Wo Wunder an der Tagesordnung sind – Miroslav Hlauco beschwört eine friedliche, vormoderne WeltIn seinem Roman «Pfingsten» porträtiert der Tscheche Miroslav Hlauco mit Witz und Verve eine Berggemeinde, die sich dem technischen Fortschritt am liebsten verweigern würde. Seine rückwärtsgewandte Utopie verzichtet ganz auf Tragik.Judith Leister06.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenBestes Debüt und bester Roman: Miroslav Hlauco.PDIn St. Georg sind die Wunder zu Hause. An Sonntagen beehren friedliche Wölfe das Städtchen in den Bergen. Zu den minderen Fähigkeiten seiner Bewohner gehört es, über Wasser zu gehen und mit Heiligenfiguren zu plaudern. Ein Baumflüsterer fällt Bäume ohne Axt. Der Felsspalter arbeitet im Steinbruch mit einer eisernen Pfeife. Dagegen wirkt die Heilerin «Maria mit den Händen weich wie Moos» fast schon trivial.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mensch und Tier leben harmonisch zusammen in St. Georg, dem habsburgischen Schauplatz von Miroslav Hlaucos Roman «Pfingsten». Für seine Fabulierfreude wurde das Erstlingswerk des 59-Jährigen beim tschechischen Literaturwettbewerb Magnesia Litera 2025 gleich doppelt, in den Kategorien bestes Debüt und bester Roman, ausgezeichnet.Method der 43.In dieser Ortschaft «voller Merkwürdigkeiten» müht sich der Pfarrer, Method der 43., wacker, vor die Ereignisse zu kommen. Der angebliche Nachfolger des historischen Slawenapostels Method, der im 9. Jahrhundert mit seinem Bruder Kyrill zur Slawenmission entsandt wurde, kommt bei den Zeichen und Wundern kaum hinterher: «Wochenlang erschrak er vor Wölfen, Winden und Gespenstern, bis heute erinnert er sich, wie er nachts vor Angst nicht einschlafen konnte, bis er endlich begriff, dass dieser Flecken Erde einfach Gottes Werk war.»Doch mit Gott und Religion hat dieser Roman so viel zu tun wie die magischen Knöchelchen der Heiligen, die noch heute in jedem katholischen Altar stecken, mit dem Monotheismus. Viel eher geht es in «Pfingsten» um den Konflikt zwischen Tradition und Moderne.Das Neue erreicht den Ort kurz vor Ostern 1903 in Gestalt von Odysseus Pastyr, einem totgeglaubten Sohn der Stadt. Längst wurde im Gedenken an ihn auf dem Friedhof ein leerer Sarg beerdigt; der seufzende Pfarrer machte einen Eintrag im Kirchenbuch. Doch nun ist Odysseus zurück.Was soll Method seinen Schäfchen sagen? War der Mann nie tot? Oder ist er wiederauferstanden? In jedem Fall steht Odysseus, dessen Nachname «Hirte» bedeutet, in freundlicher Konkurrenz zum eingesessenen guten Hirten der Stadt. Der Weitgereiste verkörpert den technischen Fortschritt, die Eisenbahnzüge und Nähmaschinen, die zumindest virtuell auch in das abgelegene St. Georg drängen.Gogol lässt grüssenDie grössere Gefahr für St. Georg geht jedoch vom Besuch eines kakanischen Obernotars aus. Franz von Rechnitz heisst der «junge, studierte, eingebildete Edelknecht» aus Wien. Wie einst Gogols Revisor will der schneidige Herr den Ungereimtheiten vor Ort auf den Zahn fühlen. Das Städtchen ist in Aufruhr. Ein Einwohner sagt: «Warum kann nicht alles so bleiben, wie es ist? So wie es ist, ist es gut! Oder nicht?» Werden die Menschen in Zukunft weiter wie «die Lilien auf dem Feld» existieren können, wie Method aus der Bergpredigt zitiert – ohne angepasst und ausgebeutet zu werden?Unterdessen bricht zwischen den Brüdern Odysseus und Thomas ein – bald beigelegter – Händel um das Mädchen Julia aus, und der Leser erfährt mehr über Odysseus’ Abenteuer als Kammerdiener des freisinnigen Grafen Hohenlohe und die rund dreissig anderen burlesken Charaktere des Romans. Die Schildbürger und Baron Münchhausen haben Pate gestanden, auch Gogol und die tschechische Moderne mit Jaroslav Hasek und Bohumil Hrabal – bis hin zum magischen Postmodernen Michal Ajvaz. Die besondere Anziehungskraft dieses Romans besteht darin, dass er einen vitalen Kontrapunkt zu unserer immer stärker entkörperlichten Welt setzt. Denn auf die Beschleunigung der Welt um 1900 folgt derzeit ihre Digitalisierung. Ob auch das durch ein «Pfingstwunder» versöhnlich ausgeht, wird sich noch zeigen.Miroslav Hlauco: Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt. Roman. Aus dem Tschechischen von Raija Hauck. Anthea-Verlag, Berlin 2026. 424 S., Fr. 38.90.Passend zum Artikel