, Geist und Materie, steht für Verwandlung und Transzendenz. Um nicht weniger als um alles geht es in diesem Buch – um Geburt und Leben, Tod und Wiederauferstehung, Apokalypse und Erlösung.Die Handlung von «Orbitor» lässt sich unmöglich zusammenfassen. Byzantinisch wirkt alles, und wild gebärdet sich die Phantasie. Die Trilogie quillt über von Erzählungen und Schilderungen, Erinnerungen und Visionen, Allegorien und Traktaten, die sich labyrinthisch ineinander-, übereinander- und durcheinanderschieben. Da ist die Geschichte der Eltern, da die apokalyptische Mythologie der Sippschaft, die einst aus Bulgarien in die Walachei floh. Es gibt Ahnen, die aus den Gräbern steigen, Dörfler, die im Mohnrausch übereinander herfallen, und Engel, die sich in den Kampf werfen. Erzählt wird weiter vom Zweiten Weltkrieg und von den amerikanischen Bomben, die Bukarest verheeren. Dies alles aber sind nur Episoden im endzeitlichen Kampf zwischen den Mächten der Finsternis und des Lichts. Am Ende steht mit dem Sturz Ceausescus das real gewordene Ende der Tage.Der realsozialistische Alltag wiederum bedeutet die Allgegenwart von Hunger und Kälte, Dreck und Armut, Schlangestehen und Überwachung, Demütigung und Lüge. Eine Testosteronwolke dampft über dieser Gefängniswirklichkeit und hüllt Bukarests Plätze und Hinterhöfe, Kinos und Kneipen, Wohnpaläste und Krankenhäuser in den Duft des Erotischen wie des Morbiden. Die Grenzen von Organischem und Anorganischem, von Pflanze, Tier und Mensch sind ebenso aufgehoben wie jene zwischen Erfahrung und Imagination, Erzählung und Reflexion.Intellektuell kaum zu fassen ist das Konglomerat von Schöpfungslehre und Geheimwissen, Gnosis und Metaphysik, Mystik und Esoterik, das den Text durchzieht. Alles wird getragen von einer Sprachkraft von stupender Spannweite und bodenloser Tiefe. Das Reale zur Kenntlichkeit entstellend, arbeitet Mircea Cartarescu lust- und qualvoll den obszönen Charakter der Welt heraus.Dieses «totale Buch», das den Leser überwältigt, ist ein polyfones postmodernes Meisterwerk. Es machte Cartarescu zum Star einer rumänischen Generation, die sich am Epochenwechsel ebenso berauschte, wie sie von ihm überwältigt wurde. Geschichtsmächtiger und geschichtsträchtiger kann ein Roman kaum daherkommen. Eduard Goldstücker hätte seine Freude daran gehabt.Vielleicht lässt sich Mircea Cartarescus Schaffen insgesamt als paradoxer Versuch begreifen, jene gigantische innere Leere, die das Scheitern des kommunistischen Experiments hinterliess, demiurgisch mit «Sinn» zu füllen. Das romantische Programm einer mythologischen Wiederverzauberung der Welt geht in eines mit dem Exorzismus des Bösen, was die fiebrige Melange von Mystik und Horror, Apotheose und Zerstörung, Endzeit und Neubeginn erklärt, die sein Schreiben durchzieht. Darin hat einer seinen Schädel ganz nach aussen gestülpt, auf dass er zum Uterus werde.Es irrt, wer denkt, dass Mircea Cartarescu mit seinen literarischen Tollkühnheiten seine Gefühle und Gedanken erschöpft sowie sein Genie verbrannt habe. Der Roman «Theodoros» (dt. 2004) bezeugte mächtig das Gegenteil. Wenn der Dichter heute am 1. Juni siebzig wird, sei ihm in seiner energetischen Existenz zwischen Exzentrik und Einsamkeit, Ekstase und Erleuchtung ein sanfter Moment des Auf- und Durchatmens gegönnt.Passend zum Artikel